"Ich werd’s überleben", sagt sie im Fischrestaurant, ein paar Stunden bevor ihr Film auf dem wichtigsten Festival der Welt 1.500 Journalisten gezeigt wird. Sie wird es noch mehrmals sagen, zwischen Krevetten, Austern und einem winzigen Schluck Wein, der ihr, wie sie meint, sofort in den Kopf steigt.

"Ich werd’s überleben" – Maren Ade sagt das nicht kokett, eher mit einem Seufzer zu sich selbst, wie ein Beruhigungsmantra. Und weil wir bei diesem Essen der NRW-Filmstiftung, die Ades neuen Film kräftig gefördert hat, noch nicht über Toni Erdmann sprechen können, reden wir über die Dinge des Lebens. Über die kleine Käsereibe zum Beispiel, die Maren Ade in ihrer Handtasche dabeihat. Eine Käsereibe spielt auch in ihrem Film eine nicht unwesentliche Rolle, deshalb hat eine Freundin, die Schauspielerin Laura Tonke, ihr während der Fertigstellung von Toni Erdmann eine Miniaturreibe geschenkt, quasi als Talisman, damit der Film nach Cannes eingeladen wird.

Wir sprechen darüber, dass Maren Ade vor einem halben Jahr, mitten in der Postproduktion von Toni Erdmann, ihren zweiten Sohn bekommen hat, der mit seinem viereinhalbjährigen Bruder in Cannes dabei ist. Darüber, dass das Babysitting hier von ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Ulrich Köhler, übernommen wird, zusammen mit allen Großeltern und dem neuen Lebenspartner der Mutter. Und klar, in Cannes, der hysterisch medialisierten Bilderzentrifuge, geht es natürlich auch um die Kleiderfrage. Einen dunklen Hosenanzug werde sie am nächsten Tag bei der Weltpremiere ihres Films tragen, sagt Maren Ade. "Ich kann mich da nicht in irgendeinem Glitzerteil verkleiden. Die Situation ist so krass und aufregend, da muss ich wenigstens ich selbst sein." Kleine Pause. "Ich werd’s überleben."

Sie hat es überlebt. Man könnte auch sagen: Cannes hat ihren Film überlebt, sich aber noch längst nicht davon erholt. Denn Toni Erdmann, nach Der Wald vor lauter Bäumen und Alle anderen Maren Ades dritter Film, ist eine Sensation. Eine feinsinnige Komödie über eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung und die Plausibilität des Irrwitzigen. Ein Film, der seine Tonlagen zwischen der Nacktparty einer Unternehmensberatungsfirma, dem Muff eines deutschen Witwenwohnzimmers und den Arbeitsbedingungen auf rumänischen Ölfeldern findet. Der die Frustration, Verzweiflung, Sprachlosigkeit seiner Figuren mit ihnen gemeinsam in Szenen von absurdem Witz verwandelt. Und der so krachend in Cannes, dem Tempel der Filmkunst, einschlug, dass die Klage darüber, dass sieben Jahre lang kein deutscher Film im Wettbewerb vertreten war, im Rückblick wie eine Flennerei im Kindergarten wirkt.

Schon in den ersten Minuten der Pressevorführung im Palais des Festivals ist zu spüren, dass sich etwas ereignet. Schluss mit dem habituellen Hüsteln, Handyfummeln, Sitzeknirschen! Die Atmosphäre scheint elektrisch aufgeladen bei diesem Film, dessen Handlung sich schnell zusammenfassen lässt: Nach dem Tod seines Hundes besucht ein Vater seine Tochter. Peter Simonischek und Sandra Hüller spielen die Hauptrollen. Er, der Altachtundsechziger, überrascht sie, die Unternehmensberaterin, in Bukarest. Viel haben sich Winfried und Ines nicht zu sagen. Sie versucht gerade einen lukrativen Auftrag zu verlängern, er macht beim Trinken mit dem deutschen Großkunden geschmacklose Witze. Eigentlich habe er eine Zweittochter angeheuert, die ihm zu Hause auch die Fußnägel schneide, sagt Winfried. Nach Bukarest sei er nur gekommen, um zu verhandeln, wer die Kosten übernehme.

Nach einem weiteren missglückten Tag reist der Vater ab – und taucht prompt wieder auf. Mit halbseidenem Anzug, Zottelperücke und schiefen Zähnen verwandelt sich Winfried in seine Kunstfigur des Toni Erdmann, Coach für was auch immer. Als peinlicher, aber auch komischer Durcheinanderbringer folgt er der Tochter ins Restaurant, auf Empfänge, in ihre Firma. Er verwickelt sie und ihre Mitarbeiter in groteske Gespräche, erzählt Geschichten über seinen angeblichen Freund, den Tennismanager Ion Ţiriac, und die Beerdigung von dessen Schildkröte. Außerdem trägt er eine Käsereibe bei sich, deren Bedienungsgeheimnis von seiner Familie seit Generationen weitergegeben werde. Und langsam gelingt Toni Erdmann das, was der Vater nicht schaffte: die Tochter aus der Reserve zu locken, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Schon beim ersten Auftritt von Toni Erdmann reagiert der Saal mit ungläubigem Gelächter. Dann verbündet sich das Publikum mit ihm, umarmt ihn, liebt ihn, fürchtet ihn, lacht immer schon los, bevor er auftaucht. Sandra Hüllers Grundgereiztheit und Fassungslosigkeit wiederum bringen die Komik erst zum Exzess, setzen der Provokation des Vaters einen Billy-Wilder-haften komischen Ernst entgegen. Als er sie am Klavier zu einem Whitney-Houston-Song nötigt, den sie mit einer Mischung aus Soldatentum und Inbrunst absolviert, tobt der Saal.