Alain Juppé war 1995 Premierminister und provozierte mit Sozialreformen einen bis heute unvergessenen mehrwöchigen Generalstreik. Als Minister befahl er Kriege in Jugoslawien und Libyen. Er ist Autor einiger philosophischer Bücher. Juppé ist eine Art französischer Wolfgang Schäuble: Der 70-Jährige war einfach schon immer da. 40 Jahre lang bekleidete Juppé fast durchgehend hohe Ämter in der französischen Regierung. Aber eines will er noch werden: Präsident. Der Bürgermeister von Bordeaux möchte 2017 als Kandidat antreten. Die Überraschung dabei ist: Alain Juppé ist Favorit. Er liegt nach allen Umfragen vorn. Und weil er weder so unbeliebt ist wie Ex-Präsident Nicolas Sarkozy noch rechtsextreme Positionen vertritt wie Marine Le Pen, gilt er als Hoffnungsträger einer Nation.

Seit mehr als zwei Jahren führt Juppé meist mit zweistelligem Abstand sämtliche Umfragen an. "Zwei Jahre sind im Umfragengeschäft eine Ewigkeit. Allmählich wird es schwer, ihn von diesem Platz noch zu verdrängen", sagt der langjährige Chefredakteur konservativer Blätter wie Le Figaro und Le Point, Franz-Olivier Giesbert.

Juppés Popularität ist umso erstaunlicher, als er mit unpopulären Ideen in den Wahlkampf zieht. Die derzeitigen Massenproteste, die immer mehr außer Kontrolle geraten, hatten ihren Anlass im neuen Arbeitsgesetz, das eine vorsichtige Einschränkung der geltenden 35-Stunden-Woche vorsieht. Ebendiese den Franzosen heilige 35-Stunden-Woche will Juppé abschaffen. Er will außerdem die Sozialabgaben für Unternehmen senken, das Rentenalter erhöhen, den Staatsapparat zurückbauen. Nur so, meint er, könne Frankreich an der Seite Deutschlands wieder Führungsaufgaben in Europa übernehmen. Auch die EU verteidigt er, als gäbe es all die Europahasser gar nicht: "Ich werde eine proeuropäische Kampagne führen!", ruft er in den für ihn typischen blauen Blazer gekleidet seinem Publikum im großen Pariser Kongresspalast zu.

Liegt es an seiner entspannten, unaufdringlichen Art, seiner Altersweisheit, dass die Franzosen offenbar bereit sind, sich von ihm die bittere Medizin verabreichen zu lassen? Wenn man ihm gegenübersitzt, scheint er einem zu vermitteln: Ich mache das alles hier als Zugabe, ich muss niemandem mehr etwas beweisen. "Erwarten Sie keinen Rock ’n’ Roll von mir", kokettiert er mit seinem Alter. Auch ist er kein Kandidat zum Anfassen. Noch beim Signieren seiner Wahlkampfbücher auf der Pariser Buchmesse schüttelt er allenfalls höflich die Hände.

Es stimmt schon: Er gehört für die Franzosen quasi zum Inventar der Pariser Politik, trotzdem hat er für sich eine neue Rolle gefunden. Er verkörpert sogar einen echten französischen Kulturbruch. Schon jetzt sagt der Kandidat, er wolle nur eine Amtszeit, fünf Jahre, regieren – vielleicht eine Notwendigkeit angesichts seines fortgeschrittenen Alters. Aber seine Aussage hat noch eine andere Bedeutung: Juppé sieht sich mehr als Reparaturarbeiter denn als neuer Napoleon. Das impliziert ein neues Politikverständnis – weg von der Sehnsucht nach alter Größe und dem französischen Weltmachttraum, hin zu einem kritischeren Selbstbild eines Landes, das mitten in Europa liegt und große Herausforderungen zu meistern hat.

Bei Juppés Veranstaltungen wird die Marseillaise gesummt und nicht gebrüllt. Es ist das genaue Gegenteil der Le-Pen- und Sarkozy-Events: Beschwörungen der eigenen Überlegenheit – und die Nationalhymne am Ende klingt wie Kriegsgeschrei.

Juppés Bescheidenheit könnte daher rühren, dass er einen tatsächlichen Erfolg vorzuweisen hat: die Stadt Bordeaux, deren Bürgermeister er seit 1995 ist, mit nur einem Jahr Unterbrechung. Hier lässt sich zwischen Flugzeugschmieden, Tram-Stationen und Kunstmuseen beobachten, wie das neue Juppé-Frankreich eines Tages aussehen soll: industriell, ökologisch, stilbewusst – wie Deutschland, nur schöner. Japanische Touristen reisen inzwischen in Gruppen an, um diese ordentliche, altmodisch-bürgerliche und zugleich technikverliebte Stadt zu besuchen. Als Juppé vor 20 Jahren Bürgermeister wurde, stand Bordeaux kurz vor dem Bankrott, jetzt ist sie eine der wohlhabendsten und wachstumsstärksten Metropolen Frankreichs. Nirgendwo im Land werden mehr Firmen gegründet. Im Zuge einer Verdoppelung des Haushalts reduzierte er den Schuldenstand um ein Viertel.

Schon 1995 wollte Premierminister Juppé seinem Land eine Globalisierungskur verordnen. Doch die Bevölkerung lehnte seine Reformen ab – eine Agenda 2010 weit vor ihrer Zeit – und trat in wochenlangen Streik, der die Regierung wiederum in eine tiefe Krise stürzte. Viele waren damals stolz auf so viel Widerstandskraft. Heute ist das anders. "Heute sagen sich die Franzosen, dass Frankreich besser dastünde, wenn sie damals auf Juppé gehört hätten." Das behauptet zumindest Gilles Boyer, Juppés unkonventioneller Wahlkampfchef. Boyer ist eher ein seriöser Beamtentyp denn ein genialer Spindoktor. Er diente seinem Chef schon als Büroleiter in Bordeaux.

Seit Januar sitzt er in einer frisch gestrichenen Kampagnenzentrale im vierten Stock eines alten Pariser Haussmann-Baus. Für Boyer ist das Jahr 1995 ein zentrales Argument der Kampagne Juppés. Es geht um nicht weniger, als den Franzosen klarzumachen, dass man die stolze revolutionäre Vergangenheit auch mal auf sich beruhen lassen kann. "Vielleicht befinden wir uns an dem Punkt der Geschichte Frankreichs, an dem wir nicht mehr an Versprechen glauben", sagt Boyer. "Juppés Kampagne ist eine Wette darauf, dass sich die Franzosen heute kollektiv ihrer Pflicht bewusst sind, das Land reformieren zu müssen." Die Vernunft tritt gegen die kollektiven Fantasien eines Landes an.

Aber französische Präsidentschaftswahlkämpfe sind emotionale Persönlichkeitsschlachten, wie in den USA. Gewinnt am Ende nicht doch immer der beste Darsteller und nicht der beste Politiker? Tatsache ist, dass eine Favoritenrolle elf Monate vor der Wahl anderen in der Vergangenheit wenig nützte. Berühmte Beispiele sind die Ex-Premierminister Lionel Jospin, Édouard Balladur und Raymond Barre, alle drei vernunftbetonte Politiker wie Juppé, die ihren Umfragevorsprung vor der Wahl noch verspielten.

Juppé hält sich fern von den Mitteln der Emotionalisierung und Stilisierung, auch von Facebook und Twitter. Seine persönliche Geschichte breitet er nicht aus. Kaum jemand weiß, dass Juppé aus einfachsten Verhältnissen stammt. Sein bescheidenes Elternhaus, heute verwahrlost, steht in dem Städtchen Mont-de-Marsan im Schatten einer Stierkampfarena in Südfrankreich. Seine Schulfreunde sprechen hier noch von ihm, als sei er der Junge von nebenan. Früher, nach dem Krieg, war der mittellose Vater als mutiger Résistance-Kämpfer und starker Rugbyspieler stadtbekannt. Einen vernünftigen Job bekam er nie. Dem Sohn war das damals peinlich, erzählt sein Biograf Dominique Lormier. "Ich bin ein Produkt der französischen Meritokratie", sagte Juppé einmal über sich und seinen langen Weg durch die französischen Eliteschulen.

Ein verarmter, Rugby spielender Résistance-Kämpfer, dessen Sohn es ins höchste Amt schafft – das wäre eine Wahlkampfgeschichte nach französischem Geschmack. Aber Juppé scheint gewillt zu sein, seine Wähler nicht mit Kitsch zu verführen, sondern auf Augenhöhe mit ihnen zu kommunizieren. Kommt er damit in den Élysée-Palast, wäre das auch eine Art Revolution.