Ein Schwan ertränkt systematisch Gänseküken im Osterbekkanal. Das ist etwas anderes als: Ein Lurch mobbt regelmäßig Unken in einem Teich bei Harburg.

Der Schwan ist eine Insignie hanseatischer Eleganz. Wird er nun zum Zeichen sozialdarwinistischer Rüpelei?

Wäre man ein Höckerschwan, müsste man sagen: Es sieht nicht gut aus. Es wäre zurzeit besser, ein Zwerg- oder Singschwan zu sein, obwohl sich Brehms Tierleben mokiert, Ersterer wäre zu klein, Letzterer bewege sich "geradezu zappelig". Auf seine sportive Lässigkeit kann sich der Höckerschwan gerade nichts einbilden, denn er wird als "Killer" abgestempelt (Mopo).

Spaziergänger, Vogelbeobachter, der Hamburger Graugans-Zähler und natürlich der Revierjagdmeister sind alarmiert. Vier Gänsepaare hat der Schwan bereits um ihren Nachwuchs gebracht. Er schwimmt auf die Gössel zu, taucht sie mit seinem Schnabel unter Wasser, bis sie erschöpft ertrinken.

Das ist schlimmer als Waterboarding.

Das ist Serienmord.

Der Gänse-Fachmann Simon Hinrichs fordert die Umsiedlung und dass das Tier aus dem Bestand der Alsterschwäne herausgenommen werde. Hinrichs glaubt, der Schwan sei ein Wiederholungstäter, der schon letztes Jahr Küken ermordet habe. Das ist erst mal eine These, aber für das Image des Höckerschwans ist sie ein Desaster.

Wenn das stimmt, wäre dieser Schwan nicht nur ein überfürsorgliches Männchen, das sein brütendes Weibchen behütet, er wäre ein Psychopath. Es ist eine Sache, ob die Leute sagen, der hat ein zwanghaftes Sicherheitsbedürfnis, Pegida-Style, oder ob es heißt: Das ist einer, der Pogrome anzettelt.

Man muss zugeben: Der Höckerschwan hat es nicht leicht. Er hat Unfälle, er verläuft und verletzt sich. Angelschnüre, Klopapier, Windeln, was sich einem Schwan nicht alles um die Beine wickeln kann. Plastikmüll, ein Riesenproblem. Wer stolpert schon gern durch Tetrapaks und Joghurtbecher.

Oder der Schwan wird von Hunden gebissen. Tierquäler bewerfen ihn mit Steinen.

Wenn sich ein Schwan verletzt, dann verfolgt ihn der Schwanenvater – so heißt der offiziell bestallte Schwanpfleger in Hamburg –, er verfolgt den Schwan mit einem Hund, der auf die Gerüche von Vögeln abgerichtet ist.

Der Hund, er heißt Caja, will natürlich helfen, aber wer hätte kein Problem damit, Leuten zu vertrauen, die einem erfahrungsgemäß den Garaus machen wollen? Für den Höckerschwan muss das eine enorme psychologische Belastung sein. Man kennt das aus dem Kino, wenn im Thriller einer sagt: "Nein, ich arbeite gar nicht für die Gegenseite, ich bin einer von euch, ich bin einer von den Guten." Damit haben schon Menschen ein Problem.

Noch schlimmer ist vielleicht die Kränkung. Man ist als Schwan ja nicht irgendwer in Hamburg.

Bereits im 17. Jahrhundert wurde man hier angesiedelt, man war eine politische Größe. Das erstarkende Bürgertum demonstrierte auf diese Weise Selbstbewusstsein gegenüber den Aristokraten, die lange die Einzigen gewesen waren, die sich Schwäne halten durften. Es gab sogar mal eine Senatsanweisung, die verbot, Schwäne zu beleidigen.

Auf so eine stolze Geschichte schaut man zurück, während es andere Tierarten erwischt, eine nach der anderen, bloßgestellt, lächerlich gemacht. Am Hamburger Flughafen arbeiten Schafe auf schwer zugänglichen Grünflächen als Rasenmäher. Was kommt als Nächstes? Hamster als Polierbürsten für Schuhe? In Brasilien bewachen Gänse Strafgefangene; bei der geringsten Bewegung fangen sie an zu schnattern. Vielleicht hat der Hamburger Mörderschwan das gewusst und sich gesagt: Bevor diese Typen groß werden und eine Militärjunta aufbauen, tut man besser, was zu tun ist.

Das ist jetzt aber nur eine Vermutung.

Vielleicht ist der Schwan auch einfach größenwahnsinnig geworden. Allein die Kulturgeschichte, Wappentier von Apollo, Zugtier am Wagen von Adonis und Aphrodite, besungen von den Stars der Weltliteratur – Ovid, Baudelaire, Goethe. Oder Gottfried Benn, wobei der schrieb, Schwäne seien widersinnig ("den Schwanenkopf so hoch über den Wasserspiegel zu legen auf einen Hals wie glasgeblasen. Keine Kausalität darin, reines Ausdrucksarrangement").

Und natürliche Feinde hat man auch keine, deshalb die rund 25.000 schneeweißen Federn. Tarnung? Wozu denn? Nur der Seeadler könnte einem was, man ist aber on good terms, von Ikone zu Ikone sozusagen.

Dies alles könnte unter anderem eine Rolle gespielt haben bei der Zuspitzung der Lage am Osterbekkanal.