DIE ZEIT: Herr Ring-Eifel, das Bistum Dresden-Meißen, zu dem auch die Region Leipzig gehört, bekommt einen neuen Bischof: den 63-jährigen Heinrich Timmerevers. Er war bislang Weihbischof in Münster und gehört der Fokolar-Bewegung an. Was für eine Bewegung ist das?

Ludwig Ring-Eifel: Die Fokolar-Bewegung ist eine der sogenannten geistlichen Gemeinschaften innerhalb der Kirche. Sie wird verwaltet von Kirchenlaien und ist weitgehend losgelöst von der Kirchenhierarchie. In der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden einige solcher Bewegungen. Charakteristisch für alle ist: Sie wurden von einzelnen Gründern geprägt, die eine besondere Inspiration hatten; die ihr Leben auf radikale Weise änderten, sich mit Gleichgesinnten umgaben.

ZEIT: Wer war das bei der Fokolar-Bewegung?

Ring-Eifel: Chiara Lubich, eine Lehrerin aus Italien, die 1943 in Triest – unter dem Eindruck der schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges – eine Zukunftsvision hatte: Man müsse die Spaltung der Menschheit überwinden. Alle müssten eine Gemeinschaft werden.

ZEIT: Keine ganz neue Idee – darauf fußte zur damaligen Zeit ja auch die Gründung der Vereinten Nationen.

Ring-Eifel: Ja! Lubich wollte aus einer ähnlichen Idee heraus ein religiöses Programm machen. So entstand die Fokolar-Bewegung. Was deren Anhänger eint, ist das Ziel, eine besondere Form der Spiritualität zu leben. Radikal christlich zu leben.

ZEIT: Was heißt das für einen wie Timmerevers?

Ring-Eifel: Man muss hier unterscheiden zwischen bloßen Anhängern, wie Heinrich Timmerevers einer ist, und regelrechten Mitgliedern. Für die Anhänger geht es meist darum, Fokolar-Veranstaltungen zu besuchen, Spiritualitätskurse zu machen, Gleichgesinnte zu treffen. Die Mitglieder hingegen sind viel stärker eingebunden, sie geben einen Teil ihres Einkommens an die Fokolar-Gemeinschaft ab. Es gibt sogar Fokolar-Siedlungen, die berühmteste in Loppiano in der Nähe von Florenz. Dort leben Hunderte Mitglieder zusammen, betreiben Landwirtschaft, führen Handwerksbetriebe, und das alles in Gemeinschaft.

ZEIT: Nach Angaben der Fokolar-Bewegung gehören auch Atheisten sowie Juden, Muslime, Buddhisten und Hinduisten zu ihr. Wie muss man sich das denn vorstellen?

Ring-Eifel: Chiara Lubich hat von Anfang an die Auffassung vertreten: Es braucht eine Einheit, die über die Grenzen der Religion hinausgeht. Deswegen können in den Fokolar-Siedlungen auch Nichtchristen leben. Das Ziel ist nicht, sie zu bekehren oder zu taufen. Das Ziel ist nur, dass alle, so gut es geht, nach den Regeln des Evangeliums leben, nach dem Credo der Nächstenliebe. Es kann ja auch Muslime geben, die sagen: Jesus war ein großartiger Mensch, er ist ein Vorbild für mich.

ZEIT: Und zu welchem Gott wird dann gebetet?

Ring-Eifel: Man betet nicht gemeinsam, macht aber fast alles Übrige gemeinsam.

ZEIT: Alle sind weitgehend gleich, Besitz wird geteilt: klingt nach christlichem Kommunismus.

Ring-Eifel: Ja, das schon. Vorbild dafür war aber nicht Karl Marx, sondern das sind die Apostel, die in einer ähnlichen Gemeinschaft zusammenlebten.

ZEIT: Heinrich Timmerevers lebt nicht in einer Fokolar-Siedlung, aber er unterstützt diese Bewegung. Beim Katholikentag in Leipzig wird er den Gottesdienst aller geistlichen Gemeinschaften leiten. In den Siebzigern hat er selbst einen Kursus für Spiritualität der Fokolar-Bewegung besucht. Ist das ungewöhnlich für einen Pfarrer?

Ring-Eifel: Nein, es gibt einige Pfarrer und Bischöfe in der Fokolar-Bewegung: Joachim Reinelt, der frühere Bischof in Dresden, gehört auch dazu. Die Kirche hat daran ein doppeltes Interesse: So bekommt sie über die Geistlichen mit, was innerhalb der Gemeinschaft passiert, und die Geistlichen werden durch den Schwung und die Radikalität in solchen Bewegungen mit angesteckt.