Hat es Sinn, zu sagen, eine Stadt müsse ihren Ort finden? Sie könne sich orientieren und sich zu einer Nachbarschaft bekennen?

Wer Städte für bewohnte Anhäufungen von Architektur und Infrastruktur hält, hinlänglich beschrieben mit Einwohnerzahlen, GPS-Koordinaten und dem Tabellenrang des örtlichen Fußballvereins, der kann mit solchen Fragen nicht viel anfangen. Und wohl auch nicht mit einer Nachricht der vergangenen Wochen: Schwerin, die Hauptstadt des Bundeslands Mecklenburg-Vorpommern, wird offiziell Teil der Metropolregion Hamburg.

Wer Städte dagegen als Lebensräume sieht, als Kulturfabriken und Zentren politischer und wirtschaftlicher Macht, den könnte die Nachricht aufschrecken. So weit ist es gekommen – Hamburg, der hungrige Moloch, verschlingt die beschauliche Residenzstadt der Mecklenburger, die Hauptstadt eines Bundeslands, das nicht einmal an Hamburg grenzt! Tausend Jahre eigenständiger Stadtgeschichte – und nun das: Schwerin lässt sich in eine "Metropolregion" eingliedern.

Wie soll das werden, wenn die Hauptstadt des einen der Vorgarten des anderen ist? Schwerin als Vorgarten Hamburgs, das hat ausgerechnet Angelika Gramkow gesagt, die Linken-Politikerin und Bürgermeisterin Schwerins ("im Vorgarten ist es immer am schönsten"). Ist das Masochismus angesichts einer Erniedrigung – oder sollen sich die Schweriner im Gegenteil erhoben fühlen? Immerhin bejubelt ihre Volkszeitung nun den "Aufstieg in die internationale Liga".

Guido Sempell müsste solche Fragen beantworten können. Sempell ist einerseits Regionalplaner in der Hamburger Stadtentwicklungsbehörde, andererseits hat er denselben Job auch schon in Schwerin gemacht, immerhin elf Jahre lang. Zudem ist er auf deprimierende Weise neutral – er hält von seiner früheren Heimat so wenig wie von seiner heutigen: "Die einzige ernst zu nehmende Stadt ist Berlin."

Aus dieser eher teilnahmslosen Betrachtungsweise heraus sieht Sempell Vorteile auf beiden Seiten. Im Tourismus zum Beispiel: Hamburg hat die Musicals, Schwerin hat Ruhe und Natur – dem Besucher verkauft man beides am besten im Paket. Vor allem aber geht es aus Sicht des Regionalplaners um "kritische Masse": Fünf Millionen Einwohner, "das macht mehr her" als die 1,78 Millionen, die Hamburg allein aufbietet. Und etwas hermachen muss ein Wirtschaftsraum, wenn er, sagen wir, in Shanghai um Investoren wirbt – in einer Stadt, in deren Zentrum allein schon 15 Millionen Menschen leben.

So großspurig die Metropolregion Hamburg daherkommt, mit ihrer Millionenmasse und dem Bruttoinlandsprodukt von 186 Milliarden, so unscheinbar ist die zugehörige Organisation.

Sicher, es gibt Staatsverträge, Verwaltungsabkommen und sogar einen "strategischen Handlungsrahmen" – im Kern aber ist die Metropolregion nicht viel mehr als eine Zentrale am Alten Steinweg, in der die Stadt Hamburg für Druckkosten und Kopierer aufkommt. Der Strukturfonds zur Förderung der Hamburgisch-Mecklenburgischen Verbundenheit, in den beide Bundesländer einzahlen, verfügt im Jahr über ganze 300.000 Euro. Das reicht für ein bisschen Tourismusförderung, ein bisschen Gewerbeflächenmarketing, etwas Sterbebegleitung für den ländlichen Raum in Gestalt von Fachtagungen und Seminaren.

Ist das Ganze nicht ein Gemischtwarenladen, Herr Sempell? "Ja, das trifft es ganz gut." Vor allem dient der Laden offenbar der Selbstvermarktung: Eine Einwohnerzahl wird in Lokalprestige und dieses in Geschäftsbeziehungen verwandelt. Das, sagt Guido Sempell, "ist ohne jeden Zweifel ein Beweggrund".

Natürlich ist es ein gemeinsamer Beweggrund. Von dem Geld, das der Welthandel nach Hamburg schwemmt, findet ja immer ein Teil seinen Weg nach Schwerin. Zum Beispiel zu Gerd Güll, einem Gerüstbauer mit 18 Mitarbeitern plus Azubi, 4 Lastwagen und 52.000 Quadratmeter Gerüst.

Für Güll ist die Aufnahme seiner Heimatstadt in die Metropolregion bloß ein Bekenntnis zum Offensichtlichen. Der Landkreis Nordwest-Mecklenburg im Norden und der Altkreis Ludwigslust im Süden sind schon seit Jahren dabei, und wirtschaftlich betrachtet gehört Schwerin längst schon dazu. 60.000 Mecklenburger pendeln täglich nach Hamburg.

Hamburg, sagt Gerd Güll, "ist wie ein Leuchtturm, der sein Feuer ins Land strahlt".

Güll zog Anfang der Neunziger innerhalb Schwerins um, in ein Gewerbegebiet im äußersten Süden, so nah wie möglich an die A 24. Eineinhalb bis zwei Stunden brauchen seine Lkw bis Hamburg. Inzwischen macht er dort zwei Drittel seines Umsatzes, gerade stehen seine Gerüste auf neun Hamburger Baustellen. Dem Betrieb geht es gut, demnächst feiern sie das 25-jährige Firmenjubiläum. Nur der Nachwuchs ist ein Problem. Hamburg, sagt Güll, "bietet jungen Menschen unendlich viel"; mit denen, die in Schwerin bleiben, ist er nicht zufrieden. Fünf Lehrlinge hatte er in den vergangenen Jahren, vier davon nur für ein paar Monate.