Werden jetzt alle Chauffeure arbeitslos? Die Frage kam postwendend, als die Herren von Postauto Schweiz im vergangenen Dezember die Medien nach Sitten luden. Zum Test mit ihren neuen Hightech-Wundern: zwei Kleinbusse mit fünfzehn Plätzen – aber ohne Fahrer. "Autonome Shuttles" heißen die selbstfahrenden Vehikel offiziell; "Büssli" nannte sie der Blick. Tatsächlich täuscht ihre bonbonförmige Niedlichkeit leicht darüber hinweg, worum es hier geht: um Roboter. Und um Menschen, die sich ihnen anvertrauen sollen.

Google testet putzige Automatenautos in Kalifornien. Daimler fährt mit seinen Roboter-Lkw über die Highways in Nevada. Alles eine Frage der Technik. Aber bei der Post geht es um mehr. Sie holt mit ihren Shuttles einen Schweizer Helden vom Sitz beziehungsweise Sockel: den Postauto-Chauffeur.

Er ist nicht nur der Lenker eines Busses. Sondern ein nationaler Mythos. Er zeigt, wie tief sich der Service public in die Seele dieses Landes eingegraben hat.

"Nein, wir wollen unsere Fahrer nicht ersetzen", sagt Daniel Landolf, Chef von Postauto Schweiz. Vielmehr könnten die Automaten den Betrieb allenfalls ergänzen: "Dort, wo heute keine Busse hinfahren, etwa in Begegnungszonen oder abgelegene Dörfer." An die denkt auch Peter Salvisberg, Urheber der Service-Public-Initiative: "Für mich ist Service public, dass das Postauto ins Calancatal fährt, obwohl es nicht rentiert."

Das Postauto ist ein Stück Heimat. Es gehört zum gelben Wagen, jedenfalls zu seinem Ideal, dass er in die letzten Winkel fährt und so das Land zusammenhält. Diesen postalischen Patriotismus haben aber nicht die Initianten um Salvisberg erfunden – und auch nicht die Post.

Es war der Bundesstaat von 1848, der das Postwesen von den Kantonen übernahm. Es ging ihm dabei nicht nur um die Wirtschaft und den Binnenmarkt, sondern ebenso um die "Hebung des nationalen Elementes", wie es damals hieß: "Durch ein Institut wie die Post, welche tagtäglich dem Bürger an jedem Orte die Einheit der Eidgenossenschaft vor Augen führt, muss das Gefühl der Zugehörigkeit an Lebendigkeit gewinnen." So gab sich der abstrakte neue Staat – heterogen zudem in seinen Kulturen, Sprachen, Konfessionen – eine Infrastruktur, die ihn erfahrbar machte.

Service public: Das Wort gab es damals noch nicht. Aber die öffentlichen Dienstleistungen erhielten jene Symbolkraft, die Nostalgiker heute so mühelos beschwören können. Das "nationale Element" steckt in der DNA, mit der die Post zum gelben Riesen werden konnte. Heute aber sorgt es für das "enorme Spannungsfeld" (Post-Chefin Susanne Ruoff), in dem der Konzern steckt. Hier die neuen Technologien, dort die Tradition, hier die Logik der Ökonomie, dort die Ansprüche der Öffentlichkeit.

Die Chauffeure sind Helden. Sie bewähren sich am Berg

Erstaunlich ist das nicht. Von Anfang an waren die Embleme der modernen Eidgenossenschaft immer auch die der Post. Briefkästen, Uniformen, Fahrzeuge, Schilder, Bauten – überall prangte das weiße Kreuz auf rotem Grund. Und auf den Briefmarken zieht sich die Selbstdarstellung des Landes wie ein roter Faden bis in die Gegenwart. Die Post ist eine Symbiose mit der politischen Mythologie eingegangen. Der Pöstler beispielsweise – einsam unterwegs zwischen Tannen durch den Schnee, um seine behütete Fracht dorthin zu bringen, wo die Schweiz am schweizerischsten ist: zum Hüsli auf dem Berg.