Wenn ein Haus zum Schauplatz eines aufsehenerregenden Verbrechens wird, kommt der Gestalt des Gebäudes in den ersten Wochen der Berichterstattung eine merkwürdige Rolle zu. Der Vorgarten, die Fenster, die halb heruntergelassenen Rollläden: Alles wird ausgedeutet, als sei das Haus menschlich und lebendig. Das mag ganz praktisch daran liegen, dass Journalisten zunächst nicht viel mehr vor Augen haben als eine Fassade. Aber es liegt nicht nur daran.

Gerade hat sich wieder das Bild eines Hauses verbreitet. Es steht in Höxter. In diesem Haus – es wird "Horrorhaus" genannt – soll ein geschiedenes Ehepaar jahrelang mehrere Frauen gequält und getötet haben. Auf dem Cover des Spiegels ist es in beinah ikonografischer Reduktion abgebildet, von unten nach oben fotografiert, bei Dämmerung.

Im Stil des Hyperrealismus zoomen die Autoren der Titelgeschichte auf jedes Detail: "Der weiße Putz ist schon recht grau, die Haustür hat einige Macken. Das Klingelschild ist ordentlich mit dem Nachnamen beschriftet, der Briefkasten an der Hauswand ebenso." Als seien im Antlitz des Gebäudes die Antworten zu finden auf die Frage, warum dieses Verbrechen geschah.

"Die Fenster sind mit blickdichten Rollos verdunkelt. Fast scheint es, als würde das Haus gerade schlafen. Oder verschämt die Lider schließen, wegschauen vor dem, was sich im Keller der angebauten Garage in den vergangenen acht Jahren zugetragen hat." Ein Wesen mit Schamgefühl und schlechtem Gewissen: So beschrieb die Bild-Zeitung vor zehn Jahren das Haus im niederösterreichischen Strasshof, in dem Wolfgang Priklopil Natascha Kampusch gefangen gehalten hatte.

Im Fall von Josef Fritzl, zwei Jahre später, hob die Berichterstattung auf die Scheußlichkeit des Gebäudes ab. Auf die verwitterte Fassade, die augenfällige Anmutung eines Gefängnisses, auf das Bunkerartige, das Brutale. Der Garten ist von der Straße nicht einzusehen. Auf dem Flachdach steht ein blickdichter Holzzaun. "Das Gruselhaus" nannte es der Focus. Dieser "hässliche Betonblock", schrieb die Tageszeitung Österreich. Als habe das Haus den Charakter seines Bewohners übernommen.

Als Kinder zeichnen wir vor allem zweierlei: Häuser und Menschen. Sie gehören zusammen. Wir begegnen dem Haus, wie dem Menschen, mit kindlicher Unschuldsvermutung. Es steht für Schutz, für die Abwesenheit von Bedrohung. Erst später begreifen wir, dass ein Haus auch das Gegenteil bedeuten kann: Gefangenschaft, Tod.

Rein äußerlich sieht man in Höxter nur: ein spitzes Giebeldach, Blumenkübel in den Fenstern. Gewöhnliche, ortsübliche Architektur. "Es könnte überall stehen in der deutschen Provinz", schreibt der stern. Wir versuchen trotzdem mit jedem neuen Detail etwas hineinzulesen, das dieses Haus zu einem Einzelfall macht, außergewöhnlich, speziell.

Es ist eine Frage der Psychohygiene: Wir wollen das Bild vom guten Heim und vom guten Menschen bewahren, es verteidigen gegen die Realität. Wir projizieren den Horror auf die Fassade. Um nicht daran denken zu müssen, dass grauenhafte Dinge in jedem Haus geschehen können. Auch in unserem.

Deshalb nennen wir das Haus in Höxter "Horrorhaus", ein Wort wie aus einem Gruselroman. Wir fiktionalisieren das Gebäude beinah. Verweisen lieber auf Spuk und paranormale Kräfte, als zu akzeptieren, dass ein Verbrechen nur aus einem Grund passiert: weil sich ein Mensch entscheidet, es zu begehen. Nicht die Häuser sind es, die foltern und morden. Wir sind das.

Das Haus in Höxter soll nun abgerissen werden. So haben es seine Eigentümer beschlossen. An dem Ort soll dann nur noch ein Kreuz stehen.