Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen: Nach Auskunft der Wahlsoziologie sind es die Ungebildeten, die AfD und FPÖ wählen. Oft sozial abgehängte Leute, die auf dem Land wohnen. Namentlich dort, wo außer Naziterror nichts los ist. In einem Aufruf namens "Straight to hell" mobilisierten Linksradikale für Demos in diesen "Käffern", und in sozialen Netzwerken liest man so tolle antifaschistische Sachen wie: "Immer nur jaulen und nörgeln – und mit der fetten Annica aus der Platte, dem Kinderwagen (Gehaltsmaschine Kindergeld) und weiteren Kahlköpfen dem Staat auf der Tasche liegen. Elende Parasiten."

Derlei Ausbrüche offenbaren ein politisches Problem der Linken, und gefährlich sind sie außerdem.

In ihnen äußert sich die Verachtung der urbanen Bürgersleute für die da unten. Für die RTL-Gucker mit den komischen Vornamen, dicken Bäuchen, bunten Frisuren und dem sächsischen oder sonst wie ostelnden Akzent. Für die Prolls. Das Wort stammt von "Proletarier" ab, das der Linken einst ein Adelstitel war.

Der edle Proletarier hat freilich seit Karl Marx einen schlimmen Bruder, den "Lumpenproletarier": So nannte der Trierer Philosoph jenen beschäftigungslosen Stadtbewohner des 19. Jahrhunderts, der entwurzelt und allzeit bereit war, sich an die Meistbietenden zu verkaufen, also auch an die politische Reaktion. Ein Begriff, der soziologische Färbung trug, zugleich aber der sozialistischen Arbeiterbewegung erlaubte, zwischen guten und bösen Armen zu unterscheiden. Ihr galt in späteren Jahren als Lumpenproletarier, wer beispielsweise während der dreitägigen Berliner Arbeitslosenkrawalle im Jahr 1892 herumrandalierte, anstatt parteiförmig in Reih und Glied zu marschieren. Oder wer sich 1895 auf der Sedan-Feier von Willem Zwo einfand anstatt auf einer SPD-Versammlung – oder, noch später, wer bei den Nazis mitmachte anstatt in der KPD.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Pöbel. Politisch falsch, weil sozial falsch. Faule Säcke. Leute, die nicht ins Produktions- und Bildungsideal passen. Ist es allzu fantasievoll, ein Echo dieser Denkweise in Franz Münteferings legendärer Zusammenfassung der Hartz-IV-Reformen in dem Satz "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" zu hören? In einem kürzlich veröffentlichten Strategiepapier von Olaf Scholz lesen wir: "Wir machen Politik für die, die sich anstrengen und an die Regeln halten." Die Faulen bekommen Druck, um die Fleißigen kümmert man sich.

"Sozialdemokraten müssen Kümmerer sein", sagte Sigmar Gabriel. Nun ist Kümmern ja nicht falsch, jeder Bürgermeister und jede Kanzlerin muss sich kümmern, aber sich zu kümmern ist noch nicht links. Denn um wen kümmert man sich? Um den "kleinen Mann" (in manchen SPD-Papieren wird er um die "kleine Frau" ergänzt). Sich um die Kleinen kümmern, das ist das Ideal einer Betreuungslinken, die sich nicht nur in der SPD, sondern auch in der Linkspartei findet. Noch immer lebt in beiden Parteien diese sozialdemokratische Milieukultur des "Ich mach das schon für dich", die so ganz im Gegensatz steht zum Emanzipationsversprechen der sozialistischen Liedzeile "uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun".

Nicht viel anders, nämlich ebenfalls von oben herab, blicken jene Linksbewegten auf das Volk, denen der politisch aufgeladene Begriff des Bürgers oder der Bürgerin nicht über die Lippen kommen mag und die lieber von den "Massen" reden – oder von den "Menschen" säuseln. Von sozial eigenschaftslosen Wesen also, was wiederum an Mao Zedong erinnert, für den das Volk ein weißes Blatt Papier war, auf das man die schönsten Schriftzeichen malen konnte. Das Volk als Objekt, nicht als handelndes Subjekt: Ausgerechnet in der Linken hat dieser Paternalismus Tradition.

Nun ist es aber so, dass Benachteiligte stets ein feines Gespür für Herabsetzung haben. Ein feineres als die Bürgerkinder. Missverstehen wir uns nicht: Nazis und Rechtsradikale zu verachten, das gehört sich so. Doch wer in ihnen die sogenannte Unterschicht gering schätzt, der sendet allen, die zu ihr gehören, eine fatale Botschaft: Wir sind eure Feinde und die Faschos eure Freunde.