Eine der Weltstädte des Ressentiments ist Wien. Das gehört zu meinen Einbildungen, die nicht zuletzt große Geister gefördert haben. Robert Musil zum Beispiel sagte der Habsburgermonarchie nach, dass in ihr das Misstrauen der Menschen gegen ihre Nächsten höchst ausgeprägt gewesen sei. Darin sind die heutigen Wiener eifrige Erben. Wir hegen Verdacht gegeneinander. Auch ich bin schöpferisch, sagte Oswald Wiener, ich schöpfe Verdacht.

Eine der großen geistigen Leistungen, die in Wien ihren Ausgang nahmen, war die Psychoanalyse. Freud hat in der Wiener Berggasse sein Museum und in Frankfurt am Main seinen Verlag. Der Verlag kam jüngst mit der Feststellung heraus, dass das Werk Sigmund Freuds zu Unrecht für abgeschlossen gelte. Ein vergeistigter Herr, ein Lektor des Fischer Verlags, wies in Wien darauf hin, dass er gerade den fällig gewordenen Ergänzungsband zu Ende lektoriert habe.

Die Buchpräsentation fand im Wiener Metro-Kino statt, einem plüschigen, sehr schön renovierten und nicht kommerziellen Kino. Es geschah im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Titel "Die Menschheit will betrogen sein", und das alles war zu Ehren eines lebenden, ja Geburtstag feiernden Wiener Psychiaters gedacht: Gustav Ruhs, der Jubilar, ist 70 geworden! Man fasst es nicht, das Kino war gesteckt voll, und es war klar, hier in der Stadt des Ressentiments fand auf einmal eine große Zuneigungskundgebung statt. Gustav Ruhs, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, ist unter anderem Mitbegründer der Neuen Wiener Gruppe (Lacan-Schule), und er ist für viele Menschen, die sogar in Wien das Denken nicht sein lassen können, ein Gesprächspartner.

Freuds Gruß an Ruhs versammelt wichtige und auch berühmte Beiträger: Sibylle Lewitscharoff, Christoph Ransmayr, Slavoj Žižek, Valie Export. Es gibt im Buch Wissenschaft und Kunst, aber auch so etwas Wunderbares wie durch geistige Übung kultiviertes Geblödel. Mein Favorit: Wolschebnik 666, eine Geschichte des Philosophen Ernst Strouhal, der es sich leisten kann, es gelassen auszusprechen: "Die triste Wahrheit ist also nur erträglich (...), wenn sie uns in Form einer Schwindelei präsentiert wird." Nobel tut das die Kunst, weniger nobel die Zauberei, und von dem Zauberer aller Zauberer, vom großen Wolschebnik ist dann die Rede. Dieser Zauberer kannte nämlich Tricks, die die Wirklichkeit außer Kraft setzten.

Einen Ohrwurm habe ich von der Lektüre auch mitgekriegt. Der Psychoanalytiker Karl Stockreiter dichtete: "Der Ödipus ist permanent, / und sich verrennt, / wer denkt, dass er ihn kennt!" Wie ich das wieder aus dem Ohr rauskrieg - da muss ich einen Psychoanalytiker fragen.

Sigmund Freud: Gruß an Ruhs. After you get what you want, you don’t want it; hrsg. v. Beate Hofstadler u. Robert Pfaller; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016; 360 S., 14,99 €, als E-Book 13,99 €