Mein Vater gehörte zu den vielen Muslimen, die irgendwann in Berlin in keine Moschee mehr gingen. Er kam aus einem Dorf in Zentralanatolien, aber den altmodischen Islam, den die Imame in Deutschland verkündeten, empfand er nicht als Heimat. Die Grabenkämpfe zwischen den Moscheen und auch die politischen Predigten, welche Partei man wählen sollte, schreckten ihn ab.

Mein Vater hat den letzten Wahlkampf deutscher Moscheen für die AKP und für Erdoğan im Jahr 2015 nicht mehr erlebt. Ein Jahr zuvor beerdigten wir ihn in der Türkei, wo die Religionspolitik autoritär und die Theologie rigide geworden ist. Zugleich wünschen sich immer mehr Musliminnen und Muslime einen friedlichen Islam, der den Dialog mit anderen Religionen pflegt. Doch dieser Islam hat in Europa noch keinen Ort. Es gibt nur die etablierten konservativen Gemeinden, die Kritik und Zweifel kaum zulassen. Was fehlt, ist eine liberale Moschee. Dort wäre der Prophet Mohammed kritisierbar, und wir könnten die Reform unserer Religion diskutieren – über sämtliche islamischen Rechtsschulen hinweg. Warum gibt es diese Moschee nicht?

Als vor einigen Jahren mein Schwager starb, musste ich erleben, wie Frauen beim muslimischen Totengebet ausgegrenzt und in ihrer Trauer total übergangen wurden. Erst saßen wir in einem separaten Gebetsraum. Der Imam nutzte die Gelegenheit, alle daran zu erinnern, dass in der Hölle schmoren wird, wer nicht regelmäßig betet und seine Pflichten als guter Muslim erfüllt. Das Totengebet, das immer im Hof einer Moschee stattfindet, haben wir Frauen verpasst, weil wir die Moschee nicht durch den Haupteingang verlassen durften. Bis wir endlich im Hof ankamen, hinter den Männern, wo muslimische Frauen hingehören, war das Gebet beendet.

Manche Musliminnen sagen: Das war schon immer so, so muss es sein. Einige weibliche Verwandte straften mich mit "Du übertreibst"-Blicken, als ich mich empörte. Sie sind es gewohnt, am Rand des Geschehens zu stehen. Vielleicht bin ich zu westlich und zu empfindlich. Doch warum soll ich nicht würdig Abschied nehmen von meinem Schwager? Stehe ich mit diesem Wunsch schon außerhalb meiner Religion?

Als mein Vater 2014 in der Türkei beerdigt wurde, war ich völlig verunsichert. Immer wieder musste ich nachfragen, was ich als Tochter darf und was nicht. Die Antworten waren unerträglich. Wir Frauen sollten zum Beispiel weit weg stehen, während der Tote im Leichentuch in die Erde gelegt wurde. Mir wurde erklärt, das sei nötig, weil weinende Frauen die Totenruhe stören.

Frauen sollen nämlich nicht verzweifelt heulen, sondern in der Küche den Leichenschmaus, die Helva, zubereiten. Sie sollen froh sein, wenn sie islamische Rituale mitmachen dürfen. – Aber ist diese Sicht dem Koran gemäß? Und welchen Imam könnte ich das fragen?

Die meisten Moscheen weltweit sind heute konservativ bis fundamentalistisch. Männer und Frauen beten in getrennten Räumen. Die Männer natürlich im schönen Hauptraum, die Frauen hinten, hinter einem Paravent, oder in einem lieblosen Nebenraum. Selbst in der großen Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul dürfen wir den großen Gebetsraum nicht betreten. Ein Schild zeigt eine durchgestrichene Frau. An keinem anderen Ort fühle ich mich derart diskriminiert wie in Moscheen. Ist meine Religion Männersache?

Ich nehme das Beispiel Frauen – nicht nur, weil ich Frauenrechtlerin bin, sondern weil sich hier besonders drastisch das Modernisierungsproblem im Islam zeigt. Nur durch eine geschlechtergerechte Auslegung des Korans und der Hadithen könnten wir an eine Gleichberechtigung glauben, wie sie uns in Deutschland vom Grundgesetz garantiert wird. Doch welcher Imam hat den Mut? Wer legt sich mit Islamisten an?

Die sind auf dem Irrweg, auch theologisch. Der erste Mensch, der mit dem Propheten Mohammed betete und dem Islam beitrat, war seine Ehefrau Chadidscha (türkisch: Hatice), mit der er 25 Jahre monogam lebte. Trotzdem verteidigen die meisten Imame die Vielehe als Norm. Am Hofe des Propheten beteten Männer und Frauen gemeinsam, die Verhüllung der Frauen kam später. Warum dürfen wir heute nicht zusammen beten? Warum dürfen Frauen kein Freitagsgebet leiten? Aus Angst und aus falschem Traditionsstolz bleibt in muslimischen Gemeinden vieles unhinterfragt.

Nichtmuslime machen es uns aber auch nicht einfach, uns zu einem neuen Islam zu bekennen. Momentan sind viele überzeugt, jeder der 1,57 Milliarden Muslime sei ein potenzieller Terrorist. Wegen der dauernden Anschläge ist es nahezu unmöglich geworden, den durchschnittlichen Bürger im Westen für die positiven Aspekte des Islams zu gewinnen.

Als aktive Facebook-Nutzerin habe ich, ebenso wie ich es zu Weihnachten, zu Ostern und an Chanukka tue, auch zum muslimischen Regaib Kandili gepostet. Ich habe allen meinen Freunden – und nach dem Vorbild Margot Käßmanns auch meinen Feinden – ein frohes Fest gewünscht. Die Reaktionen waren erschreckend. Mir wurde bewusst, dass ein erheblicher Teil meines Freundeskreises auf Facebook es zwar gern sieht, wenn ich an christliche und jüdische Feste denke – aber muslimische? Bitte nicht! Offenbar lebe ich in einer Parallelwelt.