Mit einem Master in Psychologie kann man fast überall Karriere machen. Doch es gibt viel zu wenig Plätze.

Jedes Jahr im Herbst beobachtet Malte Zimdahl an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Mannheim dasselbe Ritual. Etwa 90 junge Männer und Frauen kommen zum Campus, bringen ein exzellentes Abiturzeugnis mit, eine große Portion Enthusiasmus – und falsche Vorstellungen. "Viele, die ihr Psychologiestudium beginnen, denken, es ginge hauptsächlich um Freud und das Liegen auf der Couch", sagt Zimdahl, der Mitglied der Mannheimer Fachschaft der Psychologie ist. "Die ersten Wochen stellen diese Vorstellung ganz schnell auf den Kopf."

Statt in der Tradition des Psychoanalytikers Sigmund Freud Träume zu deuten und über die Macht des Unbewussten zu diskutieren, stehen auf dem Studienplan der Erstsemester Statistik oder die Grundlagen des empirischen Arbeitens. Zimdahl findet das gut. "Wir sind ein Fachbereich mit sehr breitem Wissen. So hat man viele Karriereoptionen."

Abseits der Klischees von Gedankenleser und Couchtherapeut hat sich die Psychologie zu einem Fach mit großer Deutungsmacht entwickelt. "Psychologen können zu aktuellen Debatten sehr viel beitragen, denn wir haben die richtigen Methoden, um Lösungsvorschläge zu machen", sagt Andrea Abele-Brehm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). Fast jedes gesellschaftliche Problem lässt sich auf menschliches Verhalten zurückführen. Und menschliches Verhalten zu messen und besser zu verstehen lernen Psychologiestudenten.

Der Großteil der Absolventen plant zwar nach wie vor, an das Studium die häufig kostspielige Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten anzuhängen. Doch ihre Fähigkeiten qualifizieren sie auch für andere Karrieren. Wenn es um die Integration von Flüchtlingen geht, werden Sozialpsychologen gefragt. Rechtspsychologen begutachten die geistige Verfassung von Beschuldigten vor Gericht. Und auch in der Wirtschaft haben Psychologen großen Einfluss. Die sogenannten People Analytics helfen Firmen dabei, das richtige Personal auszuwählen. Beim Technologiekonzern Google etwa versuchen Psychologen herauszufinden, welche Mitarbeiter besonders verärgert sind, wenn ein Kollege befördert wird, oder welche Zahl von Interviewern in einem Vorstellungsgespräch optimal ist.

Einige Hochschulen versuchen daher, das Studium näher an die Praxis zu rücken. Die Universität Mannheim zum Beispiel liegt in der Kategorie "Berufsbezug" im aktuellen Hochschulranking des ZEIT Studienführers in der Spitzengruppe. In einem eigens aufgelegten Praktikumsprogramm bekommen Studenten die Möglichkeit, in Unternehmen oder Instituten verschiedene Berufsfelder kennenzulernen. Auch die Fachschaft organisiert regelmäßig Vorträge, bei denen Absolventen aus ihrem Arbeitsalltag erzählen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

 

Nicht in jedem Hörsaal ist der Blick auf den Arbeitsmarkt so ausgeprägt. Uwe Kanning beschäftigt sich seit Jahren mit dem optimalen Verhältnis von Theorie und Praxis im Psychologiestudium. In einer Studie hat er fast 500 berufserfahrene Psychologie-Absolventen zu ihrer Bewertung des Studiums befragt. "Die meisten haben das Fach gerne studiert, aber hätten sich im Rückblick anwendungsorientiertere Veranstaltungen gewünscht", sagt der Professor der Hochschule Osnabrück. In seinen Seminaren lässt Kanning seine Studenten deshalb regelmäßig die Personalabteilung eines Unternehmens simulieren. Sie schreiben Stellen aus, prüfen Bewerbungen und führen Vorstellungsgespräche. Im Gegensatz dazu stehen die theoretischen Seminare, in denen die Studenten in Referaten Forschungspapiere vorstellen und im Anschluss Wort für Wort sezieren. "Das ist sinnvoll und grundsätzlich gut, denn es schult das Denken", sagt Uwe Kanning, "aber irgendwann muss man auch im Studium zu dem Punkt kommen, an dem man sich fragt: Was lernen wir daraus? Welche Handlungsempfehlung kann ich ableiten?"

Kannings Anliegen wäre eigentlich ganz im Sinne des Bologna-Prozesses, der zum Ziel hatte, junge Menschen mit einem Bachelor auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Allerdings ist die Nachfrage nach Absolventen mit einem Psychologie-Bachelor verschwindend gering, wie eine Studie der DGPs ergab. "Der Bachelor sollte berufsqualifizierend sein, ist es aber nicht", sagt DGPs-Präsidentin Andrea Abele-Brehm.

Das hat für die Studenten eine schwerwiegende Konsequenz: Der Master wird zur Pflicht, für die weiterführenden Studiengänge gibt es dann zu viele Bewerber. "Manche Uni bekommt für 90 freie Masterplätze mehrere Tausend Bewerbungen", sagt Abele-Brehm, die auch Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg ist. Die Auswahlkriterien werden deshalb immer schärfer. Der Numerus clausus für Bachelor und Master sinkt, und selbst sehr gute Abiturienten mit sehr guten Bachelorzeugnissen stehen zum Teil ohne Masterplatz da.

Was das für die Studenten bedeutet, wissen Sarah Eder und Tobias Marrenbach. Beide studieren Psychologie an der Universität zu Köln und engagieren sich in der Fachschaft. Was sie über die Situation vieler Studenten erzählen, klingt, als müssten diese selbst auf die Couch. "Man hat von Anfang an Druck, nur die besten Noten zu schreiben, damit man einen Masterplatz bekommt. Viele haben Angst, leer auszugehen, und werden darüber todunglücklich", sagt Sarah Eder, die bereits für den Master zugelassen wurde. Tobias Marrenbach bangt dagegen noch um seine Zukunft. "Wenn ich einen Notenschnitt von 1,5 brauche, um in den Master zu kommen, dann ist eine 1,7 in einer Klausur kein Grund zur Freude mehr, auch wenn es die drittbeste Note ist", sagt er. Die Professoren hätten durchaus Verständnis für die Sorgen ihrer Studenten – beheben können sie den Masterplatzmangel aber nicht.


Derzeit scheint sich die Lage eher zuzuspitzen, wie ein Kurzfilm der Psychologie-Fachschaften-Konferenz, einer bundesweiten Vereinigung von Studentenvertretern, veranschaulicht. Die Masterplatzsuche wird dargestellt als Reise nach Jerusalem: Zu traurigen Streicherklängen trotten Studenten um einen kleinen Kreis aus Stühlen herum. Dann stoppt die Musik.