In den Sammlungsräumen der Folger Shakespeare Library in Washington gibt es ein unscheinbares weißes Metallregal mit 13 breiten Fächern. In jedem liegen nebeneinander je sechs Folianten, von denen nur die unterschiedlich hohen, aufwendigen Rücken zu sehen sind: manche in Rot, manche in Grün, manche in Blau – die meisten mit goldenen Prägungen zwischen den Stegen verziert. Weil Sammler schon für eines dieser Bücher einen Einbruch riskieren würden, steht das weiße Baumarktregal mit seinen dünnen Einhängeböden in einem klimatisch überwachten und elektronisch hoch gesicherten Raum des 1932 eröffneten Instituts. Hier lagert einer der kostbarsten Schätze der Kulturgeschichte der Neuzeit: insgesamt 82 Exemplare der ersten gedruckten Ausgabe der Werke von William Shakespeare – ein Drittel aller überhaupt noch erhaltenen Ausgaben des legendären First Folio.

Gesammelt hat sie der ehemalige Standard-Oil-Präsident Henry Clay Folger – aus reiner Leidenschaft. Obwohl alle Erstausgaben im Jahr 1623, sieben Jahre nach dem Tod des Dichters, erschienen sind, gleicht doch kein Exemplar dem anderen. Nicht nur, weil viele von ihnen nur als lose Druckbögen gekauft und erst später nach dem Geschmack des Besitzers oder den Standards einer Bibliothek eingebunden wurden: Es gibt keine einheitliche autorisierte Textfassung der wohl berühmtesten Theaterstücke der Literaturgeschichte. Als der First Folio vor fast 400 Jahren von Hand gesetzt und gedruckt wurde, hatten die Verantwortlichen den Ehrgeiz, während des Druckprozesses noch zu korrigieren und zu ergänzen, was man an neuen Informationen hinzugeliefert bekam. Der berühmte Hamlet-Monolog liest sich deshalb in Details anders – je nachdem, in welchem Exemplar der ersten Ausgabe man ihn nachschlägt.

Der "First Folio" von Shakespeare zählt zu den teuersten Büchern der Welt

Wenn also, wie in der kommenden Woche, ein noch gänzlich unbekanntes Exemplar des First Folio angeboten wird, ist damit immer auch das Versprechen neuer philologischer Entdeckungen verbunden. Am 25. Mai versteigert das britische Auktionshaus Christie’s in einer Spezialauktion im Jahr des 400. Todestages des britischen Nationaldichters einen in rotes Marokko-Leder gebundenen First Folio aus der Sammlung des britischen Parlamentariers Sir George Augustus Shuckburgh-Evelyn (1751 bis 1804). Die gleiche Provenienz haben auch die am selben Tag angebotenen Ausgaben des Third Folio von 1664 und des Fourth Folio, der 1685 erschien. Aus anderem Privatbesitz erhielt Christie’s zudem ein Exemplar der zweiten Ausgabe, des Second Folio aus dem Jahr 1632. Er enthält erstmals auch gedruckt den inzwischen berühmten Grabspruch, den John Milton seinem Dichterkollegen Shakespeare widmete, und wurde zuletzt 1985 in New York für 21.000 Dollar versteigert.

Zum ersten Mal werden damit die raren vier ersten Gesamtausgaben in einer einzigen Auktion angeboten – als einzelne Lose für obere Schätzpreise von 1,2 Millionen, 250.000, 400.000 und 20.000 Pfund. Vor allem der Preis für den First Folio erscheint dabei als niedrig, wenn man weiß, dass im Juli 2006 ein Exemplar mit einem Preis von 2,8 Millionen Pfund zum seinerzeit teuersten Buch der Welt wurde. Das nun angebotene Exemplar hat allerdings auch ein kleines Manko: Neun Vorblätter fehlen und liegen nur als Faksimiles bei – darunter die Titelseite mit dem Shakespeare-Porträt des Londoner Kupferstechers Martin Droeshout. Seine Shakespeare-Darstellung gilt – nicht zuletzt, weil sie noch lebende Zeitgenossen des Dichters zum Druck zugelassen haben – neben dem sogenannten Chandos-Porträt als einzige lebensechte.

Zunächst blieben die Stücke das Betriebsgeheimnis der Schauspieltruppe

Dass dieses Buch – laut Guardian das "wichtigste der englischen Literatur" – überhaupt entstanden ist, war nicht selbstverständlich. Die kommerziell überaus erfolgreichen Stücke von William Shakespeare waren nämlich das wertvolle Kapital seiner Schauspieltruppe, der Lord Chamberlain’s Men, die sich ab 1603 The King’s Men nannten. Eine Veröffentlichung in Schriftform hätte – in Zeiten, in denen das Urheberrecht noch ein frommer Wunsch war – auch konkurrierenden Schauspielern die Möglichkeit gegeben, diese Themen mit Shakespeares revolutionärer Mischung aus Dramatik, Spannung, Witz und Erotik öffentlich aufzuführen.

Nur einzelne Stücke erschienen deshalb in den sogenannten Quarto-Ausgaben und schnell auch als Raubdrucke, die sogenannten Bad Quartos. Die aber entstellten die Stücke nach Meinung ihres Urhebers so sehr, dass Shakespeare beispielsweise für den Hamlet einen autorisierten Druck genehmigte. Für den First Folio von 1623 allerdings sammelten seine Kollegen John Heminges und Henry Condell insgesamt 36 Stücke, die ohne ihre Veröffentlichung wohl verloren gegangen wären.

14 Comedies, zehn Histories und zwölf Tragedies, laut Titelseite "according to the True Originall Copies", enthält der Band, von dem wahrscheinlich rund 750 Exemplare gedruckt und verkauft wurden – für je 15 Shilling ungebunden oder ein Pfund gebunden. Für die Herausgeber und die mindestens fünf beteiligten Drucker war das trotz Shakespeares enormer Popularität dennoch ein wirtschaftliches Wagnis.

Zum ersten Mal ließen sich 18 heutige Klassiker wie Macbeth, Der Widerspenstigen Zähmung oder Maß für Maß auch lesen. Andere Stücke wie Die beiden edlen Vettern fehlen, Troilus und Cressida wurde offenbar erst nachträglich eingefügt – im Inhaltsverzeichnis ist das Historiendrama nicht aufgeführt. "Ohne dieses Buch", sagt der britische Literaturwissenschaftler und Doyen der Shakespeare-Forschung Stanley Wells, "wäre Shakespeare nicht der größte Dramatiker, als den wir ihn kennen." Zumindest virtuell lässt sich das auch für Shakespeare-Liebhaber ohne gut gefülltes Bankkonto nachvollziehen: Auf den Internetseiten etwa der Folger Shakespeare Library oder der Bodleian Library in Oxford sind hervorragende Scans verschiedener Ausgaben zu finden.