Manche Erlebnisse beschäftigen den Notfall- und Intensivmediziner Paul Brandenburg noch heute. Ein Mann, erst 40 Jahre alt, erlitt in der Sauna einen Herzinfarkt. Eine Viertelstunde lag er ohne Puls in der Hitze. Notarzt und Rettungsassistent belebten ihn wieder. Auf der Intensivstation stabilisierte Brandenburg den Patienten weiter. Heute sagt er: "Der Mann hatte das Pech, dass er überlebt hat" – denn dessen Hirn ist seither schwer geschädigt.

Schon oft hat Paul Brandenburg Patienten gerettet, die er lieber hätte sterben lassen. In den Kliniken verlängere die Behandlung oft mehr das Leiden als das Leben. Auf eine solche Therapie können Ärzte am einfachsten dann verzichten, wenn die Kranken eine gute Patientenverfügung haben. Doch selbst wenn so eine Verfügung angefertigt werde, helfe sie oft nicht weiter, sagt Brandenburg. "Bisher sind die Dokumente häufig zu unklar formuliert oder zu lange nicht mehr aktualisiert worden, und meistens liegen sie zu Hause in der Schublade." Deshalb hat Brandenburg jetzt in Berlin das Start-up Dipat gegründet. Es bietet elektronisch abrufbare Patientenverfügungen an, die konkrete Situationen regeln sollen.

Das kostenpflichtige Angebot gibt es seit Anfang des Jahres, bisher haben sich der Firma zufolge rund tausend Kunden angemeldet. Online beantworten sie Fragen zu Situationen, Diagnosen und Therapien. Eine Software setzt aus diesen Angaben den individuellen Text einer Patientenverfügung zusammen, die im Netz gespeichert wird. Kunden bekommen einen Zettel mit einer Internetadresse und einem persönlichen Zugangscode, um ihn auf ihre Versichertenkarte zu kleben.

Stellt man sich das aber praktisch vor, wirkt die Idee realitätsfern: Bevor der Notarzt reanimiert, liest er sich online die Patientenverfügung durch? Ja, so ähnlich könne es tatsächlich kommen, sagt Brandenburg. Während der Notarzt sich um den Patienten kümmert, sucht der Rettungsassistent ohnehin routinemäßig nach dessen Versichertenkarte. Steht ein Hinweis darauf, kann der Sanitäter über das Smartphone die Patientenverfügung abrufen. Gegebenenfalls kann der Notarzt die Reanimation noch abbrechen.

Eine bessere Patientenverfügung sei dringend notwendig, findet Paul Brandenburg. In den üblichen Verfügungen seien die Formulierungen oft sehr vage. In manchen Vorlagen aus dem Internet werde die Situation, in der die Verfügung gelten soll, zu ungenau beschrieben. Dort steht dann etwa, die Anweisungen würden "im unmittelbaren Sterbeprozess" gelten. "Das ist eine Phrase, mit der kein Arzt etwas anfangen kann", sagt der Notfallmediziner. Denn: "Oft ist unklar, ob der Sterbeprozess schon begonnen hat."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Tatsächlich sind sich Angehörige und Ärzte am Krankenbett häufig nicht einig, ob bereits eine Situation eingetreten ist, für welche die Patientenverfügung gedacht war. Forscher aus Jena befragten Ärzte und Angehörige von Patienten, die auf der Intensivstation lagen und bei denen eine Verfügung vorlag. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass die üblicherweise verwendeten Dokumente "nicht für die intensivmedizinische Situation geeignet" seien. Solche Probleme will Paul Brandenburg mit Dipat lösen, indem die Nutzer online einen detaillierten Fragebogen ausfüllen. Man kann angeben, unter welchen Umständen man wiederbelebt werden will, ob man Behandlungen wie Bluttransfusionen oder künstlicher Ernährung zustimmt und ob man lieber zu Hause sterben will als in der Klinik.

Wer über die Firma Dipat seine Patientenverfügung im Internet hinterlegt, der offenbart der Firma sensible Daten. Sprechen doch die Antworten des Nutzers Bände darüber, was dieser über das Leben und das Sterben denkt. Auch seine Krankengeschichte kann er in der Verfügung dokumentieren. Das ist äußerst intim und im Onlinespeicher relativ leicht zugänglich, schließlich klebt der passende Zugangscode auf der Versichertenkarte, die wiederum wahrscheinlich im Portemonnaie steckt. (Geht die Karte verloren oder wird sie gestohlen, kann man den Zugang sperren lassen.)