Das klingt jetzt vielleicht komisch, stimmt aber doch: Am kommenden Sonntag wird Europa wieder ein wenig enger zusammenrücken. Denn dann wird in Österreich ein neuer Bundespräsident gewählt, der entweder ein Grüner ist oder ein Blauer, ein Europäer oder ein Antieuropäer. Und bei dieser Wahl wird ganz Europa gebannt zuschauen, in London, Paris, Berlin und Budapest werden Bürger und Politiker vor den Fernsehern sitzen.

Warum ist das so, wo es vordergründig doch bloß um ein ziemlich repräsentatives Amt in einem, sorry, nicht sehr großen Land geht?

Das letzte Mal, dass sich Österreich der ungeteilten europäischen Aufmerksamkeit erfreuen durfte, ist sechzehn Jahre her. Im Februar 2000 wurde die FPÖ mit Jörg Haider an der Spitze zum ersten Mal Regierungspartei. Woraufhin die damals noch fünfzehn weiteren Mitglieder der EU Sanktionen gegen Österreich verhängten. Diese österreichische Schande wollte eine bis zur Selbstgerechtigkeit selbstgewisse EU einfach nicht hinnehmen. Und schoss sich mit den Sanktionen selbst ins Knie.

Wie anders ist die Lage heute: Österreich droht am Sonntag nicht noch einmal zum schwarzen Schaf der EU zu werden, sondern – viel schlimmer – es droht zum Leitwolf einer Bewegung zu werden, die den ganzen Kontinent erfasst hat. Es geht um einen autoritären Nationalismus. Aggressiv gestimmt gegen Muslime, gegen Schwule, gegen Feminismus, gegen die ganze liberale Demokratie mit ihren schwerfälligen Institutionen und mühsamen Kompromissen. Diese rechten Parteien sind entschlossen, die Systeme umzumodeln oder auch umzustürzen, hin zu präsidialen, plebiszitären und zentralisierten Staaten.

Diese autoritäre Bewegung hat zurzeit einen ungeheuren Schwung, sie freut sich auf den kommenden Sonntag sowie auf dann bald folgende Neuwahlen in Österreich, hernach auf den möglichen Brexit im Juni, gefolgt von den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD stärkste Partei werden könnte. Als Höhepunkt für das kommende Jahr werden der Einzug der AfD in den Bundestag erwartet sowie der Triumph von Marine Le Pen in Frankreich. Außerdem fühlt sich die Bewegung gestärkt vom Gleichklang der Worte und Werte bei Donald Trump und ermutigt durch eine andere große Macht, in der ihr Programm schon voll realisiert ist: Russland. Man könnte es auch so sagen: So viel Einfluss auf die europäische Politik wie heute Moskaus Neo-Autoritarismus hatte die kommunistische Sowjetunion nie.

Wenn die Österreicher also am Sonntag zur Wahl gehen, dann handelt es sich um europäische Vorwahlen, dann steht weit mehr auf dem Spiel als nur Österreich. Aber was heißt "nur"?! Selbstverständlich haben die Wählerinnen und Wähler dort jedes Recht, mit ihrer Stimme gegen die in der Flüchtlingspolitik zwischen den Extremen pendelnde "große" Koalition zu protestieren oder gegen deren selbstzufriedene Postenschacherei. Natürlich kann man den grünen Kandidaten zu alt finden oder zu betulich oder einfach zu grün. Und dennoch: Österreich trägt an diesem Sonntag auch Verantwortung für Europa, das Land entscheidet mit darüber, wie stark die autoritäre, nationalistische Bewegung auf dem ganzen Kontinent (und auf jener vorgelagerten Insel in der Nordsee) noch wird. Denn Frauke Petry und Norbert Hofer, Boris Johnson und Marine Le Pen, Geert Wilders und Christoph Blocher leben nur zur Hälfte von der Angst der Menschen, zur anderen Hälfte nähren sie sich von ihrem eigenen Aufschwung, vom Erfolg der jeweils anderen. Längst schon sind sie zu einer programmatischen und eben auch emotionalen Internationale geworden. Sind es ihre Gegner auch? Sind sich die liberalen Europäer bewusst, in welcher historischen Situation sie sich gerade befinden? Das muss man bezweifeln.

Nun mag es unfair sein, den Österreichern eine solche Verantwortung aufzudrücken, wo sie doch nur ihre österreichische Sache verfolgen möchten. Diesen Einwand muss man akzeptieren. Dennoch seien einige Gegenfragen erlaubt: Hat der Blick nach innen das Land in den letzten Jahren froher, klüger, reicher gemacht? Haben zwei Jahrzehnte FPÖ-Zentrierung die politische Kultur vorangebracht? Hat das An-sich-Denken den einzelnen Österreicher gestärkt und bereichert?

Wir wissen es nicht, die Österreicher wissen es. Wir können ihnen für Sonntag nur eines wünschen: Viel Glück!

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