Österreichs neuer Bundespräsident wird entweder Alexander Van der Bellen oder Norbert Hofer heißen. Am Sonntag kommt es zur Stichwahl, nachdem Hofer im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhielt und es daraufhin viele Aufschreie gab. Ein Nazi sei hier gewählt worden, einer, der sich mit Holocaustleugnern umgebe, einer, der nur eine Marionette des Rechtspopulisten Heinz-Christian Strache sei. In der Tat steht Hofer zu seiner Mitgliedschaft bei der völkisch und großdeutsch eingestellten Burschenschaft Marko-Germania, wettert gegen Ehe und Elternschaft von Homosexuellen, gegen Flüchtlinge und Muslime.

Der Schriftsteller Thomas Glavinic sagte in einem Interview nach einem viel beachteten Facebook-Beitrag: "Ich finde es problematisch, etwa eine Mindestrentnerin in Ottakring, die im Fernsehen eingerissene Grenzzäune sieht und auf der Straße mehr und mehr Menschen, deren Herkunft sie gar nicht mehr einordnen kann, gleich als Nazi abzuqualifizieren. Die Frau hat einfach Angst, Punkt."

Glavinic protestierte in dem Beitrag gegen einen bestimmten Umgangston, gegen die naive Idee vom Wir-gegen-böse-Nazis. Gut. Dagegen kann kein vernünftiger Mensch etwas haben. Wenn alle bei jeder nicht explizit "linken" Wortmeldung sofort "Nazi" brüllen, hat man tatsächlich irgendwann lauter Nazis. Leute, die Angst haben, soll man nicht niederbrüllen, sondern ... Aber halt, bleiben wir noch eine Weile bei diesem Begriff, denn er ist es, der in dieser ganzen verwirrenden Angelegenheit am häufigsten genannt wird: die Angst. "Die Frau hat einfach Angst, Punkt." Dieser Satz hallte in mir nach, vor allem wegen des hellsichtigen "Punkt", mit dem er schließt.

Es war ja bei Weitem nicht das erste Mal, dass ich den Satz gehört hatte. Es ist die meistwiederholte Einsicht der letzten Wochen und Monate: Teile der Bevölkerung haben, so wird von allen Seiten klargemacht, beträchtliche Angst vor neuerdings im Land existierenden Menschen. Und diese Angst sei "endlich einmal" ernst zu nehmen. Angst wird überall als Beweggrund für Auseinandersetzungen genannt. Vor Kurzem stach ein Mann mit einem Messer an einer Bushaltestelle auf zwei Ausländer ein. Befragt nach seinem Motiv, gab er an, er habe Angst gehabt.

Unter den Wählern Norbert Hofers ist die Paranoia tatsächlich auffallend hoch. Vor dem ersten Wahlgang wurde vielfach dazu aufgerufen, eigene Kugelschreiber in die Wahlzelle mitzunehmen, denn die von offizieller Seite bereitgestellten Stifte könnten mit "Zaubertinte" gefüllt oder zumindest leicht auszuradieren sein. Und obwohl Hofer die meisten Stimmen bekam, setzt sich die Kugelschreiber-Paranoia nun fort. Der Wahlsieg trat ein, aber die Angst ist geblieben.

Mir kommt es so vor, als wäre der neue Zauberspruch "Ich habe halt Angst" das logische Äquivalent zu "Es ist Gottes Wille" und ähnlichen Formeln. Denn Angst ist, wie Gott, unwiderlegbar. Sie ist der Endpunkt jeder Diskussion. Man kann einem Menschen ja nicht beweisen, dass er eigentlich gar keine Angst hat. Noch kann man ihm mit Argumenten klarmachen, dass Angst zu haben unnötig ist.

Hat der ängstliche Mensch einen Anspruch darauf, in seinem irrationalen Angstzustand weiterbestehen und akzeptiert werden zu dürfen? Es gilt heute als elitär, Angst und Unwissenheit nicht als Zustände wahrzunehmen, die im demokratischen Gefüge neben allen anderen Graden an Informiertheit und Selbstbeherrschung vollkommen gleichwertig sind. Aber wo verläuft die Grenze? Was muss man ernst nehmen und was nicht? Geht es vielleicht nach rein statistischen Werten? Also wenn beispielsweise – nur als absurdes Beispiel – sechzig Prozent eines Landes glauben, die Erde sei flach. Dann müsste man das ernst nehmen, denke ich. Oder doch nicht? Gibt es ein Maß an Irrationalem, bei dem Ernstnehmen und Mitdiskutierenlassen eine Sabotage und Unterwanderung der Demokratie darstellen würden, obwohl sie oberflächlich wie ein besonders kühner Triumph der Demokratie aussehen?

Ich erinnere mich an einen denkwürdigen Abschnitt in Sebastian Haffners Autobiografie Geschichte eines Deutschen. Haffner hält darin fest, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr 1933 plötzlich alle möglichen liberalen, anständigen Menschen in seiner Umgebung anfingen, darauf hinzuweisen, unter den Juden seien doch sehr viele Philosophen, Künstler und Wissenschaftler gewesen. Das, so Haffner, sei der eigentliche Skandal gewesen. Man habe die antisemitische Hetze dadurch plötzlich ernst genommen und damit sozusagen als irgendwie berechtigten Einwand eingeschleust, anstatt sie als völlig lächerlich und absurd abzutun. Statt über die "Antisemitenfrage" zu diskutieren, diskutierte man über die "Judenfrage". Vielleicht kann man eine Epoche tatsächlich messen an den Dingen, die von den meisten Menschen mit Selbstverständlichkeit abgetan werden. Und falls das so ist – was geschieht in einer Epoche, in der höchstens die Ansicht, die Erde sei eine Scheibe, aber sonst kaum irgendwas an den Menschen selbstverständlich abprallt?

Wie oft hört man in letzter Zeit anständige, freundliche Menschen wiederholen, dass die Muslime uns doch die Algebra geschenkt und obendrein für uns die Werke der antiken Philosophie bewahrt hätten, als bemesse sich der Wert eines Volkes allein an der Qualität seiner "Geschenke" ans Abendland. Oder dass Steve Jobs ein Kind syrischer Einwanderer gewesen sei. Niemand fängt unprovoziert plötzlich davon an, zu überlegen, wie viele Rechtspopulisten es in Europa maximal geben dürfe und wo da die Obergrenze verlaufen könnte. Eher wird darauf hingewiesen, dass unter den Flüchtlingen "doch auch sehr viele Nicht-Vergewaltiger seien".

Man sollte die unguten Gefühle nicht ernst nehmen

Ich glaube, Menschen, die aufgrund ihrer Angst wählen, wählen in Wahrheit nicht den Trost, sondern sie wählen ein Szenario, in dem ihre Angst bestehen bleiben darf. Sie haben ja bereits viel in sie investiert. Angst will überleben, um jeden Preis. Wenn Zäune und Lager errichtet werden, wird die Angst vor den Eingesperrten, Abgewiesenen, dem Verderben Überantworteten nicht verschwinden, im Gegenteil. Und obwohl die, die so große Angst haben, sich sozusagen definitionsgemäß von niemandem mehr etwas sagen lassen, sollen sie zumindest wissen, dass ihre Entscheidung, bei ihrer Angst zu bleiben, kein subtiler, kein selbstbewusster, kein "endlich nicht mehr unterdrückter", kein ermächtigender Akt war. Sie haben einfach das historische Glück, einer Gruppe von Menschen gegenüberzustehen, die sie behandeln, als befänden wir uns alle in einer Art immerwährender demokratischer Supervision, in der pädagogisch weich und verständnisvoll über alles geredet wird.

Wo jede Ansicht gleichberechtigt ist und sich angeblich niemand vor der Geschichte schuldig machen kann, da er einen völlig absurden und zerstörerischen Standpunkt aufwertet, indem er ihn ernst nimmt. Und vielleicht haben sie auch weiterhin Glück, und es kommt, nachdem die vorhersehbaren Phänomene der Abschottung eingetreten sind, wirklich keine Periode mehr, in der Enkelkinder verwundert fragen: "Damals, als so viele Menschen ertrunken sind, was zum Teufel war das?" Ich glaube, ich gehöre nicht ganz zu der Welt der gütigen Supervision. Ich bin tatsächlich intolerant und ungeduldig gegenüber denen, die sich aus dem Spiel nehmen, egal, ob sie "Angst" oder "Gott" als Joker nennen.

Ich muss an einen kontroversen Artikel der britischen Philosophin Rebecca Roache denken. Sie nannte ihn If you are a Conservative, I’m not your friend. Sie argumentierte darin für einen vorläufigen Abbruch der gütigen Dialogbemühungen zwischen Liberalen und Konservativen – und erhielt dafür, was wenig überrascht, viel Kritik. Ihr Argument lautete: Politische Debatte, seinen eigenen politischen Standpunkt infrage stellen – dies alles seien Eigenschaften liberalen, nicht konservativen Denkens. Was habe es für einen Sinn, Dialogfeinden Dialog anzubieten? Konservative tendieren, so Roache, eher dazu, nach "good feelings" zu urteilen. Sie reden mehr über ihre Gefühle. – Und, so könnte man hinzufügen, sie treffen mit dieser Haltung auf eine Öffentlichkeit, die sich gern als riesengroße Talkshow versteht, in der jeder andauernd von seinen Gefühlen berichten darf.

Soll man die unguten Gefühle, die jemanden plagen, ernst nehmen? Auch solche, die offen rassistisch, homophob oder grenzwertig geisteskrank sind? Nein, ich glaube nicht.

Nur als Schriftsteller muss man dieses Verständnis aufbringen, nämlich im Augenblick des Schreibens über Figuren. Und vielleicht als bezahlter Psychologe. Aber nicht als Bürger. John Updike formulierte es einmal sinngemäß: "Als Mensch bin ich immer höflich, als Autor kann ich es nicht sein." Das ist wahr. Es wäre im wirklichen Leben äußerst unhöflich von mir, ganz zu schweigen von unmoralisch, auf Ängste mit nichts als Verständnis und einem offenen Ohr zu reagieren. Verständnis ohne gelebten Widerspruch ist herablassend, ja fallweise sogar kolonial, rassistisch, bösartig.

Wenn ich angesichts der irrationalen Angst eines Freundes nicht respektvoll unbewegt bleibe und dadurch Gegendruck und Orientierung spende, bin ich nicht sein Freund. Ein Freund hat auch die Pflicht, vorzuleben, wie wenig ihn die gedanklichen Verirrungen seiner Nächsten mitzureißen vermögen. Ich erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie sich überlegen, ironisch, ja sogar "elitär" und nicht geduldig-pädagogisch gegenüber meinen irrationalen Ängsten verhalten. Ich habe solche ja immer wieder. Und ich hätte keine davon je überwunden oder abgeschüttelt, hätte man mich, aus welchen Gründen auch immer, "endlich einmal vollkommen ernst genommen".