Stimmungsmacher Alkohol – Seite 1

Die Runde sitzt bei Krabbenbrötchen und Kaffee zusammen – auf dem Tisch stehen auch Flaschen mit Bier, sogar alkoholfrei, aber in den nächsten Stunden wird niemand danach greifen. Die drei Gäste sind gekommen, um über ein heikles Thema zu sprechen: den Alkoholkonsum der Deutschen. 90 Prozent der Erwachsenen trinken hierzulande Alkohol, traditionell zählen wir zu den Vieltrinkern auf dieser Welt. Schon unsere germanischen Vorfahren galten als gefürchtete Zecher, im Mittelalter brachten die Bräute stets einen Braukessel mit in die Ehe. Und heute? Eine halbe oder ganze Flasche Wein, zwei, drei Biere – für viele ist das ein lieb gewonnenes Feierabendritual. Wer gern trinkt, befindet sich in bester Gesellschaft: Der gesundheitlich riskante Alkoholkonsum steigt mit dem Bildungsniveau. Fachleuten wie unseren drei Gästen bereitet das Sorge: Fast zehn Millionen Deutsche trinken nach Schätzungen zu viel, 1,3 Millionen gelten als süchtig.

Global Drug Survey 2018
ZEIT ONLINE ruft auf zur größten Drogenumfrage.

ZEIT Doctor: Stellen wir uns eine Situation vor, die viele kennen – man ist am Samstagabend eingeladen, die Freunde kochen, reichen einen Aperitif, beim Essen trinkt die Runde ein paar Flaschen Wein, später gibt’s noch einen Digestif oder zwei. Am Ende hat man fünf Getränke oder mehr gehabt. Ein Grund, sich Gedanken zu machen?

Hausarzt: Wenn das ein Mal in der Woche oder in 14 Tagen vorkommt, gehört es dazu. Das ist nun mal unsere Ess- und Trinkkultur. Die Frage ist aber, ob der Einzelne die Grenze ziehen kann oder ob es mit den Jahren immer mehr wird.

Suchtexpertin: Der Hauptpunkt ist, sich zu fragen: Wofür setze ich Alkohol ein? Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu bekommen, dass Alkohol eben kein normales Konsumgut für jeden Tag ist.

Hausarzt: Es gibt eine sehr große Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft, die Alkohol so sorglos zu sich nehmen wie Brause, und das kann schon mal grenzwertig sein.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Sozialmediziner: Und mindestens zwei Drittel von denen, die zu viel Alkohol trinken, halten ihren Konsum für total normal.

Suchtexpertin: Ja, die Menschen lesen ja auch immerzu, wie gesundheitsförderlich Rotwein sei und dass man mit Bier hervorragend Giftstoffe ausscheide. Aber das stimmt nicht, das ist ein Mythos.

ZEIT Doctor: Was stimmt stattdessen?

Sozialmediziner: Viele Fachleute weltweit sind heute nicht mehr davon überzeugt, dass ein moderater Alkoholkonsum Herzerkrankungen vorbeugt, wie es früher hieß. Diese Idee beruht nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf statistischen Fehlern. Und andersherum belegen inzwischen große Studien, dass selbst der Konsum geringster Mengen Alkohol Krebs begünstigt.

Suchtexpertin: Im Prinzip muss man sagen: Jeder Konsum ist gesundheitsschädlich.

Hausarzt: Na ja, man muss die Kirche da schon im Dorf lassen. Alkohol ist auch ein Genussmittel, und da ist gar nichts gegen zu sagen.

Suchtexpertin: Alkohol wird in unserer Gesellschaft als Kulturgut betrachtet, aber das ist ja keine Selbstverständlichkeit. Da gibt es Interessen, die dieses Image ganz gezielt fördern. Schauen Sie sich mal die Werbung oder Serien an: Da schenken sich die Leute erst mal einen ein, sobald sie nach Hause kommen. Und in den Kochshows trinken sie schon beim Kochen unablässig Wein. So als gehöre das dazu, zum normalen Stressabbau, zum gewöhnlichen Abendprogramm. Da wird für einen Lebensstil geworben.

Sozialmediziner: Der Konsum in der Gesellschaft entsteht durch Wirkkräfte aus der Wirtschaft.

ZEIT Doctor: Sie meinen jetzt aber nicht im Ernst, wir seien alle Opfer von Manipulation?

Hausarzt: Was die Werbung angeht, schon.

ZEIT Doctor: Na ja, aber wir gucken ja nicht alle Werbung.

Sozialmediziner: Fakt ist, dass die Werbung unsere sozialen Normen sehr stark prägt. Bei Alkohol sind massive Player im Spiel. Denken Sie mal an den Brauerbund, einen der stärksten Lobbyverbände der Republik. Der Bundeslandwirtschaftsminister wird da mit viel Tamtam zum Botschafter des Bieres gekürt. Da brauchen Sie sich nicht zu wundern, dass Alkohol als Lebensmittel wie jedes andere erscheint und viele Leute riskantes Trinken für unproblematisch halten.

ZEIT Doctor: Aber die Menschen haben sich doch immer schon gerne ein bisschen berauscht. Alkohol hat ja offenbar eine Funktion, die sehr viel tiefer greift.

Suchtexpertin: Ja, aber er war früher nicht so verfügbar. Man trank bei Festen oder Ritualen wie dem Abendmahl. Heute finden Sie allerdings im Supermarkt Regalmeter voll Alkohol und an jeder Tankstelle als Reiseproviant – im Straßenverkehr!

"In diesem Land kann man sich für wenig Geld kranktrinken"

Sozialmediziner: Alkohol ist ein gefährliches Produkt, und es wird maximal vermarktet, auch in unethischer Weise. Dass er überall erhältlich ist, zeigt, wie schlecht unsere Prävention ist. Es gibt bei uns keine nachhaltigen gesetzlichen Maßnahmen, um den Konsum zu reduzieren. In Mecklenburg-Vorpommern haben wir mal versucht, wenigstens Schnaps aus den Tankstellen zu verbannen. Da lernt man die Macht der Lobby kennen. Da kommen die Autobahntankstellen-Pächter, der Kneipiersverband. Die Politiker reden. Und nichts passiert.

Hausarzt: Die wichtigste Stellschraube ist der Preis. Dass man sich in diesem Land für wenig Geld kranktrinken kann, ist eine echte Katastrophe.

Suchtexpertin: Italien und Frankreich haben Werbung und Verfügbarkeit eingeschränkt und die Preise erhöht. Die haben den Alkoholkonsum deutlich gesenkt und die WHO-Ziele erreicht. Deutschland schafft es nicht.

Hausarzt: Es ist politisch nicht gewollt – ganz einfach. Die Lobby ist zu stark.

Suchtexpertin: Wein wird bei uns nicht einmal besteuert, sondern über die Landwirtschaftsförderung sogar noch subventioniert!

ZEIT Doctor: Ich habe gestern zwei Gläser Gin Tonic getrunken. Falle ich damit jetzt schon aus dem Rahmen?

Sie nehmen Drogen – wir wissen, welche: Klicken Sie hier für die Ergebnisse des ZEIT-ONLINE-Drogenberichts 2016.

Sozialmediziner: Sie brauchen abstinente Tage, um risikoarm zu trinken. Und Sie sollten Rauschtrinken vermeiden. Das heißt als Frau nicht mehr als drei Getränke pro Anlass und als Mann nicht mehr als vier. Mit Ihren zwei Gin Tonics hatten Sie also gestern einen Halbrausch.

ZEIT Doctor: Einen Halbrausch? Woher wollen Sie das wissen? Man denkt ja beim Wort Rausch, dass jemand schon merklich betrunken ist.

Sozialmediziner: Dieses Verständnis ist weit von dem entfernt, was die Wissenschaft unter Rausch versteht. In der Alkoholforschung gehen wir davon aus, dass es sich ab vier, fünf Gläsern per Definition um einen Rausch handelt. Aber subjektiv berauscht fühlt sich der Trainierte nach einer Flasche Korn, der Untrainierte schon nach einem Glas Wein.

ZEIT Doctor: Wir waren ja aber bei den Durchschnittsdeutschen, die etwas Wein trinken, keine Flasche Korn. Selbst jemand, der regelmäßig eine Flasche Wein trinkt, denkt vielleicht an den Geheimrat Goethe, der zwei Flaschen davon am Abend geleert hat. Wir wollen ja keine Pathologisierung von Leidenschaft. Für die meisten geht es doch um Genuss.

Hausarzt: Das ist die Frage: Unsere Gesellschaft wird immer schneller, immer druckvoller, wir benutzen Alkohol, um uns abends abzukoppeln. Da entwickelt sich eine Dynamik, die den Genuss zur Seite schiebt. Wenn Alkohol nur dem Genuss dienen würde, hätten wir kein Problem. Nicht jeder Tropfen Alkohol ist gefährlich aus meiner Sicht. Ich sage auch meinen Patienten, die mal am Wochenende eine Zigarette rauchen: Wenn’s dabei bleibt ...

Suchtexpertin: Aber wer kann das schon?!

Hausarzt: Wer nicht abhängig ist, muss nicht täglich rauchen oder trinken. Entscheidend ist, dass man langsam genießt, mit voller Aufmerksamkeit.

ZEIT Doctor: Wo würden Sie eine gesunde Grenze ansetzen?

Sozialmediziner: Bei einem halben Glas Wein als Frau und der doppelten Menge als Mann, also dem gängigen Viertelliter. Und das an nicht mehr als drei Tagen pro Woche. Darüber steigt das Risiko für die Gesundheit deutlich an. Denn eines muss man ganz klar sagen: Das Massenproblem ist nicht die Alkoholabhängigkeit, sondern der riskante Konsum, der langfristig krank macht.

© Mary Turner/Getty Images
Wie Alkohol Ihnen weniger schadet

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Alkohol? Gibt es überall, fast jeder trinkt. Meist mehr, als einem gut tut. Sieben Tipps, wie sie die schlimmsten Folgen vermeiden können.

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Alkohol-Tipps

Das sind unsere Quellen

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ZEIT ONLINE arbeitet mit dem Global Drug Survey zusammen, der weltweit größten Umfrage unter Drogennutzern. Mehr als 70.000 Alkoholtrinker gaben an, wie sie negative Folgen zu verringern versuchen. Zusammen mit Suchtexperten sind daraus Tipps zum Konsum entstanden.

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#1 – Besser ganz lassen ...

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#1 – Besser sein lassen ...

... machen aber nur die wenigsten.

Keine Droge gehört so selbstverständlich dazu wie Alkohol. Selbst Jugendliche kommen trotz Verbot leicht an Bier, Wein und Schnaps. 1,3 Millionen Deutsche sind abhängig, 9,5 Millionen übertreiben es meist, 74.000 sterben jährlich an den Folgen.

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Der männliche Körper verträgt Alkohol besser. Er hat prozentual mehr Muskelzellen. Deshalb wird mehr Wasser gebunden als im weiblichen Körper. Trinkt ein Mann die gleiche Menge wie eine Frau, verdünnt sich der Alkohol stärker. Allerdings: Männer neigen deutlich häufiger zum Rauschtrinken.

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Suchtexpertin: Das weiß aber fast niemand. Es ist auch kaum in der Bevölkerung bekannt, dass Alkohol bei einem genetisch erhöhten Risiko für Brustkrebs eigentlich absolut tabu wäre ...

Sozialmediziner: Nicht nur Frauen mit einer erblichen Vorbelastung würden ihr Brustkrebsrisiko minimieren, wenn sie nichts trinken, die übrigen auch. Brustkrebs ist ja sehr häufig.

ZEIT Doctor: Weniger häufig ist die Entstehung von Sucht. Wie kommt es denn zu einer Abhängigkeit?

Sozialmediziner: Wenn ich etwa Stress mit Alkohol bewältige; das spielt eine große Rolle. Ich lerne dabei, wie gut ich meine Stimmung verbessern kann, und dann mache ich es öfter. Durch diese Gewöhnung kann einer abhängig werden, der voll im Leben steht und nicht mal besonders anfällig ist.

Suchtexpertin: Wobei ein gelegentliches Alkohol-Räuschchen ja noch nicht das Problem ist, davon wird man nicht süchtig.

ZEIT Doctor: Wie sieht so ein harmloses Räuschchen aus?

Suchtexpertin: Die beiden Gin Tonic.

ZEIT Doctor: Ein halber Rausch, wie wir konstatiert hatten!

Suchtexpertin: Das Vertrackte ist, dass es beim Alkohol sehr lange dauert, bis sich Krankheiten oder eine Abhängigkeit entwickeln. Man bekommt es nicht so einfach mit. Bei mir war es auch so: Es fing bei der Konfirmation an – da war etwas Entlastendes, ich war lockerer drauf. Bis zu dem Punkt, an dem ich abhängig war, dauerte es gut zehn Jahre. Das ist bei Frauen eine recht übliche Zeit.

"Am Ende war eine Flasche Wodka am Tag gar nichts für mich"

ZEIT Doctor: Wie haben Sie erkannt, dass Sie abhängig waren?

Suchtexpertin: Ich hatte das Gefühl, ich brauche das Zeug. Und ich muss es verstecken vor meiner Umwelt. Ich habe, glaube ich, eine typische Frauenabhängigkeit entwickelt: heimlich trinken. In Gesellschaft genauso viel wie alle anderen, aber im Stillen immer ein bisschen vorglühen oder nachkippen. Am Ende war eine Flasche Wodka am Tag gar nichts für mich.

Hausarzt: Die Menschen spielen mit dem Feuer und kennen die Gefahren nicht richtig. Jedem ist klar, dass ihm der Führerschein entzogen wird, wenn er zu viel getrunken hat und am Steuer erwischt wird. Aber wie leicht man sich gesundheitlichen Risiken aussetzt, ist den meisten nicht bewusst. Eines sollte sich jeder klarmachen: Wenn du nicht aus Genuss trinkst, dann lass es lieber.

ZEIT Doctor: Woran erkennt der Laie, ob er suchtgefährdet ist?

Sozialmediziner: Zwei wichtige Fragen gibt es da: Hat sich Ihr engster Angehöriger schon mal beschwert oder sich Sorgen gemacht? Haben Sie schon einmal ein schlechtes Gewissen gehabt oder sich schuldig gefühlt? Dann geht es in Richtung Abhängigkeit.

ZEIT Doctor: Na ja, ein schlechtes Gewissen hat man auch, wenn man mit einem Kater aufwacht, weil man mal über die Stränge geschlagen hat.

Hausarzt: Ja, aber wenn Sie das jeden Tag machen, dann ist da was falsch.

Suchtexpertin: Und wenn Sie nirgends mehr hinreisen oder hingehen können, wo es nichts zu trinken gibt, dann sollten Sie anfangen nachzudenken. Oder wenn Sie Panik bekommen, weil Ihre Vorräte zur Neige gehen.

Sozialmediziner: Das ist dann aber schon sehr kritisch, da sollte man besser vorher mal ins Grübeln kommen – wir nennen das "Contemplation-Stage".

Hausarzt: Wenn man früh reduziert, ist der Weg wesentlich kürzer. Bei einer Alkoholabhängigkeit ist das Ziel null Komma null, es geht nicht anders.

ZEIT Doctor: Ist das wirklich so?

Hausarzt: Ja, Alkoholabhängige dürfen nicht mehr trinken; null – gar nicht!

ZEIT Doctor: Aber wir hören, es gebe jetzt das Prinzip des "kontrollierten Trinkens", das auch einen Weg aus der Sucht bieten könne.

Hausarzt: Es wird unter Fachleuten derzeit diskutiert, ob das ein alternativer Weg ist, die Menge runterzuschrauben. Das reicht aber bei einem Abhängigen nicht aus. Der muss am Ende doch auf null kommen. Riskanten Konsum hingegen kann man noch auf ein halbwegs verträgliches Maß bringen. Jemand, der nur zwei, drei Dinge verändern muss, um wieder in den grünen Bereich zu kommen, hat es wesentlich leichter.

ZEIT Doctor: Welche Verhaltensweisen könnte man denn zum Beispiel ändern, um einen Anfang zu machen?

Hausarzt: Nicht jeden Abend ein Bier, sondern dreimal die Woche stattdessen Sport machen zum Spannungsabbau. Nicht nebenbei trinken, neben einem angeregten Gespräch, dann ist die Flasche leer, und man hat nichts davon gehabt. Ein abgestandenes Bier schmeckt nicht, also besser ein kleines bestellen. Und ob es jetzt der Alkohol ist oder Schokolade: Das erste Stück schmeckt am besten ...

ZEIT Doctor: Und der Rest muss weg?!

Hausarzt: Genau! Abstinenzphasen können auch gut sein. Eine Zeit lang nur einmal die Woche Alkohol zum Beispiel. Das ist nicht so strikt und hat den Vorteil, dass jemand bei einem Ausrutscher nicht sagt, es ist eh egal.

ZEIT Doctor: Kann man mit solchen Pausen die Gewöhnungsprozesse zurückdrehen?

Alle: Klar! Natürlich.

Sozialmediziner: Das kann man wie eine Ernährungsumstellung sehen. Und wenn man auf die Nase fällt, ist man kein pathologischer Fall, dann probiert man einfach etwas anderes aus. Beim Rauchen hört die Mehrheit einfach so auf. Da hat es häufig auch schon viele Neujahrsversuche gegeben. Aber irgendwann gelingt es dann.

Hausarzt: Und jede Ansprache durch Familie, Arzt, Freunde bewirkt, dass derjenige eine Ambivalenz spürt zwischen Für und Wider, die ist wichtig.

ZEIT Doctor: Wenn man merkt, da ist bei jemandem etwas nicht in Ordnung, soll man als Angehöriger die Konfrontation suchen, oder gibt es einen diplomatischen Weg, der aber trotzdem effektiv ist?

Suchtexpertin: Ansprechen! Nicht verheimlichen, nicht weiter verschleiern. Eigene Gefühle ansprechen, sagen, worüber man sich Sorgen macht. Nach unserer Erfahrung suchen Angehörige immer zuerst Hilfe und fragen: Wie sage ich es, ohne dass ich Ärger kriege? Von denen geht ganz viel aus.

ZEIT Doctor: Es heißt, dass viele Betroffene sich nicht trauen, ihren Alkoholkonsum anzusprechen, ihn beim Arzt oder vor sich selbst verleugnen, weil ein Zuviel oft mit Charakterschwäche assoziiert wird.

Suchtexpertin: Dieses Bild vom willensschwachen, kontrollunfähigen Menschen, der versagt hat, der nicht mit Alkohol "umgehen" kann, hält sich unglaublich zäh. Das hat so einen Geschmack von mangelnder Reife und Charakterschwäche. Dabei hat die Persönlichkeit nur einen Anteil von etwa drei Prozent bei der Suchtentstehung!

Sozialmediziner: Das Verrückte ist, dass die Gesellschaft zwar insgesamt zu viel trinkt – aber sobald es bei jemandem einen Tick zu viel wird, dann wird dieser Mensch ausgeschlossen und gilt als einer, der sich nicht im Griff hat.

ZEIT Doctor: Muss dieses Stigma nicht erst einmal überwunden werden, um die Abhängigen zu erreichen – und ebenso die vielen Millionen Menschen mit riskantem Konsum?

Suchtexpertin: Das Problem ist, dass an jeder Beratungsstelle "Sucht" dransteht. Da geht ja keiner hin, der meint: Ich trinke vielleicht ein bisschen viel. Da haben wir im Hilfesystem noch eine Menge zu tun, um diesen alten Suchtbegriff mal abzulösen. Denn Menschen können in allen Lebenslagen Probleme entwickeln, und dafür gibt es Beratung und Informationen. Punkt. Wie eine Lebensstilberatung. "Suchtberatungsstelle" dranzuschreiben hindert viele Leute daran, ihre Situation zu klären. Selbst von den richtig Süchtigen gehen da nur fünf bis zehn Prozent hin!

ZEIT Doctor: Viele Fachleute sehen die Hausärzte als Schlüssel. Würden Sie dem als Hausarzt zustimmen?

Hausarzt: Das Praktische ist, dass wir unsere Patienten gut kennen, weil sie immer mal mit einer Erkältung zu uns kommen. Sie sprechen das Thema Alkohol aber erst an, wenn sie oder ihr Ehepartner oder der Chef ein Problem sehen. Bis dahin wird der Alkoholkonsum, in welchem Umfang auch immer, als normal empfunden. Oder die Patienten kommen mit Bauchschmerzen oder Bluthochdruck und wissen nicht, dass ihre Trinkgewohnheiten dabei eine Rolle spielen.

Suchtexpertin: Wie gehen Sie darauf ein?

Hausarzt: Über die motivierende Gesprächsführung, eine Kurzintervention von fünf Minuten. Das Ziel ist, dass der Patient selbst darauf kommt, was gut oder schlecht ist an seinem Konsum. Das erzeugt dann diese besagte Ambivalenz. Es bringt nichts, als Arzt zu sagen: "Sie müssen mal ein bisschen weniger trinken." Das wirkt genauso wenig wie der Satz "Sie müssen sich mehr bewegen". Da ist klar, dass der Patient das nicht macht.

"Wir machen Schmalspurprävention; das ist vom Staat so gewollt"

Suchtexpertin: Das größte Problem ist, diejenigen zu identifizieren, die in riskanten Mengen trinken. Um die kümmert sich nämlich fast keiner, da gibt es einen großen Mangel in der Versorgung.

Hausarzt: Das liegt auch daran, dass bei uns die Prävention eine geringe Rolle spielt. Früherkennung betreiben wir kaum. Wir haben eine kurative Medizin. Es geht um die Behandlung von Krankheiten, und die wird auch honoriert. Das ist von den Kassen und vom Staat so gewollt. Wir machen Schmalspurprävention, der Routine-Check beim Hausarzt ist eine rein körperliche Untersuchung. Ich frage jeden neuen Patienten, ob und wie viel Alkohol er trinkt, aber ich mache das aus Überzeugung und nicht, weil es irgendwo vorgesehen ist oder bezahlt wird.

ZEIT Doctor: Wir haben doch seit Kurzem ein neues Präventionsgesetz, das der Vorsorge einen anderen Stellenwert einräumen soll.

Suchtexpertin: Ja, aber das Thema Alkohol ist erst auf den allerletzten Drücker aufgenommen worden. Fast hätte man es vergessen. Und es hat viel Arbeit gekostet, das gegen die Lobby reinzubringen. Und es wird noch mehr Arbeit kosten, in der Praxis etwas Vernünftiges daraus zu machen.

ZEIT Doctor: Rund 30 Prozent der Patienten auf den chirurgischen Stationen liegen nur deshalb dort, weil sie unter Alkohol von der Leiter gefallen sind oder sich in die Hand gesägt haben, da gäbe es doch noch viel zu tun ...

Sozialmediziner: Ja, und es gäbe auch im Krankenhaus hervorragende Möglichkeiten, die Patienten darauf anzusprechen. Sie hängen ja den ganzen Tag herum, mit dem Arm in der Schiene, und haben Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. In zahlreichen Studien haben wir Tausende von Klinikpatienten zu ihrem Umgang mit Alkohol befragt. Von 1.000 Patienten machen 999 mit. Sie erreichen da ganz viele Menschen.

ZEIT Doctor: Gehen Sie denn davon aus, dass Sie dabei ehrliche Antworten bekommen?

Sozialmediziner: Ja, es hat uns selbst erstaunt, wie viele ihre Alkoholprobleme zugeben. Die Menschen sind bemerkenswert offen für solche Fragen, sobald sie die Schwelle zu einer Arztpraxis oder Klinik überschritten haben.

Hausarzt: Die Chirurgen sind allerdings eher von der schneidenden als von der sprechenden Zunft.

Sozialmediziner: Es wäre aber ganz leicht, so etwas einzuführen. Die motivierende Gesprächsführung ist eine gute Möglichkeit, das erwähnten Sie ja bereits. Da könnte der Chefarzt bei der Visite zum Assistenten sagen: Und, haben Sie schon nach dem Lebensstil gefragt? Und spätestens bei der zweiten Visite weiß der Assistent, dass er danach fragen soll. Der Wille muss eben da sein. Natürlich werden jetzt viele Ärzte sagen, wir sind schon überlastet. Deshalb haben sich inzwischen auch Computerprogramme bewährt, die Ärzte entlasten.

ZEIT Doctor: Computerprogramme als Ersatz für das Gespräch mit dem Arzt? Und das funktioniert?

Sozialmediziner: Die Programme funktionieren erstaunlich gut, und die Patienten machen da super mit. Sie füllen im Wartezimmer oder im Krankenhaus einen Fragebogen aus, da ist es eh langweilig. Sie geben dann an: "Ich trinke pro Tag vier Flaschen Bier" und so weiter. Das Computersystem vergleicht das mit dem Bevölkerungsdurchschnitt und formuliert automatisierte, clevere Feedback-Briefe: "Sehr geehrter Herr Müller, Ihre Gewohnheiten stimmen mit einem erheblichen Teil der Bevölkerung überein, und Sie finden Ihr Trinken auch völlig normal, das können wir verstehen. Aber in der Wissenschaft gibt es folgenden Wissensstand ... Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, statt des abendlichen Bieres dies und jenes zu tun?" Das System gibt also Hinweise, um die Leute zum Grübeln anzuregen, und wir sparen damit Personal.

Hausarzt: Und wie geht es dann weiter?

Sozialmediziner: Wir haben gute Erfahrungen mit drei Kontakten im Abstand von je drei Monaten gemacht. Nach wenigen Wochen bereits kommen die Probanden ins Nachdenken. Dieses Beratungssystem ist sehr erfolgreich, und die Effekte halten für längere Zeit an. Die Leute trinken wirklich weniger. Vielleicht gerade deshalb, weil ihnen niemand mit einem erhobenen Zeigefinger kommt.

Suchtexpertin: Man könnte das überall einsetzen, nicht nur im Krankenhaus, auch in jeder Rehabilitationseinrichtung!

ZEIT Doctor: Also etwa auch bei Rückenpatienten?

Suchtexpertin: Ja, exakt, dazu gibt es sogar schon Modellprojekte und Untersuchungen.

ZEIT Doctor: Warum wird das nicht längst überall angeboten?

Sozialmediziner: Wir haben das versucht, aber wir sind auf höchster Ebene am Widerstand der Kranken- und Rentenversicherungen gescheitert.

ZEIT Doctor: Zusammenfassend heißt das: Der Staat hat die Kontrolle über die Prävention, aber er tut nichts?

Sozialmediziner: Ja, die Lobby ist zu stark. Wir brauchen in Deutschland Bürgerbewegungen, wenn es um die Nachhaltigkeit unseres Lebens und um unsere Gesundheit geht. Was uns fehlt im Gesundheitsbereich, ist so etwas wie Greenpeace – mit etlichen Millionen Einnahmen. Normalerweise haben Jugendkampagnen ja kaum eine Wirkung, doch in Amerika gab es eine, die war supererfolgreich, die Truth Campaign. Da haben sie den Jugendlichen gesagt: Du bist so blöd, dich anscheißen zu lassen von denen da oben, die wollen, dass du dich kaputtmachst. Es ging dabei um Tabak, aber das würde bei Alkohol genauso funktionieren. Es war eine der erfolgreichsten Präventionskampagnen, die man je gefahren hat in den USA.

ZEIT ONLINE informiert umfangreich zum Thema Alkohol und Drogen. Alle Artikel dazu finden Sie hier im Dossier "Wir gefährlich ist der Rausch?".

ZEIT ONLINE hat außerdem diese fünf Grundsätze veröffentlicht, an der sich moderne Drogenpolitik orientieren sollte. Die Vorschläge können Sie hier diskutieren oder auf Twitter unter#KlugeDrogenpolitik.

Zudem befragt ZEIT ONLINE seit drei Jahren im Rahmen des Global Drug Surveys Leser zu ihrem Drogenkonsum. Die Ergebnisse dieser weltweit größten Drogenumfrage – den ZEIT-ONLINE-Drogenbericht 2016 – können Sie hier als Kartengeschichte lesen:

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Reuters
30.000-Mal high

30.000-Mal high

Der Global Drug Survey ist die größte Umfrage unter Drogennutzern. Ein Drittel aller Befragten kamen aus Deutschland. Wer mitgemacht hat?

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Danny Moloshok/Reuters
Vor allem unsere Leser

Vor allem unsere Leser

Die Daten sind nicht repräsentativ, aber hilfreich: Wie geht es Ihnen mit Drogen? Das Ziel: Wer weiß, was er tut, lebt ungefährlicher.

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Richtige Antwort. Zwar kommt es bei allen Drogen auf die Dosis an. Crack rangiert aber ganz oben, wenn es um gesundheitliche Schäden für den Einzelnen geht. Es macht abhängig und zerstört Nervenzellen. Wer Koks schnieft, ist auch nicht besser dran: Geschmacks- und Geruchsnerven verkümmern, Gefäße werden geschädigt. Auf Dauer kommen Organschäden hinzu, auch Psychosen sind mögliche Folgen.

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Richtig! So viele Menschen würden ihren Konsum im nächsten Jahr gerne reduzieren. Jeder zehnte Alkoholtrinker konnte übrigens mindestens einmal pro Monat nicht aufhören zu trinken. 13 Prozent bereuen ihr Trinkverhalten regelmäßig.

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