Die Frage, warum viele Ostdeutsche so verärgert sind, dass sie sich zu Populisten hingezogen fühlen, stellt die versiertesten Forscher vor Rätsel. Die eine Ursache gibt es nicht. Eine Ursache jedoch könnte sein, dass auch 2016 Ostdeutsche in Top-Jobs unterdurchschnittlich repräsentiert sind. Sich, mitunter, fremdbestimmt fühlen.

Eine Studie der Uni Leipzig im Auftrag des MDR, die die ZEIT vorab auswerten konnte, zeigt nun: In einigen Bereichen ist der Einfluss Ostdeutscher sogar gesunken – ungeachtet der Tatsache, dass zwei frühere DDR-Bürger an der Spitze der Republik stehen. Der Anteil im Osten Geborener an der Elite in den neuen Ländern – in Wirtschaft und Justiz, Politik und Verwaltung, Militär und Medien – liegt bei nur 23 Prozent. Bundesweit, das belegt die Untersuchung, sind lediglich 1,7 Prozent der Spitzenpositionen von Ostdeutschen besetzt. Immerhin: In der Bundesregierung liegt der Anteil der Ost-Minister heute bei 19 Prozent, das entspricht dem Bevölkerungsanteil. In den Landesregierungen ist der Ost-Anteil aber gesunken – von 75 Prozent 2004 auf 70 Prozent. Und immens langsam wächst der Anteil ostdeutscher Richter an den obersten Gerichten der neuen Länder: von 11,8 Prozent auf 13,3 Prozent. Auch stammen von 200 Bundeswehrgenerälen nur zwei aus dem Osten.

Die Studie ist Basis der neuen MDR-Doku "Wer beherrscht den Osten"? Wir stellen die wichtigsten Protagonisten der Sendung auf dieser Doppelseite vor. Was auffällt: Nach 1990 fehlte es nicht nur an ostdeutschem Einfluss – sondern wohl auch an dem von Frauen. So erzählen hier vor allem Männer vom Aufbau der Macht-Strukturen nach der Einheit.

Der mächtige West-Banker

Es ist einer der Wirtschaftscoups der Wendezeit: Noch vor der Wiedervereinigung wird die Staatsbank der DDR privatisiert. Einer der Strippenzieher: Hilmar Kopper. Als der ostdeutsche Staat zusammenbricht, ist Kopper gerade Vorstandssprecher bei der Deutschen Bank geworden. Dem Geldhaus geht es prächtig. Das Institut ist die unangefochtene Nummer eins in Deutschland. 1989 beträgt die Bilanzsumme 344 Milliarden D-Mark. Zum Vergleich: Der DDR-Haushalt liegt damals bei 269 Milliarden Mark. Ost.

Der Westen dominiert

Ostdeutsche dringen nur langsam in Top-Jobs vor

Kopper hat es vom Banklehrling bis an die Spitze des Konzerns geschafft. Und er legt es anfangs gar nicht darauf an, Geschäfte mit der Zentralbank der DDR zu machen. "Ich habe das mehr als Sog des Ostens empfunden denn als Druck von uns", sagt der heute 81-Jährige in der MDR-Doku. Der Mann aus dem Osten, der damals unbedingt mit der Deutschen Bank ins Gespräch kommen will, heißt Edgar Most, ist 1989 Vizepräsident der DDR-Staatsbank, will diese privatisieren. Die Bank mit ihren 112 Filialen ist das zentrale Geldhaus der DDR. Alle Betriebe haben dort ihre Konten. Sie ist eines der wenigen Wirtschaftsjuwele der DDR.

Kopper ist von der Offerte angetan. Er und Most treffen sich Anfang 1990 mehrmals inkognito, handeln ein Joint Venture aus. Die Deutsche Kreditbank entsteht, die erste Privatbank der DDR. Koppers Geldinstitut erhält Anteile, übernimmt Filialen. Der West-Manager wird von einem Tag auf den anderen zu einem der wichtigsten Manager auch im Osten – nach diesem Vorbild haben sich später viele Konzerne in den neuen Ländern eingekauft. In den 100 größten ostdeutschen Firmen stammen heute nur 25 Prozent der Leiter aus den neuen Ländern, der überwiegende Teil dieser Unternehmen ist in westdeutschem Besitz. "1.000 Leute von uns sind in den Osten gegangen, alle freiwillig", sagt Kopper. Die 8.000 Mitarbeiter der DDR-Staatsbank hätten zum Teil neu ausgebildet werden müssen: "Die hatten ja keinen blassen Dunst."

Der Aufwand lohnt sich. "Komischerweise hat das alte kapitalistische Image der Deutschen Bank da überhaupt nicht geschadet", sagt Kopper. Im Gegenteil: "Die Leute kamen zu uns und sagten: Wir haben so viel von euch gehört, ihr müsst ja ganz fürchterliche Leute sein, aber tüchtig." Das Geschäft im Osten wird zum Erfolg. Auch wegen der Beteiligung an der Kreditbank stieg der Konzerngewinn der Deutschen Bank Anfang der neunziger Jahre kräftig an. Und noch 26 Jahre später sind die Auswirkungen spürbar, wie Kopper erzählt: "Unser Marktanteil in der ehemaligen DDR ist heute noch immer deutlich höher als im Westen des Landes."