Der harte Kern von Norbert Hofers Wahlkampflinie besteht darin, für ein "neues Amtsverständnis" zu werben. Aus dem politischen Zaungast soll ein "aktiver Präsident" werden. Was aber bedeutet das?

Man muss zurückschauen, will man einen Blick in die Zukunft werfen. In den Jahren 1918 bis 1920, der Geburtsstunde der Ersten Republik, benötigte Österreich gar keinen Bundespräsidenten. Man wollte Teil der Deutschen Republik sein – und Otto Bauer, der Staatssekretär des Äußeren, verhandelte bereits darüber, wann der Reichspräsident aus Berlin auch in Wien residieren würde.

Erst das Bundes-Verfassungsgesetz 1920 (B-VG) schuf ein auf Repräsentations- und Beurkundungsaufgaben beschränktes österreichisches Staatsoberhaupt. Das Amt war nicht mehr als eine von parlamentarischen Mentalreservationen bestimmte, verfassungspolitische Pflichtübung. Es sollte politisch keine Rolle spielen.

Die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts sich verschärfenden Auseinandersetzungen und die damit einhergehenden Unsicherheiten ließen allerdings auf der Rechten die Sehnsucht nach einem Orientierung und Sicherheit versprechenden Führer entstehen. Ein Präsident als bloßer Staatsnotar konnte derartige Erwartungen nicht erfüllen.

Die von Prälat Ignaz Seipel – die schwarze Eminenz der Christlich-Sozialen war zu diesem Zeitpunkt Bundeskanzler – im Jahr 1929 veranlasste Novelle des B-VG war deshalb von der Idee getragen, das Parlament zu schwächen und ihm einen autokratischen Volkstribunen gegenüberzustellen. Das Wesen der Demokratie darin zu sehen, den beständigen Kompromiss zwischen Mehrheit und Minderheit zu finden, sei "eine der falschesten und schädlichsten Theorien, die jemals erfunden wurden", polemisierte Seipel gegen Hans Kelsen, den Schöpfer des Verfassungstextes. Der Begriff der "wahren, der richtig verstandenen Demokratie" und der "wahren Republik", so behauptete der Moraltheologe in der Politik, könne nur gefunden werden, wenn "an die Stelle der Demokratie des Dreinredens möglichst vieler die Demokratie des Schaltenlassens weniger" trete.

Autokratie statt Demokratie war das Motto. Vor dem Hintergrund eines drohenden Heimwehr-Putsches erzwangen die Christlich-Sozialen eine Änderung der Verfassung. Seipels Motiv der Verfassungsreformbewegung war es, "das Volk von einer alle paar Jahre volksfremder werdenden überspitzten parlamentarischen Pseudodemokratie zu schützen", die "parlamentarische Scheindemokratie, die in Wahrheit nur eine Sicherung absoluter Parteienherrschaft ist", zu beseitigen und es nicht dem Parlament allein zu überlassen, der Träger und Wahrer der Souveränität des Volkes zu sein. Neben der Körperschaft der Volksvertreter sollte noch es noch eine andere Institution geben, die "das Volk auch gegen die Volksvertretung vertreten kann" – den Bundespräsidenten.

Der B-VG-Novelle von 1929 lag also der Gedanke eines Volkstribunats zugrunde. Vorbild dafür war der Reichspräsident der Weimarer Republik. Verantwortungsfreiheit des Führers, Bekämpfung des Parteienwesens, und vor allem müsse das "Feilschen und Packeln" ein Ende haben. Die "wahre Demokratie" bestehe in der unumschränkten Herrschaft der 51 Prozent über die 49 Prozent, der demokratische Kompromiss müsse aufhören. Dies ist die Ideengrundlage der heutigen Verfassungsrechtslage.