Das Seltsamste an Saudi-Arabien ist vielleicht, dass Saudi-Arabien so seltsam gar nicht wirkt. Die Hauptstadt Riad sieht auf den ersten Blick auch nicht anders aus als irgendeine amerikanische Wüstenmetropole. Highways und Wolkenkratzer und dazwischen eine unendliche Flachbau-Ödnis. Überall ist alles auch auf Englisch beschriftet, damit sich die Gastarbeiter aus Indien und Bangladesch zurechtfinden. In der Shopping-Mall präsentiert die Damenabteilung von Dolce & Gabbana gerade ihre Abaja-Kollektion.

In Riad ist nicht viel los, und ich bin nun schon den zweiten oder dritten Abend hintereinander hier: Sulaimanjah ist einer der wenigen eher zivileren Stadtteile, was heißt, dass es Bürgersteige, Gemüsehändler und Falafel-Imbisse gibt. Ein Metalltor ohne Namensschild, dahinter das Gharem-Studio und noch einmal eine Welt für sich.

Abdulnasser Gharem ist mit zwei Attentätern vom 11. September zur Schule gegangen. Er ist bildender Künstler, und zwar der höchstdotierte der gesamten Golfregion, seine Arbeiten waren aber nicht nur in Dubai, sondern auch schon in Berlin, London und New York zu sehen. Und er hat sich offenbar daran gewöhnt, von westlichen Journalisten immer wieder dasselbe gefragt zu werden. Geduldig beschreibt er dann seine Klassenkameraden, die sich später als Terroristen entpuppen sollten: "In der Schule waren die beiden total unauffällig. Es schienen gute Jungs zu sein. Nur waren sie eben irgendwann verschwunden. Im Fernsehen haben wir sie dann wiedergesehen. Wir waren geschockt."

Gharem ist nicht der einzige, sondern nur der prominenteste Künstler, der hier arbeitet. Zwei seiner Brüder und noch ungefähr zehn weitere Künstler, auch Künstlerinnen, gehören ebenfalls zu diesem Kollektiv, das in Riad nicht seinesgleichen hat. Zuerst läuft Fußball auf einem riesigen Flachbildschirm, später plinkert jemand traditionelle Musik auf der arabischen Laute. Als sich ein Reporter von der New York Times und auch die hochglanzgeschminkte saudische Galeristin verabschiedet haben, schaut noch Ludschain Hathlul vorbei, die berühmteste Frauenaktivistin des Landes. Sie hat ihren Mann mitgebracht, Fahad Albuteiri. Diesem Comedian folgen Millionen auf den sozialen Medien, er ist ein Superstar im Netz. Allerdings gibt es öffentliche Unterhaltungsveranstaltungen in diesem Land, in dem Kinos noch immer verboten sind, bis heute nur ausnahmsweise.

Fast alle hier im Raum waren schon einmal länger in Amerika, einige sprechen Englisch, als hätten sie nie eine andere Sprache gesprochen. Und noch etwas: Abdulnasser Gharem und seine Leute sind eng mit dem Lyriker Ashraf Fayadh befreundet, der im letzten November wegen des Abfalls vom Islam, der sogenannten Apostasie, zum Tode verurteilt worden war, bevor das Urteil dann im Januar in eine Gefängnisstrafe umgewandelt wurde.

Wo bin ich? Sind jeden Moment Festnahmen zu befürchten? Aber wie kann es dann sein, dass die Fayadh-Freunde hier erst gerade um eine große Ausstellung im Nationalmuseum von Riad gebeten wurden? Es gibt im Land keinen offiziöseren Ort für die Präsentation von Kunst. Alles ist also etwas komplizierter als gedacht.

Als der Rolling Stone ein Porträt über Gharem veröffentlichte, begann der Text mit dem Satz: "Es gibt nicht viele Künstler, die aufs Töten trainiert sind." Und ja, auch das ist bemerkenswert: Der heute 42-jährige Künstler war die längste Zeit seines Lebens Soldat. Aufgewachsen in der Provinz Asir, einer fruchtbaren Bergregion an der Grenze zum Jemen, zog er 1992 nach Riad und trat in die Armee ein. Erst letztes Jahr quittierte Gharem, mittlerweile im Rang eines Oberstleutnants, den Dienst.

Seine vielleicht bekannteste Videoarbeit gehört heute zur Sammlung des Victoria and Albert Museum in London und stammt aus dem Jahr 2003. Damals war Gharem noch beides, Künstler und Soldat. Siraat ist das filmische Dokument einer Aktion, die der meist im Kollektiv arbeitende Gharem im Süden des Landes produziert hatte. Die Künstler hielten mit der Kamera die Ruine einer Katastrophe fest, über die die Zeitungen sich ausgeschwiegen hatten. Während sintflutartiger Regenfälle waren die Bewohner eines ganzen Dorfes unter eine von dem Baukonzern Bin-Laden-Group gerade erst errichtete Brücke geflüchtet, die aber, schon rissig geworden, zusammenbrach und von nun an ins Leere führte. Aus den Betontrümmern konnte niemand lebend geborgen werden.

Das arabische Wort siraat, so erklärt mir Gharem, bedeutet "der Weg" und erinnert an eine Koransure mit der Bitte "Führe uns auf den rechten Weg". Mit diesem Satz besprühten er, der junge Offizier, und seine Freunde den Brückentorso, bis die gesamte Fläche des brüchigen Asphalts mit diesem seriellen Text-Graffito überzogen war. Weil die Künstler ihr Werk auch mit einer Nachtsichtkamera filmten, erinnerten ihre grün-schwarzen Aufnahmen an Fernsehbilder aus dem Golfkrieg. Wie politisch ist Abdulnasser Gharem? Koransuren aus der Sprühdose sind in Saudi-Arabien zumindest nicht verboten.