Am Pfingstsamstag macht sich Theresia auf den Weg zur eucharistischen Anbetung. Eine elegante Erscheinung von 74 Jahren, das grauweiße Haar modisch kurz geschnitten, so überquert sie den Pinkafelder Hauptplatz. Steigt die Treppen hinunter, dort, wo es zu einem kleinen öffentlichen Gebetsraum geht. Öffnet die Tür und sagt: "Hier ist Anbetung nonstop, rund um die Uhr", stellt ihr Dosenbier ab, kniet sich vor den Altar und beginnt mit erhobener Stimme zu beten. "Herr im Himmel, schütze uns vor dem Islam ... Du sagst, wir sollen allen Menschen helfen, aber wenn das Fass doch übervoll ist, lieber Herrgott, du weißt es ja selbst ... Vater, hilf uns, dass wir am kommenden Sonntag den richtigen Bundespräsidenten bekommen."

Der richtige Bundespräsident, das ist für Theresia Norbert Hofer, Kandidat der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), der am 22. Mai als Favorit ins Rennen gehen wird. Sie kennt ihn persönlich, hat ihm ein Buch über den Heiligen Geist geschenkt, schließlich kommt auch Hofer aus Pinkafeld, einer Gemeinde von 5600 Einwohnern im Burgenland, sanfte Hügel, bunt gestrichene Häuser, ein Ort, der heimeligen Wohlstand ausstrahlt.

Der Herr Hofer, sagt Theresia, vertrete die Meinung der Österreicher, wenn er fordere, es müssten endlich Grenzen gezogen werden. Und bitte, das habe nichts mit Hitler oder Rechtsextremismus zu tun. "Die FPÖ ist gegen die Abtreibung, die wollen nur menschlich sein." Sie als pensionierte Krankenschwester könne es doch sehen: "Unsere Menschen verarmen total." Natürlich gebe es auch arme Flüchtlinge, "doch meine Eltern sind nicht vor dem Krieg geflohen. Da sollen die auch daheimbleiben und für ihr Vaterland kämpfen." Abends traue sie sich nicht mehr vor die Tür, zu gefährlich. Die Ausländer.

Ein Spaziergang durch Pinkafeld, auf der Suche nach den Missständen, die Theresia beklagt. An diesem Nachmittag ist genau ein Mensch auszumachen, der aussieht, als käme er eher nicht von hier. Ein junger Mann, der schüchtern in der Eisdiele sitzt und auf sein Smartphone starrt.

Podiumsdiskussion in der Grazer Stadthalle. Rechts sitzt Norbert Hofer, 45, der im ersten Wahlgang für das Präsidentenamt 35 Prozent holte. Ein gelernter Flugzeugtechniker, der früh eine Karriere als FPÖ-Funktionär einschlug. Erster Eindruck: irgendwie ein Netter. Ist das wirklich der Mann, der fürchtet, dass Österreich zu einem Land unter dem Halbmond werden könnte?

Links Alexander Van der Bellen, 72, ein Grünliberaler, der als Unabhängiger antritt. Er erzielte in der ersten Runde 21 Prozent. Ein Wirtschaftsprofessor, der mit 50 in die Politik einstieg. Zehn Jahre lang diente er den Grünen als Parteichef. Meist entspannt, trockener Humor und eine Familiengeschichte wie aus dem Roman. Ein holländischer Vorfahr emigrierte ins Zarenreich, die Familie wurde dort geadelt und floh später vor den Sowjets erst nach Estland und dann nach Österreich, wo Alexander geboren wurde.

Wieder einmal geht es um den Begriff "Heimat", mit dem die beiden Kandidaten auf ihren Plakaten werben. "Heimat kann man jemandem nehmen, man kann sie aber auch schenken", sagt Van der Bellen auf der Bühne. "Mir als Flüchtlingskind hat man Heimat geschenkt." Hofer versetzt: "Wenn Sie jetzt mit Heimat werben, ist das nicht ehrlich. Für die Grünen war Heimat immer ein Feindbild. Das ist, als sagte ich: Drogenfreigabe für alle."

Zwei sehr unterschiedliche Österreich treten hier gegeneinander an. Das sieht man schon an den beiden Jubelgruppen, die sich auf der Bühne hinter ihrem jeweiligen Kandidaten platziert haben. Rechts: eindeutig mehr Sonnenstudio, Wasserstoffperoxid, Bling-Bling und Hirschgeweihknöpfe. Links: Hoodies, Chucks und in die Haare gewickelte Tücher. Doch um diese beiden Lager, das wissen die Kandidaten, geht es in diesem Wahlkampf nicht. Sondern um jene zwei Millionen Wähler, die ihr Leben lang ihr Kreuz bei Schwarz oder Rot gemacht haben, bei den Parteien ÖVP und SPÖ, die 70 Jahre lang an der Macht waren. Denn diese politische Mitte ist implodiert. Die Kandidaten von SPÖ und ÖVP landeten im ersten Wahlgang weit abgeschlagen auf dem vierten und dem fünften Platz. Kurz darauf trat auch noch der sozialdemokratische Kanzler Werner Faymann zurück, der Bahnchef Christian Kern wird ihn beerben. Und auf einmal sind völlig gegensätzliche Machtkonstellationen denkbar, denn spätestens im Herbst 2018 wird auch der Nationalrat und damit der Kanzler gewählt. So könnte Österreich bald von einem roten Kanzler und einem grünen Bundespräsidenten regiert werden. Es könnte aber auch sein, dass Kanzler, Präsident und Nationalratspräsident bald allesamt die Farbe Blau tragen, die Farbe der FPÖ.