DIE ZEIT: Herr Wilhelm, wenn Sie noch einmal bei null anfangen könnten, wie würde der öffentlich-rechtliche Rundfunk aussehen?

Ulrich Wilhelm: Eine reizvolle Frage. Zu Beginn müsste die Überlegung stehen: Welcher Rundfunk passt zu Deutschland? Mit Blick auf die föderale Struktur der Bundesrepublik müsste auch der Rundfunk in jedem Fall föderal gestaltet sein – mit sehr starken regionalen Anbietern, die die unterschiedlichen Kulturen, Mentalitäten und Lebenswelten unseres Landes abbilden. Wenn man noch mal neu anfinge, würde man sicher nicht ARD und ZDF getrennt aufbauen, sondern eine Anstalt für ganz Deutschland, die allerdings durchaus ein erstes und zweites nationales Programm hätte.

ZEIT: Und würden Sie bei der Finanzierung über eine Zwangsabgabe bleiben?

Wilhelm: Zwangsabgabe ist polemisch, Abgabe reicht doch für Ihren Punkt. Doch egal welchen Begriff Sie wählen, wir müssten auch bei einer Neugründung den Lehren aus unserer Geschichte genügen. Unsere Finanzierung außerhalb des allgemeinen Staatshaushalts reflektiert auch die Erfahrungen mit der staatlichen Propaganda im "Dritten Reich" oder dem Staatsfunk in der DDR. Übrigens zeigen Beispiele in Europa die weitreichenden Folgen, wenn eine Regierung direkt hineinregiert.

ZEIT: Wie sähe der Bayerische Rundfunk aus, wenn Sie ihn neu gründen könnten?

Wilhelm: Inhaltlich mitten in der Gesellschaft, relevant für alle Altersgruppen, in Organisation und Technik schlanker. Wir würden insbesondere versuchen, die Silos in Fernsehen, Hörfunk und Online, die wir heute mühsam aufbrechen müssen, gleich zu vermeiden. Als ich mein Amt antrat, mussten beispielsweise noch Interview-Bänder zwischen Hörfunk- und Fernsehgelände per Auto hin- und hergefahren werden. Das ist nun vorbei. Auf unserem bisherigen Fernsehgelände in München-Freimann entsteht bald ein neuer Campus, in dem alle aktuell arbeitenden Journalisten aus Hörfunk, Fernsehen und Online zusammensitzen und -arbeiten werden.

ZEIT: Verschmelzen die Redaktionen?

Wilhelm: Mit einem medienübergreifenden Ressortchef Sport, Kultur oder Wirtschaft an der Spitze, statt bisher zwei oder mehr, wird es selbstverständlich sein, dass sie enger zusammenarbeiten. Ein Teil unseres Publikums wird weiterhin "klassisch" die gewohnten Formate in Radio und Fernsehen erwarten und auch bekommen, doch immer mehr Menschen wünschen sich zusätzlich mobile Angebote über Internet und soziale Netzwerke.

ZEIT: Sie richten den BR also auf eine Zielgruppe aus, die derzeit eine verschwindende Minderheit in Ihrem Publikum darstellt? Dessen Durchschnittsalter im Fernsehen liegt bei 66 Jahren.

Wilhelm: Nachdem wir von allen finanziert werden, müssen wir auch allen etwas von Wert bieten. Wir wollen jüngeres Publikum dazugewinnen, ohne das angestammte in Scharen zu verlieren. Das braucht auch viel Überzeugungsarbeit nach innen, wenn Redaktionen einen Teil ihres Budgets umwidmen sollen, obwohl sie sagen, dass es noch nicht im Verhältnis zur Zahl derer steht, die wir auf den neuen Kanälen erreichen. Aber wir stehen erst am Anfang der digitalisierten Kommunikation. Das ist sehr viel Denkarbeit.

ZEIT: Warum das?

Wilhelm: Wir hatten im Fernsehen immer ein Massenpublikum. Im Prinzip konnten Redakteure über die Welt nachdenken, und ihr Beitrag erfreute sich einer großen Reichweite. Im Netz aber sind wir eigentlich kein Massenmedium, dort müssen wir immer wieder neu und in einem rasanten Wettbewerb darum kämpfen, dass wir genutzt, geteilt und verbreitet werden.

ZEIT: Die letzten großen Lagerfeuer, um die sich alle versammeln, sind Livesport und etwas, das ARD und ZDF gar nicht bieten: serielles Erzählen wie in Game of Thrones. Warum bekommt die ARD mit einem Gesamtetat von über sechs Milliarden Euro so etwas nicht hin?

Wilhelm: Es stimmt, dass wir generell später als die Amerikaner, Skandinavier und Briten in diese Erzählform eingestiegen sind. Das hat uns heftige Schelte der Feuilletons eingetragen. Aber viele Kreative haben die Herausforderung bei den Serien angenommen. Außerdem können auch ARD und ZDF natürlich fiktionale Lagerfeuer, wie die Reihe Tatort und Mehrteiler wie Der Turm oder Die Adlons belegen.