Das soll mal einer verstehen. Da hat die Schweiz einen der weltweit besten Service public. Nein, nicht nur Bundesrätin Doris Leuthard behauptet das, auch internationale Experten: Die SBB führen im Railway Performance Index der Beratungsfirma Boston Consulting, und lediglich in Frankreich gibt es mehr Poststellen pro 10.000 Einwohner. So steht es in der Statistik des Weltpostvereins. Trotzdem will am 5. Juni eine Mehrheit der Schweizer, das zeigen die jüngsten Umfragen, für die Service-public-Initiative stimmen.

Bundesbetriebe sollen in der Grundversorgung nicht mehr nach Gewinnen streben dürfen. Und ihre Mitarbeiter nicht mehr verdienen als Staatsangestellte. Somit würden Post, SBB und Swisscom wieder zu dem, was sie bis Ende der 1990er Jahre waren: ein Teil der Verwaltung.

So weit hätte es nicht kommen müssen. Doch in den Chefetagen der drei Bundesbetriebe sowie im Departement Leuthard mochte man nicht auf das immer lauter werdende Grummeln in der Bevölkerung hören. Man wollte den aufgestauten Ärger spüren.

Vor einem Jahr stimmten die Schweizer bereits einmal über den Service public ab. Eigentlich ging es um das neue Radio- und Fernsehgesetz. De facto war es ein Plebiszit über die SRG, genährt von einem diffusen Unmut. Die Vorlage wurde hauchdünn angenommen. Schon damals warnte die ZEIT (Nr. 24/15) vor der nächsten Attacke auf den Service public. Dieses Mal aus der Konsumenten-Ecke. Ihre Ziele: Post, SBB und Swisscom.

Wie zuvor der SRG-Führung, fehlte aber auch den Chefs der Bundesbetriebe eine Abwehrstrategie. Sie wollten die Sache aussitzen. Aus ihrer Sicht leuchtet das durchaus ein. Die Initiative ist unglaublich schlampig formuliert, und ihre Urheber kontrollieren zwar mehrere Konsumenten-Magazine, sind aber ohne politischen Support. Im Parlament erhielt das Begehren keine einzige Stimme: Die Rechten sind dagegen, weil sie nicht mehr zurück in die staatliche Kommandowirtschaft wollen. Die Linken fürchten eine Privatisierung der Firmen durch die Hintertür, wenn man ihnen das Gewinnmachen untersagt. Die Gewerkschaften bangen um ihren Einfluss. Und schließlich fragen sich sämtliche Parlamentarier: Wo, um Himmels willen, sollen wir die 800 Millionen Franken einsparen, die Post und Swisscom jedes Jahr als Dividende an den Bund abliefern?

Niemand verstand, worum es bei der Service-public-Initiative wirklich geht. Nicht um links gegen rechts. Nicht um Staat gegen privat. Es geht darum, dem verärgerten Kunden eine Stimme zu geben.

Im Abstimmungskampf tun die Bahn-, Post- und Swisscom-Bosse, als gehe sie der Unmut ihrer Kunden nichts an. Sie verweisen auf die gesteigerte Effizienz (Post), das positive Konzernergebnis (SBB), den globalen Wettbewerb, in dem sie sich behaupteten (Swisscom) – oder brüsten sich mit den guten Umfragewerten, die sie regelmäßig erzielen.