Natürlich ist es von großer symbolischer Bedeutung, wer die Funktion des Staatsoberhauptes innehat. Insofern ist der Zittersieg, den Alexander Van der Bellen, ehemals Parteichef der Grünen, über die Ziellinie retten konnte, vielleicht sogar über die Grenzen Österreichs hinaus relevant. 31.026 Stimmen haben schließlich den Ausschlag gegeben. Sie haben geholfen zu verhindern, dass Österreich zumindest atmosphärisch eine Führungsrolle im Verbund der rechtspopulistischen Herausforderer einnimmt. International ist deshalb die Erleichterung groß. Ihm sei ein Stein vom Herzen gefallen, meinte etwa der italienische Außenminister unmittelbar nach Bekanntgabe des amtlichen Endergebnisses.

Aber für die Situation des Landes insgesamt macht der knappe Vorsprung keinen großen Unterschied. Allein die Tatsache, dass knapp 50 Prozent der Wähler einem Mann das höchste Amt im Staate anvertrauen wollten, der keinen Hehl daraus machte, die destruktiven politischen Ziele der Freiheitlichen Partei bis zum letzten Komma zu teilen, signalisiert, vor welcher ungeheuren Zerreißprobe die österreichische Nachkriegsordnung steht. Die Proporzdemokratie mit ihrer fein ausbalancierten Verteilung von Macht, Einfluss und Posten ist in ihrer letzten Phase angelangt. Ein freiheitlicher Triumph hätte das Ende des alten rot-schwarzen Parteienstaates vermutlich beschleunigt. Doch auch der bedächtige Wirtschaftsprofessor Van der Bellen wird dessen Ableben nicht verhindern können, obwohl das die Koalitionsvertreter von ihm erwarten. Insgeheim halten sie ihn ohnehin für einen von ihnen, ein liberal-soziales Zwitterwesen mit ein wenig Ökogewissen. Doch zu tatkräftiger Unterstützung fehlen dem neuen Präsidenten qua Amt letztendlich die geeigneten Mittel – auch wenn er im Wahlkampf den gegenteiligen Eindruck zu erwecken suchte.

Wenn nun aber die Regierungskoalition aus Sozialdemokratie und Volkspartei wieder einmal erleichtert durchatmete und in den gewohnten Trott zurückfiele, hätte sie die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Die Versuchung ist groß, schließlich ist der Reflex erprobt. Doch diesmal wurde an der Wahlurne nicht bloß zweimal über Kandidaten für die Hofburg abgestimmt. Vielmehr wurde besiegelt, dass es kein Zurück mehr gibt in die politische Behaglichkeit eines demokratischen Systems, in dem die Gesichter sich zwar ändern mögen, niemals aber das Rollenverständnis der Entscheidungsträger. Nur ausnahmsweise handelten sie eigenständig, fast immer fühlten sie sich den Interessensgruppen verpflichtet, an deren Tropf sie hingen. In diesem zähen Kontinuum, einem hermetischen System, schwindsüchtelte das sozialpartnerschaftliche Bündnis dahin.

Die beiden Wahlgänge markieren nun eine deutliche Zäsur. Sie erzählt von zwei Österreichs, von einem Land der Zukunftsfrohen, die sich im Großen und Ganzen gut aufgehoben fühlen im Konzept der europäischen Integration, und von einer Heimat der Verzagten, die befürchten, im Abseits zu landen, wenn die gesellschaftliche Veränderung weiterhin so stürmisch über sie hinwegbraust. Das ist kein österreichisches Phänomen, aber nirgends in Westeuropa ist es bisher derart tief in der Mitte angekommen, hat es sich über die Hälfte eines Landes ausgebreitet. Ungeachtet ihres Rückschlags in der Stichwahl sind die Freiheitlichen weiterhin ein wichtiger, wahrscheinlich sogar der wesentliche Machtfaktor. Das Lager von Norbert Hofer tröstete sich über seine Enttäuschung mit der Gewissheit hinweg, allein gegen einen Bannerträger des bestehenden Systems angerannt zu sein. Und ganz falsch waren die blauen Trostworte nicht mal. Aus dieser Perspektive hat Alexander Van der Bellen vielleicht nur einen Pyrrhussieg errungen.

Die blaue Niedergeschlagenheit wird jedenfalls nicht von langer Dauer sein. Die Hofer-Anhänger sind davon überzeugt, von einer Allianz aus Medien und Institutionen um den sicher scheinenden Erfolg betrogen worden zu sein. Das wird den freiheitlichen Furor noch stärker anfachen. Sie werden noch aggressiver die Auseinandersetzung suchen, noch entschlossener in politische Pöbeleien stürmen. Die nächste Runde im Ringen um die Mehrheit hat bereits begonnen. Ein Bundespräsident Hofer wäre ein unerwarteter Zufallserfolg gewesen, der nicht im Drehbuch steht. Dort ist vorgesehen, dass es Parteichef Heinz-Christian Strache ins Kanzleramt schafft.