Zuerst hat Melinda Gates die Frauenrevolution zu Hause angezettelt. Als die berufstätige Mutter von drei Kindern und Ehefrau des Microsoft-Gründers Bill Gates merkte, dass sie mit dem Aufräumen allein dastand, stellte sie eine Regel auf: Niemand verlässt die Küche, bevor Mama die Küche verlässt. Eine Regel, so eindeutig und effizient wie die gelernte Informatikerin und Ökonomin aus Texas selbst – es gab deswegen Spannungen in der reichsten Familie der Welt, die sich trotz aller Milliarden an einem normalen Alltag versucht. Aber Melinda Gates hat so eine Mischung aus Sachlichkeit, Logik und Entschlossenheit an sich. Dagegen kommt man nur schwer an.

Diese Woche ist die 51-Jährige in Deutschland, um dafür zu werben, dass die Bundesrepublik und andere Förderer sich großzügig an der nächsten Finanzierungsrunde für den Global Fund beteiligen – einen weltweiten Fonds von Regierungen und privaten Akteuren zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Wichtiger ist fast noch, wo Melinda Gates zuvor Station gemacht hat: in Kopenhagen bei einer globalen Konferenz für Geschlechtergerechtigkeit namens "Women Deliver". Deren Leitgedanke, dass die Welt mehr in Frauen und Mädchen investieren muss, ist heute auch ihr Leitmotiv. Sie hat die Revolution aus ihrer Küche in die Welt getragen und zu einem Hauptthema der Gates Foundation gemacht, der mit mehr als vier Milliarden Dollar jährlichen Zahlungen größten privaten Stiftung der Welt.

Auf die Frage, was an ihrer Arbeit sie wirklich persönlich nimmt und was sie berührt, hat sie kurz vor ihrer Europareise im Gespräch mit der ZEIT eine Antwort: die Frauen. An der Stelle ringt die sonst selbstsichere Philanthropie-Unternehmerin um die richtigen Worte, ihre Gesten werden ausladender, ihre Stimme wird emotionaler. "Ich bin so enttäuscht, wenn ich sehe, wie Frauen überall auf der Welt zurückgehalten werden. Ich werde wirklich aggressiv bei dem Thema." Doch auf ihren Dienstreisen nach Afrika oder Indien hat sie auch Grund, sich zu freuen. "Wenn Millionen Frauen auf einmal Zugang zu Mitteln der Familienplanung erhalten – und ich weiß, wie viel das in ihren Familien bedeutet –, dann macht mich das glücklich", sagt sie.

Melinda Gates lernte, wie umstritten das Thema Familienplanung ist

"Familienplanung" heißt Verhütungsmittel, Gesundheitsfürsorge, Sexualinformation – oder einfach: mehr Selbstbestimmung für die Frauen. Schon ganz am Anfang, sagt Melinda Gates, die 1996 zur Stiftung kam, hätten sie und ihr Mann an dem Thema gearbeitet. Doch dann hatten sie nicht das richtige Team, einiges klappte nicht, und sie konzentrierten sich darauf, Volkskrankheiten zu besiegen und Impfstoffe bereitzustellen. "Aber während ich reiste, und ich reise wirklich viel, saß ich mit den Frauen in den Dörfern zusammen und konnte es einfach nicht ignorieren. Immer wieder, wenn ich mit ihnen über Impfstoffe reden wollte und lang genug blieb und zuhörte, dann drehten sie das Gespräch um und sagten, hey, wie ist das mit der Spritze in meinen Arm." Eine solche Hormonspritze jedes Vierteljahr war ihre vorherrschende Art der Verhütung. 20 Kilometer dafür zu laufen, waren sie gewohnt, bloß fehlte in der weit entfernten Arztstation dann oft der Nachschub.

Melinda Gates, die als junge Uni-Absolventin zu Microsoft kam und dort nach kurzer Zeit für konzerneigene Angebote wie das Online-Reisebüro Expedia verantwortlich war, ist es gewohnt, schnell zu entscheiden. Doch in dieser Frage kamen die Puzzleteile erst nach und nach zusammen. Schwierig war nicht nur der Zugang zu Verhütungsmitteln, von afrikanischen Frauen lernte sie zum Beispiel auch: "Ich kann mich in Afrika oft gar nicht um ein Kondom bemühen, weil ich damit entweder meinen Ehemann beschuldige, Aids zu haben, oder mich selbst." Familienplanung stellte sich als eine von jenen Fragen heraus, die immer komplexer werden, je mehr man über sie erfährt – und umstrittener. Zunächst, sagt Melinda Gates, habe sie gezögert, weil sie gewusst habe, wie kontrovers das Thema war. Das galt auch für sie persönlich, weil sie, die ehemalige Nonnenschülerin aus Dallas, eine gläubige Katholikin ist und ihre Kirche gerade in den armen Ländern ein gewaltiges Problem mit Verhütung und Sexualaufklärung hat. "Aber es musste angegangen werden", sagt sie trotzig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Es kam noch etwas dazu. Im Jahr 2008 wechselte ihr Mann in die Stiftung und teilte sich von da an die Leitung mit seiner Frau, die schon über zehn Jahre dort gewirkt hatte. Auf einmal waren da zwei ganz unterschiedliche Alphatiere an der Spitze, und sie mussten ihre Rollen neu verhandeln. So hat es Melinda Gates, die offener ist als ihr Mann, wenn es um Persönliches geht, selbst durchblicken lassen. Eine solche Auseinandersetzung mit einem hoch intelligenten und nicht gerade für seine Geduld bekannten Unternehmer stärkt die Selbstfindung, und Melinda Gates fand einen Teil ihrer Identität im Kampf für die Frauen.

Tut sie zu viel für Abtreibungen oder zu wenig? Kritiker werfen ihr beides vor

Wenn die Bill und Melinda Gates Stiftung, wie sie offiziell heißt, ein Problem für sich entdeckt, dann startet sie eine Großoffensive mit viel Geld, einem ambitionierten Ziel und viel unternehmerischem Optimismus. So auch Anfang des Jahrzehnts bei der Familienplanung. Das Geld: 140 Millionen Dollar Hilfe jährlich und derzeit darüber hinaus noch einmal 120 Millionen, verteilt auf drei Jahre. Das Ziel: Mit einer großen Konferenz in London im Jahr 2012 startete Melinda Gates zusammen mit Industriestaaten wie Großbritannien und Deutschland eine neue Initiative. Bis 2020 sollen 120 Millionen Frauen zusätzlich Zugang zu Verhütungsmitteln bekommen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Der Fortschritt war bis 2012 eine Schnecke, nur gut eine Million der über 200 Millionen Frauen, die gerne ihre Schwangerschaften steuern wollten und nicht konnten, wurden Jahr für Jahr erlöst.