Als Susanne Neumann am vergangenen Montag von der Bühne des Willy-Brandt-Hauses steigt, ist sie eine einfache Putzfrau aus Gelsenkirchen. In ihrer Welt kippen Menschen im Supermarkt absichtlich Waschmittel auf den Boden, damit die Putzfrau es wegputzen muss. Sie stecken Müll in den Getränkeautomaten, weil sie wissen: Susanne Neumann macht ja wieder sauber. In dieser Welt ist die Putzfrau Susanne Neumann aus Gelsenkirchen ganz unten.

Nun aber war sie für einen Moment ganz oben, auf einer Bühne neben Sigmar Gabriel, dem SPD-Vorsitzenden, Wirtschaftsminister und Vizekanzler. 800 Zuschauer. Live im Fernsehen. Hat Gabriel in kurzen Sätzen erklärt, was er tun müsse, um Deutschland sozialer und die SPD wieder wählbar zu machen. Susanne Neumann stichelte, Sigmar Gabriel schwitzte. Manche sagten hinterher, sie habe den mächtigsten Sozialdemokraten des Landes vorgeführt.

Es ist 14 Uhr, als sich Susanne Neumann nach dem Auftritt in Berlin in ihren schwarzen Ford Focus setzt und auf den Weg nach Hause macht. Als die 57-Jährige fünf Stunden später in Gelsenkirchen aussteigt, ist sie zum Gesicht all derer geworden, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Am Ende des Montags hat Neumann eine Einladung zu Markus Lanz in Hamburg und soll im Sat.1-Frühstücksfernsehen in Berlin auftreten. Wenige Tage später meldet sich ein Buchagent, den Neumann zunächst für einen Spinner hält. "Ich saß nur noch im Auto, habe Interviews gegeben, für Radios und Zeitungen", sagt sie. "Das war wie im Traum."

Neumanns Traum geht im Groben so: das schmuddelige Image der Reinigungskräfte aufzupolieren, den Menschen klarzumachen, dass Putzfrauen nicht dumm sind, nur weil sie eine scheinbar einfache Arbeit verrichten. Vor allem aber: dass sie die oft schlechte Bezahlung nicht verdient haben, weil putzen ja wichtige Arbeit ist. Vor allem aber: dass Putzfrauen nicht wie Dreck behandelt werden dürfen, nur weil sie Dreck wegwischen. Dafür kämpft Frau Neumann.

Sie war lange Jahre Vorsitzende der "Bundesfachgruppe Gebäudereiniger" der Gewerkschaft IG Bau, 2009 hat sie einen Streik der Putzfrauen mit Putzolympiade und Klobürstenweitwurf so inszeniert, dass das Fernsehen berichtete. Und sie saß – damals noch mit feuerroten Haaren und Parteibuch der Linken – schon einmal in Talkshows.

In einer Talkshow entdeckte sie auch die SPD, vor zwei Wochen, als Neumann bei Anne Will mal wieder für mehr Anerkennung ihrer Arbeit warb und Hannelore Kraft in Verlegenheit brachte. Hinterher warb Kraft die kampfeslustige Putzkraft für ihre Partei. Und Sigmar Gabriel ließ Neumann prompt nach Berlin einladen.

Frau Neumann war klar, dass der Auftritt mit Gabriel eine tolle Möglichkeit sein würde, für ihre Themen zu werben und für ihre Kolleginnen in den Putzkolonnen zu kämpfen. "Wenn ich auch nur einen Zentimeter für meine Mädels verbessern kann, dann hat sich das alles schon gelohnt", sagt Neumann.

Der Kampf für die Würde der Putzfrau ist auch ein persönlicher. Wenn Susanne Neumann um Anerkennung wirbt, dann geht es ihr auch um die Anerkennung des eigenen Lebens. Die Frau, die auftritt und spricht wie eine aus dem Arbeitermilieu des Ruhrgebiets, stammt aus einer Beamtenfamilie. Neumann hat mittlere Reife, als sie mit 17 schwanger wird, ihre Lehre abbricht, sich um die Kinder kümmert und putzen geht. Wenn Neumann gegen das Vorurteil ankämpft, jemand sei dumm, nur weil er als Putzfrau arbeite, dann spricht sie auch über sich selbst.

Susanne Neumann weiß, dass Aufmerksamkeit eine kurzlebige Angelegenheit ist. "Ich denke, dass das Medieninteresse ab nächster Woche wieder abnimmt", sagt sie. "Aber wer hilft mir dann, meine Themen in die Öffentlichkeit zu bringen?" Sigmar Gabriel jedenfalls hat sich direkt nach dem Auftritt von Susanne Neumann im Willy-Brandt-Haus gewünscht, dass sie sich in die SPD einbringt. Es muss ja nicht gleich wieder vor 800 Gästen und laufenden Kameras sein.