Es gibt Tricks, die funktionieren, obwohl man sie durchschaut. Einer beim Kochen besteht darin, möglichst viele feine Sachen in ein Gericht zu zwängen, damit jeder es bestellt, weil er eine Lieblingszutat findet.

Alle Warnglocken klingeln bei Kreationen wie "Seeteufelfilet mit Kräuterhaube und Black-Tiger-Gamba auf Rindercarpaccio, mediterran mariniert, an Gurkenrisotto, Pilzen, Parmesan, Jus". Aber man wüsste doch gern, wie einer all das zusammenbringt. Außerdem ist dieser Maximalismus eine willkommene Abwechslung zum modischen Understatement auf den Speisekarten der City.

Ein Ausflug zum Außenmühlenteich verkehrt vieles Gewohnte. Harburgs Alster hat keine Villen und Schnellstraßen drum herum. Hier gehört an warmen Tagen das Ufer noch den Kindern, paffende Jugendliche eingerechnet. Gejoggt wird auch, doch diese Frauen tragen blaue Strähnchen.

Das Restaurant Leuchtturm empfiehlt sich schon dadurch, dass man selbst bei prächtigem Wetter mühelos einen Terrassenplatz bekommt. Auch hier hat sich eine bunte Truppe eingefunden. Rechts sitzt eine junge Frau mit Blumenkranz im Haar. Daneben kichert ein englisch sprechendes Grüppchen über den obszönen Klang des deutschen Wortes "Ausfahrt".

Der Leuchtturm, ehedem eine Disco, ist übrigens sehr flach. Man muss den Namen wohl metaphorisch verstehen – so, wie es der Mann mit dem Siegelring seiner Begleiterin erklärt: "Ist nicht ganz billig, aber der beste Laden weit und breit." Dann bestellt er etwas, das nicht auf der Karte steht, dafür mit drei Sonderwünschen.

Hanseatisch-mediterran nennt der Inhaber Frank Wiechern seinen Stil. Was Vorspeisen wie "Leuchtturms New-Wave-Sashimi" nicht ausschließt. Eine seiner acht Zutaten erinnert wirklich an den japanischen rohen Fisch. Von den übrigen sieben fällt vor allem die Sesamkruste auf dem angebratenen Thunfischsteak auf. Ist die nicht arg salzig? Die Kellnerin hört das wohl öfter; ihre Antwort ist entwaffnend verrückt: "Wir würzen alles mit Ursalz. Es kann ein bisschen kräftig sein, wenn man das nicht kennt."

Die Sonne sinkt, Frieden über dem Teich; der Siegelringträger beweist am Handy sein Verhandlungsgeschick: "Dann holen Sie sich Ihre Scheiße doch selber raus, den Schrott!"

Die Kellnerin trägt den Hauptgang auf, eine Matjesvariation. Hier hat Wiechern sich übertroffen, zumindest mengenmäßig. Die Kellnerin weiß von Gästen, die den Teller leerbekamen. "Die haben vorher vielleicht zwei Tage nichts gegessen." Vom guten Fisch in Hausfrauensauce bleibt hingegen nichts übrig, ebenso wenig von der exakt gegarten Garnele, was immer sie da soll.

Der Siegelringmann macht sich derweil auch als Weinkenner bemerkbar. Zum Lachs mit Spargel gehört natürlich ein kräftiger Roter: "Haben Sie einen Primitivo?" Für ihr wohldosiertes Lächeln möchte man die Kellnerin küssen.

Restaurant Leuchtturm, Außenmühlendamm 2, Wilstorf. Tel. 702 99 77, www.leuchtturm-harburg.de. Geöffnet täglich von 12 bis 21 Uhr. Hauptgerichte um 24 €