Cincin, wie er sich nannte, kam meist im Trainingsanzug, wie ein alter Bekannter, der auf einen Kaffee vorbeischaut. Was macht die Familie, wie läuft der Laden? So in etwa liefen die Gespräche ab. Irgendwann nervten die Besuche Alfredo M. S. zwar, aber Cincin kam weiter fast täglich ins Casa Alfredo, ein kleines Kellerlokal in der Kirchenallee.

Vielleicht hätte M. S. den ungebetenen Gast schon damals, 2013, rausschmeißen sollen, sagen sollen: Cincin, du nervst. Aber der Restaurantbesitzer lächelte, servierte Kaffee – und bahnte damit, ohne es zu ahnen, den Weg ins Drama.

Heute, drei Jahre später, wird die Begegnung zwischen Cincin, der eigentlich Ercan D. heißt, und M. S. vor dem Landgericht verhandelt. M. S. ist angeklagt wegen Totschlags. Und obwohl der Prozess erst vorige Woche begann, steht schon fest: M. S. wird für Jahre ins Gefängnis kommen. Am 30. September vergangenen Jahres hat er Ercan D. erschossen. Leichenspürhunde haben den Körper des 49-Jährigen sieben Wochen später unter dem Steinboden des Lokals entdeckt, wenige Meter vom Gastraum entfernt.

Vor Gericht gesteht der gebürtige Portugiese, ein hagerer, grauhaariger Mann im grauen Anzug, gleich zu Beginn alles. Es sei, so stellt er es dar, eine Verzweiflungstat gewesen, die einzige Chance, D. endlich loszuwerden. Glaubt man der Version des 52-Jährigen, hat sich wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt ein Krimi aus Schutzgelderpressung, Bedrohung und Gewalt abgespielt, wie man es sonst nur aus sizilianischen Mafiafilmen kennt.

Irgendwann, so erzählt es der Angeklagte, habe D. immer öfter angedeutet, dass M. S. einen Freund wie ihn dringend brauche. Ein Gastronom aus der Langen Reihe sei sauer auf M. S., weil der schlecht über ihn geredet haben soll. 5.000 Euro Entschädigung solle er zahlen, dann sei die Sache schnell vergessen.

M. S. zahlte, doch nichts war vergessen. Plötzlich hieß es, der Gastwirt habe "Albaner und Afghanen" auf ihn angesetzt. Aber Cincin könne helfen: Seine Leute würden aufs Casa Alfredo aufpassen, für 1.000 Euro im Monat.

M. S. ließ sich auf den Deal ein, zahlte Monat für Monat, insgesamt rund 25.000 Euro. Dann reichte es ihm. Und plötzlich seien zwielichtige Typen aufgetaucht, hätten die Gäste belästigt. Rief er Ercan D. dann an und versicherte, wieder zu zahlen, verschwanden die Männer.

Im Sommer 2015, sagt M. S., konnte er nicht mehr. Er hatte Geldsorgen, aber D. stellte immer weitere Forderungen.

Es war ein Mittwoch Ende September, als D. sich nach Ladenschluss an einen Tisch im Casa Alfredo setzte und vor sich eine Waffe legte. D. wollte Geld – und forderte M. S. auf, seine Töchter arbeiten zu schicken, die seien alt genug. Glaubt man M. S., eskalierte an diesem Punkt die Situation. Voller Wut sprang er auf, so erzählt er es, der Tisch kippte um. Beide Männer fielen zu Boden, M. S. spürte unter sich die Waffe, griff nach ihr und schoss.

Die Staatsanwaltschaft folgt dieser Version. Sie hat M. S. nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags angeklagt. Darauf steht eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und fünfzehn Jahren. M. S. ist bisher unbescholten, sein Ruf in St. Georg gut. D. war mehrfach vorbestraft, wegen Drogenhandel, Nötigung, Diebstahl und Betrug.

Eine Verzweiflungstat. Und was machte der Verzweifelte mit der Leiche? M. S. schildert, wie er sie in den Hinterraum zog und in eine Grube hievte, die er für einen Fettabscheider ausgehoben hatte. Er schüttete Beton darauf, verlegte neuen Boden. Und schon wenige Tage später machte er weiter, als wäre nichts gewesen, bediente seine Gäste, scherzte, lachte.

Der Schuss, glaubt man seiner Geschichte, war für ihn das Ende eines entsetzlichen Showdowns. Und eine Befreiung. Nachdem er abgedrückt hatte, sagt M. S., "war es ruhig".