An einem kühlen Sonntag, um 7.31 Uhr, steigt eine ältere Dame aus dem Auto, um in Michael Hammerschmidts Leben einzudringen. Sie knöpft ihren Mantel auf, streicht über ihren roten Body, spreizt die Schenkel. Michael Hammerschmidt ist katholischer Priester. Sein Pfarrhaus steht im sauerländischen Freienohl. Er ist wach, das Licht brennt, doch die Jalousien zur Straßenseite sind heruntergelassen. Wahrscheinlich hat er sich in die Küche geflüchtet, wo er nichts von ihr sehen und hören muss. Das ist zur Routine geworden für ihn.

Um 7.33 Uhr wirft die Dame einen Herzballon in den Garten des Priesters. Eine Möhre ist daran befestigt – ein Phallussymbol. Sie zieht sich halb nackt aus. Sie streichelt ihre Brüste, hebt die Arme wie zum Triumph. Um 7.38 Uhr braust sie schließlich in ihrem Auto davon. So geht das jeden Sonntag. Christel G. hat ihre festen Abläufe. Seit 15 Jahren stalkt sie den Pfarrer. Sie gilt als schuldunfähig und "liebeskrank". Weder die Polizei noch Gerichte können sie deshalb von Michael Hammerschmidt fernhalten.

Zugegeben, wer die Geschichte zum ersten Mal hört, findet sie meist zu skurril, zu schlüpfrig für die Zeitung. Doch das Schicksal Michael Hammerschmidts zeigt, wie die permanente Öffentlichkeit Priester schutzlos machen kann. Denn am Ende dieser Geschichte sind alle, die mit dem Fall zu tun haben, überfordert – die Justiz, die Gesellschaft, die Kirche, der Pfarrer und wohl auch die Frau.

Hammerschmidt sagt: "Die Sache hat nichts mit meinem Pfarramt zu tun. Ich bin ein Stalking-Opfer wie jedes andere." Doch das stimmt nicht ganz. Als Pfarrer kann er sich nicht abschotten, er hat kein Privatleben, keinen Rückzugsort, der nur ihm gehört. Da Christel G. Katholikin ist und zu seiner Gemeinde gehört, muss er akzeptieren, dass sie in seinem Gottesdienst sitzt und bei Beerdigungen auftaucht. Er kann sich auch keine Geheimnummer zulegen. Er muss für seine Gemeinde erreichbar sein. Immer. Ein Priester, so denken viele, ist schon qua Amt stark und verständnisvoll, er kennt keine Wut, keine Verzweiflung, hat immer ein freundliches Wort für alle. Der Zölibat macht den Priester zudem zur perfekten Projektionsfläche. Er hebt ihn heraus aus der Masse der gewöhnlichen Männer. "Meine Mandantin geht davon aus", sagt Christel G.s Anwalt, "dass Hammerschmidt sie liebt, aber es nicht zugeben darf. Es spielt gewiss eine Rolle, dass er eine höherstehende Persönlichkeit ist. Auf einen normalen Bauarbeiter würde sie ihre Aufmerksamkeit bestimmt nicht richten."

An einem warmen Freitagnachmittag springt Michael Hammerschmidt schimpfend in seinem Büro umher. Er macht vor, wie die 73-jährige Christel G. in seinem Garten herumläuft und grinst. Normalerweise trägt der 62-Jährige bunte Hemden, doch weil seine Mutter gestorben ist, ist er gerade ganz in Schwarz gekleidet. Nicht mal in der Trauerphase hat Christel G. ihn in Ruhe gelassen. Man merkt dem Pfarrer den Frust an. Hammerschmidt ist kein Typ, der irgendwas beschönigt. Er beschreibt seinen drastischen Fall in drastischen Worten.

Um 17.40 Uhr klingelt sein Telefon. "Hallo?", fragt er in den Hörer. Am anderen Ende der Leitung ist eine Art Schmatzen zu hören. "Hallo?", wiederholt er. "Hallo ... Michael, ich liebe dich", sagt eine ältere Frauenstimme. Dann wird es obszön. Hammerschmidt knallt den Hörer auf. Die Anrufe kommen jeden Tag, ab acht Uhr morgens, im Zweistundentakt bis kurz vor Mitternacht.

Alles habe im Juli 2001 begonnen, erzählt Hammerschmidt. Damals sei er zum sterbenden Vater von Christel G. ins Altersheim gerufen worden. Sie habe sich ihrem Vater gegenüber seltsam verhalten, und er habe sie darauf angesprochen. Dabei sei herausgekommen, dass sie missbraucht wurde. Hier sieht Michael Hammerschmidt den Auslöser für das Stalking. "Sie ist auf mich fixiert, weil ich den Deckel gehoben habe. Nicht, weil ich Pfarrer bin. Das hätte auch einem Arzt passieren können." Das mag stimmen. Ärzte und Pfarrer gehören beide zu einer Risikogruppe: Sie hören den Menschen berufsmäßig zu und erfahren Persönliches. Manche Menschen können das nicht trennen.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Sache damals in Freienohl. Etwa 4.200 Menschen leben hier. Manche sind über das Verhalten der Frau empört, für andere ist das alles ein Unterhaltungsprogramm. Jeden Sonntag stehen sich die Stalkerin und ihr Opfer im Gottesdienst gegenüber. Ein Gemeindemitglied unterstellte dem Pfarrer öffentlich, er habe mit Christel G. eine Affäre gehabt, erzählt Hammerschmidt. "Ich habe ihn auf Unterlassung verklagt und gewonnen." Der Mann komme nach wie vor sonntags in die Kirche.

Seit Jahren lauert ihm Christel G. auf, täglich dekoriert sie seinen Garten mit Luftballons und Tampons. Einmal klebte Kot daran. Hammerschmidt ekelt sich. Er klaubt die Sachen mit der linken Hand zusammen. Die rechte Hand kommt damit nicht in Kontakt, mit ihr schließt er die Wohnungstür auf. Dann wäscht er sich die Hände. Mehrmals.