Von einem, der auszog ... – Seite 1

Ein irischer Freund hatte mich gewarnt: Die Briten lieben die Schmeichelei, aber sie verachten den Schmeichler. Also halt dich zurück mit Liebesbeweisen. Das war ein guter Tipp. Aber er sollte nicht ausreichen für die Mission. Nach meiner ersten – und wahrscheinlich letzten – Rede in Westminster fühle ich mich, nun ja, nicht verachtet, aber sagen wir doch: intellektuell bemitleidet. Die Operation "Bleibt, Brüder!", sie lief erbärmlich.

London, vor wenigen Wochen. Ich bin eingeladen, ein Plädoyer gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU zu halten, und zwar im Heiligtum jedes europäischen Demokraten, dem britischen Parlamentsgebäude. Den Text, den ich mir zurechtgelegt habe, finde jedenfalls ich so überzeugend, dass ich ihn mit gehörig freundlicher Inbrunst vortrage, und zwar, im Kern, mit folgenden Argumenten:

Liebe Briten, lasst uns Europäer nicht allein mit der EU, wie sie ist. Ihr habt sie fast da, wo ihr sie all die Jahrzehnte haben wolltet, sie ist komplett ernüchtert. Jetzt helft uns, sie neu aufzubauen, helft uns, Romantik durch Realismus zu ersetzen und Kleingeistigkeit durch globale Perspektive. Ihr habt zum zweiten Mal die Chance, eine moralische Führung anzunehmen, die ihr nach 1945 ausgeschlagen habt, obwohl sie euch damals zustand. Tut ihr es heute nicht, verratet ihr einen Teil auch eures nationalen Erbes.

Nach dem Schlusssatz machen die Gesichter des Publikums auf mich denselben Eindruck wie die verregnete Themse, die draußen vor den gotischen Sprossenfenstern vorbeizieht. Die Runde, Politiker, Journalisten und Bürger, applaudiert höflich. Ein älterer Lord lächelt milde.

Brexit - Die Briten und ihre Beziehungen zur EU Die Briten haben für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Seit dem Beitritt haben die Briten immer wieder eine Sonderrolle beansprucht. Diese Videografik erklärt warum.

Der anschließende respondent, wie die Briten einen Gegenredner nennen, ist Douglas Murray; Eton, Oxford, konservativ-liberaler Journalist und unter den Gewächsen der englischen Elite ein eher dorniges Exemplar. Als Autor widmet er sich besonders der Kritik des Islams, der EU und anderer hinterfragbarer Dogmensysteme. Noch bevor meine Rede so recht in die Köpfe der Zuhörer sickern kann, zieht Murray sein Florett und verarbeitet meine Thesen zu Konfetti.

Es gefalle einem als Brite ja durchaus, wenn die Kontinentaleuropäer neuerdings einen so schmeichelhaften Ton anschlügen, holt er aus. Das Problem sei nur: "Die Franzosen sagen uns, wir sollen bleiben, damit sie nicht mit den Deutschen allein gelassen werden. Die Dänen sagen uns, wir sollen bleiben, damit sie nicht mit den Deutschen und mit den Franzosen allein gelassen werden, und die Osteuropäer wollen nicht mit den Mittel- und Südeuropäern allein bleiben." Offenbar wolle niemand mit irgendwem in der EU allein gelassen werden. Welchen Schluss solle man daraus ziehen? Die Romantik, die sei immer nur ein Problem der Kontinentaleuropäer gewesen, denn im Grunde war die EU "eine Antwort auf ein Problem, das wir nicht hatten".

Die EU sei bereit, ihre Fehler einzugestehen? Es sehe ganz und gar nicht danach aus, findet Murray, und kommt zum eigentlichen Punkt, den die Brexit-Befürworter seit Wochen machen: Nicht nur gebe niemand zu, dass die Einführung von Euro und Schengen Katastrophen gewesen seien, nein – "stattdessen hat Angela Merkel dem Kontinent ein unfassbares neues Problem eingehandelt, eines, für das sie keine Lösung hat". Die Flüchtlinge.

Der Vize-Präsident der EU-Kommission selbst schätze, zitiert Murray, dass 60 Prozent der Migranten, die im vergangenen Jahr nach Europa gekommen seien, unter falschen Vorwänden Asyl beantragt hätten. Glaube nun irgendjemand im Saal, dass Deutschland diese Hunderttausende von Leuten tatsächlich abschieben werde? Merkel habe Europa unsicherer gemacht, und zwar nicht nur ökonomisch.

"Also", er zeigt mit dem Finger auf den Deutschen, "wenn uns jemand, der wiederholt furchtbare Entscheidungen getroffen hat, sagt, er brauche uns, damit er damit aufhört", dann sei doch die wahre Frage, ob Großbritannien weiterhin Teil einer derart "selbstmörderischen Mission" sein wolle.

Nicken und Zustimmungsbekundungen im Saal. Bis auf eine merkliche Ausnahme, den freundlichen Lord, scheinen die Leute Murray beizupflichten. Die EU sei nicht reformierbar, heißt es in der Fragerunde, sie sei auf Integration gepolt, und offenbar brauche sie erst den Ausstieg Großbritanniens, um zu merken, was schieflaufe.

Merkels "madness"

Es gab in den vergangenen Jahren, in denen ich als Reporter in Europa unterwegs war, immer wieder diese von Krisen ausgelösten Momente, in denen kulturelle Unterschiede schlagartig und unbarmherzig aufblitzten, Unterschiede, für die wir Europäer nach sechzig Jahren Integrationshypnose bisweilen blind geworden waren. Noch nie aber hat diese Klarheit so geschmerzt wie hier und jetzt. Weil es noch nie um so viel ging. Weil hier in London tatsächlich der Dominostein kippen könnte, der die Auflösung der EU einleitet. Dann nämlich, wenn die Briten am 23. Juni für den Austritt aus der Union stimmen sollten.

Zum ersten Mal denke ich wirklich, dass Europa scheitern könnte. Weil wir ach so verbundenen Völker in den vergangenen 60 Jahren dramatisch wenig gelernt haben, uns auszusprechen und einander zu begreifen.

Westminister Palace ist eine Ehrerbietung an eine zivilisatorische Idee. Statuen und Gemälde von Politikern und Kriegern aus tausend Jahren. Stühle mit grünen Lederpolstern und königlichem Wappen. Achthundert Jahre Aufklärungs- und Volksermächtigungsgeschichte. Ort der Churchill-Schwüre, "notfalls für Jahre, notfalls allein" den Kampf gegen die Nazi-Tyrannei zu führen. Und, unter all den gotischen Kreuzgewölben, so gut wie kein Glaube mehr daran, dass die Europäische Union mit Demokratie und den Interessen einer selbstbewussten Nation vereinbar wäre.

Zum Schluss fällt meinem Gegenredner noch eine Frage ein: "Wenn es in der EU um Solidarität gehe, warum lädt Angela Merkel dann nicht all die arbeitslosen jungen Italiener und Griechen ein, die Arbeitsmarktlücken in Deutschland zu füllen, statt Leute aus aller Welt zu importieren, mit gesellschaftlichen Folgen, die noch unsere Enkel ausbaden müssen?" Murrays große Sorge lautet, dass die erste Generation Migranten zwar vor islamischem Fundamentalismus fliehe, viele Mitglieder der zweiten Generation aber, wenn sie hier nicht klarkämen, ihr Heil in genau diesem Fundamentalismus suchten.

Wieder großes Nicken im Saal.

Die Zeit reicht eben noch, um zu entgegnen, dass Merkels Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, einem moralischen Imperativ entsprang, keinem moralischen Imperialismus. Aber ihre Motive kümmern wenig. Über die "madness" der Kanzlerin ereifern sich Zuhörer, die nach der Diskussion nach vorne kommen.

Beim Hinausgehen sehe ich Westminster Palace anders als beim Hineingehen. Dieses Parlament wird rundherum durch einen massiven Metallzaun geschützt, durch Fahrzeugsperren und fünfhundert Polizisten.

Wir Deutsche wissen, dass unsere Einwanderungserfahrungen unsere Gesellschaft liberaler und weniger ängstlich gemacht hat, als es die polnische, ungarische oder tschechische sind. Aber wissen wir auch, was Terror-Erfahrungen mit anderen unserer Nachbarn gemacht haben, die schon eine längere Einwanderungserfahrung haben? Ich steige in die U-Bahn Richtung Flughafen und frage mich, was genau an dieser Debatte gerade überraschend gewesen wäre, wären im Juli vor elf Jahren 56 Menschen bei Bombenanschlägen in Berlin ums Leben gekommen und nicht in London. Würden wir irgendwelchen geschichtsargumentierenden Schmeichlern nicht auch skeptisch entgegentreten?

"Nur durch freie Meinungsäußerung", schreibt der britische Historiker Timothy Garton Ash in seinem neuen Buch Freie Rede, "kann ich verstehen, wie es ist, du zu sein." Genau zu dieser Freiheit hat sich Europa zu wenig getraut. Der 23. Juni könnte die Quittung liefern.