Im Risikokapital-Geschäft ist und bleibt das Silicon Valley das "Tal der Könige", wo all jene Start-ups entstanden sind, die heute die Digitalwelt regieren: Google, Facebook, Apple ... Doch die Bastion des venture capitalism, die sich vom Stadtrand San Franciscos fünfzig Meilen südwärts nach San Jose erstreckt, beginnt zu wanken – nachzulesen im jüngsten Money Tree Report, der von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers und der Venture Capital Association veröffentlicht wird.

Der Report hat nachgemessen, wo das Risikokapital im vergangenen Jahr hingeflossen ist, und siehe da: San Francisco hat dreimal mehr bekommen als das drittplatzierte San Jose, das am anderen Ende des Valley liegt. Dazwischen liegen immerhin die klassischen Hochburgen: Menlo Park (Facebook), Palo Alto (Tesla), Mountain View (Google) und Cupertino (Apple).

Wer kommt gleich nach San Francisco als Magnet für das Risikokapital? Überraschung: Die Nummer zwei ist ... New York. Obwohl die Giganten nach wie vor die Kleinstädte im Tal beherrschen, wandern die neuen Start-ups in die Großstädte – und mit ihnen das frische Kapital. Das trifft vorweg auf die sogenannten unicorns, die "Einhörner", zu. Das sind die neuen Start-ups, die mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar protzen. Von den Top 15 haben zwölf ihren Sitz in San Francisco.

Daraus darf man auf eine Kulturwende schließen, was sich allein schon an den explodierenden Mieten für Büros und Wohnungen in San Francisco zeigt, wo der Taxivermittlungsdienst Uber geboren wurde. Die jungen Cracks mit ihren hochfliegenden Träumen wollen nicht mehr im Grünen wohnen, wo sich die Älteren um 18 Uhr ihre Pizza zum Dinner reinziehen und drei Stunden später bettwärts wandern – oder bis zum Morgengrauen durchpowern.

Die Kinderlosen sind noch zu jung, um sich in der Nähe renommierter staatlicher Schulen wie Palo Alto High zusammenzuballen. Die reichlichen Parkplätze in den Vorstädten sind ihnen ebenfalls egal, weil sie statt Auto lieber Fahrrad fahren. Oder Uber. Warum sich stundenlang durch den Stau auf den Freeways quälen? In San Francisco und New York ist einfach mehr los, um die richtige work-life balance hinzukriegen.

Das Tal schrumpft also? Richtiger ist: Es dehnt sich nach Norden aus, nach San Francisco und Berkeley mit seiner Spitzen-Uni. Im Zentrum prangt mehr denn je Stanford, wo die Zulassung jedes Jahr noch schwieriger wird als in den alten Elite-Unis der Ostküste. Stanford nimmt nur noch 4,7 Prozent der Bewerber auf, noch weniger als Harvard (5,2) oder Yale (6,3). Warum? Weil alle Welt in Stanford IT und Biotech studieren will, um hinterher ganz schnell reich zu werden. Der neue Spitzname für Stanford lautet: "Get Rich Quick U."

Zählt man das Risikokapital zusammen, das sich über die Start-ups von San Francisco bis San Jose ergießt, bleibt das Greater Silicon Valley einsame Spitze. Dreißig Milliarden waren es im vorigen Jahr. Dagegen bleibt New York mit rund sieben ein Zwerg. Die allerjüngsten Zahlen zeigen allerdings einen Trend, der Übles für die gesamte Start-up-Welt vorauszusagen scheint.

Für die Großregion, die sich von San Francisco bis San Jose zieht, zeigt das erste Quartal 2016 im Jahresvergleich einen heftigen Verfall der Risikoinvestitionen von fast zwanzig Prozent. Übersetzt: Viele Internetunternehmen stellen sich als überbewertet heraus, der Internetblase scheint die Luft auszugehen.

Im dritten Quartal 2015 flossen noch knapp zehn Milliarden ins Valley und zweieinhalb nach New York. Im ersten Quartal 2016, also nur ein halbes Jahr später, landeten im Silicon Valley nur mehr rund sechs Milliarden an Investitionen, in New York nicht einmal anderthalb. Der Trend an beiden Küsten ist ominös. Ein Minus von jeweils 40 Prozent ist schließlich keine statistische Zuckung. Falls die Blase tatsächlich platzt wie schon einmal, als sich Anfang 2000 viele Internetunternehmen als wenig Erfolg versprechend herausstellten, wird auch die Zahl der Pleiten wie damals explodieren. Dann wird so manches Bürogebäude in San Francisco verzweifelt nach neuen Mietern suchen. Die jungen Pleitiers werden bei ihren Eltern um Unterschlupf bitten.

Die gute Nachricht: Im Jahre 2000 war der Dotcom-Crash nach ein paar Monaten überwunden, weil sich Amerika damals in der längsten wirtschaftlichen Expansion aller Zeiten befand; sie sollte noch sieben Jahre lang anhalten. Die nicht so gute Nachricht: Heute siecht trotz Vollbeschäftigung das amerikanische Wirtschaftswachstum – und die Produktivität auch. Die Volatilität des Aktienmarkts macht ebenfalls misstrauisch. Das Valley ist zwar eine eigene Welt, aber keine Insel, die sich um das Festland nicht kümmern muss. In der Gesamtwirtschaft mehren sich die Zeichen der Rezession. Nur einer wird jenseits aller Konjunkturdaten florieren. Stanford wird im kommenden Studienjahr abermals die Studiengebühren hoch- und die Aufnahmequote runterfahren.