Sevilla: Die Laute

Streng, bunt und schroff: Burkhard Straßman hat irgendwie ein bisschen Angst vor ihr

Männer sind schlicht. Ich bin primitiv. In Unterschleißheim heißt eine Frau Wagini. Frau Nippel lebt in Goldbach. In Düsseldorf wohnt Frau Verfürth. In Heidelberg verspricht die Dame Yasak, Ja zu sagen. Und in Südspanien? Se will ja!

Ich bin ein Wortfetischist. Höre ich Se will ja, muss ich gleich hin und nachsehen, ob das stimmt. Sogar wenn da gerade ein weltbekanntes Fest läuft und alle Hotels teuer oder ausgebucht sind oder beides. Auf nach Sevilla!

Moment! Südeuropa, Damen, da war doch was. Richtig, weißes Hemd muss sein. Ich kaufe zwei, zum Wechseln, winzig und raffiniert gemustert mit gepunkteten Rauten. Schwarze Hose muss sein, ebenso spitze schwarze Schuhe. Leinensakko. Nassrasur! Das braucht die Spanierin, nach allem, was ich über sie gehört habe. Im Flieger lese ich, dass der Machismo in Südspanien bis weit ins 20. Jahrhundert hinein reichte und heute noch Spuren davon zu finden sind. Ich werde das berücksichtigen.

Das letzte verfügbare Zimmer liegt in der Altstadt. Das Hotel wirkt ein bisschen islamisch. Die Mauren, heißt es an der Rezeption. Viel Holzgedrechseltes, seltsame Bögen, Rautenmuster. Im Zimmer stürze ich aufs Bett. Ein Duft hat mich von den Beinen gefegt. Eine Mischung aus Kloputzmittel und Maiglöckchen. Nein, wuchtiger: Maiglocke. Mein erster Kontakt mit Sevillas Weiblichkeit ist der Duft der Putzfrau, die eben erst fertig geworden ist. Toilettenreiniger plus Maiglocke: ein Statement!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Stadtbummel. Weiße Häuser, enge Gassen, irgendwas ist hier vielversprechend, ich finde aber nicht heraus, was. In der Calle Sierpes, Sevillas berühmtester Einkaufsstraße, gibt es tausend Läden, die immer, wenn ich unterwegs bin, verschlossen sind. Eine ganz Spröde ist diese Stadt.

Schon weil ich einfach keinen Blickkontakt zustande kriege. Dabei habe ich gelesen, die Spanierin blickt jedem Mann so stolz in die Augen, dass der, wenn er aus Deutschland kommt, gleich denkt, se will ja. Das führt oft zu Missverständnissen. Doch die einzige Spanierin, die mir in die Augen schaut, ist eine Chinesin. Sie arbeitet in einem Chinaladen und verkauft mir einen Schirm. Denn, das will ich nicht verschweigen: Es regnet in Sevilla. Eigentlich immer während meiner viertägigen Liebesgeschichte.

Ich stelle fest, dass hier alle Männer, die nach was aussehen, Krawatte tragen. Also kaufe ich mir eine, dunkelblau, gestreift. Lasse mir von einem alten Mann für vier Euro die Schuhe putzen, weil man sagt, südländische Frauen achteten darauf. Hut tragen auch viele. Aber das – nein! Nein nein nein!

Ich sehe einen Bus, auf dem als Fahrtziel "Feria" steht. Die Feria – das ist genau der Grund, warum so viele Holländer und Franzosen und Japaner in der Stadt sind. Feria de Abril, Aprilmesse. Große Sache, viel Folklore, viel Flamenco. Ich steige ein. Im Bus sind lauter Frauen in Paradiesvogelkleidern. Also obenrum knalleng, unten bodenlang mit viel Rüschen und Volants. Knallbunt, am liebsten rot. Schon schön. Leider hat jede genau einen Mann an ihrer Seite. Die Männer sehen langweilig aus. Businessklamotten. Sie haben auch nichts zu sagen. Die Frauen geben den Ton an. Sie sind irre laut. Hochfrequent. Und gut drauf.

Draußen sehe ich immer mehr Busse. Alle bewegen sich langsam aus dem Zentrum heraus. In Los Remedios wird haltgemacht, die Menschenmassen steigen aus. Hochhäuser, ein riesiger Platz. Die Feria stellt sich als eine Zeltstadt heraus, bestimmt tausend kleine Buden sind aufgebaut. Die aufgekratzten Leute verschwinden fast alle in den Zelten. Hinter ihnen fallen Planen blickdicht runter, vor jeder Plane steht ein Security-Mann, der finster dreinschaut. Ich gucke dumm aus der Wäsche.

Einer, der genauso außen vor bleibt, auch ein Deutscher, aber mit Wanderklamotten, also chancenlos, weiß mehr: Familien, Parteien und Firmen haben hier private Buden. Darin verbringt man die Woche. Wer reinwill, muss jemanden kennen, der drin ist. Der Mann kennt keinen. Wie gut, dass von langer Hand geplant wurde, dass ich dort eine Journalistin treffe, die eine Touristikfrau namens Mercedes kennt, die eine Tochter hat, die eine Freundin hat, deren Eltern Zugang zu einem Zelt haben. So kann ich mal reinschauen.

Drinnen wird gegessen und getrunken. Die Frauen in den Flamenco-Kleidern lachen und schreien, die Männer bedienen sie mit Essen und Trinken. So geht das bis nachts um drei. Dann wird, verspricht Mercedes, Flamenco getanzt und gesungen, und Exzesse sind möglich. Dummerweise bin ich jeden Abend schon vor Mitternacht so müde, dass ich die Phase des kollektiven Ausrastens nicht mitkriege. Das liegt an der Siesta, die ich nicht kenne und nicht halte.

Am nächsten Tag spaziere ich am Guadalquivir lang. Ich suche den Inbegriff von Sevillas weiblicher Seite, Carmen. Die Carmen! Soll bei der Stierkampfarena stehen, in der sie während der Feria-Woche jeden Abend Rinder abmurksen. Ich mache einen Schlenker und schaue kurz ins angeschlossene Stierkampfmuseum. Männlein in Öl hängen an der Wand. Toreros, die spanischen Idole der Männlichkeit. Wichte mit knappen Hosen in affigen Posen. Neben ihnen sind Stierköpfe montiert, ohne Ohren, weil die an die tapfersten Toreros gehen. Das verstehen sie unter Machismo? Wenn die Spanierinnen so was toll finden ...

Dann sehe ich sie, gegenüber der Arena, zwischen Büschen, ganz in Bronze. Carmen. Die aus der Oper von Bizet. Hat schon José und Klaas und Hein und Pit und kann doch den Hals nicht vollkriegen. Escamillo will se auch noch, einen Torero, aber das bekommt ihr schlecht. Irgendwo hat der Mann seine Grenzen.

Weil die Bronzefrau nur Augen für den Rindertöter hat, suche ich mein Glück in einer Flamenco-Show. Eine Gitarre im Flamenco-Museum schrammelt schon. Ein Sänger kräht, wie in Andalusien üblich, irgendeinen Schmerz heraus. Und ein dünner langer Mann macht wilde Sprünge. Doch dann erscheint eine rundliche schöne Frau im sündroten Kleid und guckt streng. Und legt los. Mann, Mann: Sie zeigt es dem Langen und allen und mir, wo die Power sitzt und die Eleganz. Die Gewalt und das große Gefühl. Es ist wunderbar! Ich bin hin und weg. Ein Tanz, der aus Erotik und Statements besteht. Ein Maiglockentanz.

Verheißend und verrätselt, schroff und glühend, knallbunt und knallhart – bist du das, Sevilla? Und wer sollte ich dann für dich sein? Einer, der immer Businesszeug trägt, für Getränke sorgt und den Müll runterbringt? Und sich in zehn Jahren "Trink nicht so viel" anhören muss und "Du liebst mich nicht mehr"? Vielleicht will se ja. Ich nicht.

Burkhard Straßmann