Adieu, ami, lieber Siegfried!

Dies ist eine Verlustanzeige. Verloren gemeldet wird der Freund, den ich in Dir hatte. Du bist für mich hinüber. Hinübergewechselt zu einer Seite, die für mich politisch nicht tragbar ist: der neuen Rechten.

Das Schlimmste daran: Du sympathisierst nicht wie inzwischen so viele aus tagesopportunistischen Motiven, aus Frust oder Angst mit dieser Bewegung, sondern aus innerer Überzeugung. Du publizierst in regelmäßigen Abständen in rechtsideologischen Heften, die eine nationalrevolutionäre Wende herbeischreiben. Dort streitest Du schon mal dafür, dass der Rassebegriff wieder als wissenschaftlicher Parameter diskutiert werden müsse. Du beklagst eine Bedrohung westlicher Wissenschaftskultur durch "politischen Gesinnungsterror", redest von "diskurspolizeilicher Inkriminierung" in unserer Gesellschaft. Das tun Du und Deine Leute nur so lange, bis ihr die Polizeigewalt habt. Dann, das lehrt die Geschichte, sorgt ihr dafür, dass es gar keinen Diskurs mehr gibt. Zugegeben, es ist gehässig von "euch" zu sprechen, denn ich kenne Dich als einen sehr individualistischen, studierten Philosophen.

Wie grotesk: Der, der eigentlich keiner Fliege etwas antun kann, wünschte sich immer, Teil eines verwegenen Stoßtrupps in gefährliche Gefilde des Denkens zu sein. Politische Korrektheit hat Dich dabei nie sonderlich interessiert, Dich reizte das Kratzen am Tabu. Du fröntest der Faszination für das Martialische. Früher störte mich das nicht sonderlich, weil ich dachte, so ein musischer Weichling wird in so einer robusten männerbündischen Rotte gar nicht ernst genommen.

Ich erinnere mich an unzählige Nächte, in denen wir "alle Probleme der Menschheit endgültig gelöst" haben. Schon damals reizten mich meistens die von Dir vorgetragenen Ansichten zum Widerspruch, auch dann noch, wenn sie meine eigenen waren. Das Radikale faszinierte auch mich. Aber vom Gebräu aus dem Giftschrank der Rechten ließ ich die Finger.

Ulrike Meinhof und Ernst Jünger, Rosa Luxemburg und Thilo Sarrazin, Ernst Nolte und Heiner Müller – alles konntest Du zusammendenken, beschriebst Dich als Nationalbolschewisten. Der Nazismus war Dir zu wenig sozialistisch und der Sozialismus zu wenig national. Ich lachte darüber, weil ich mir damals, das war in den frühen neunziger Jahren, in meinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen konnte, dass es einmal so etwas wie eine Querfront geben könnte, ein Links-rechts-Aktionsbündnis gegen die biedere Demokratie. Den Antiamerikanismus der Linken und den rechten Hass gegen die westorientierten Transatlantiker hast Du mühelos in einer einzigen Meinung untergebracht. Linke Kritik an der Kulturindustrie mit ihren Verblendungszusammenhängen, wie sie uns Theodor W. Adorno und Max Horkheimer nahebrachten, hast Du mit rechtskonservativen Dekadenztheorien verbunden, à la Oswald Spengler oder Arnold Gehlen, Otto Strasser und Martin Heidegger, die Dir Belege für den geistig verkommenen Westen unter der Fuchtel des US-Kulturimperialismus lieferten.

Mit freundschaftlichen Grüßen schicktest Du mir Deine Arbeiten, die ich nach ein paar Absätzen angewidert weglegte. Die Unberechenbarkeit, das Irrlichtern zwischen den Ideologien, das wir so gut an Heiner Müller studierten, kippte bei Dir zunehmend ab in ein reaktionäres Geraune. Doch Müller, der mit dem Stahlhelm Ernst Jüngers für den Fotografen posierte, wusste als Theatermann den Unterschied zwischen Pose und Haltung zu inszenieren. Du sitzt nun einer Haltung auf. Deine Rechtschaffenheit, Deine parzivalhafte Blauäugigkeit wurde Dir zum Verhängnis.

Dein Spiel mit dem Feuer habe ich zunehmend schwerer ertragen. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass in absehbarer Zeit nie solch ein politisches Milieu, das Deinem Theoriemix irgendeine Praxis ermöglichen könnte, auch nur im Ansatz Tritt fassen würde. Aber nun stehen wir hier am Vorabend eines brandgefährlichen Paradigmenwechsels, was die Akzeptanz und Gesellschaftsfähigkeit rechter Kultur angeht. Es gab Tote durch eine rechte Terrorbande, die mit weitreichender logistischer Unterstützung rechnen konnte. Es brennen immer wieder Flüchtlingsheime. Andersfarbige Menschen werden beleidigt und attackiert. Jetzt ist das Areal, auf dem Du so unschuldig zündelst, plötzlich feuergefährlich, während früher das Pulver immer nass war, an das Du Deine Lunte legtest.

Wenn Du wenigstens wie die Zauberlehrlinge Martin Heidegger oder Gottfried Benn wärst, die beide anfänglich aus abenteuerlich-ästhetischen Gründen den Nationalsozialismus protegierten und dann versuchten, von der rasenden Maschine abzuspringen. Du beschwörst mit Angstlust den Untergang des Abendlandes, siehst Dich und Deine Kumpane wohl als letzte kulturelle Gralshüter der weißen Rasse.

Ist es noch ein Relikt aus früherer Zeit, mir nicht vorstellen zu können, die Freundschaft zu einem Menschen aufrechtzuerhalten, der kurdischen männlichen Flüchtlingen vorhält, sie würden Frauen und Kinder in der Kampfzone zurücklassen, ihnen mangele es also an Ritterlichkeit? Will ich weiter mit jemandem verkehren, in dessen Geschichtsbild Deutschland unter einer "amerikanisch-russischen Doppelhegemonie" stand und der der Meinung ist, dass die "Holocaust-Industrie mittlerweile auch die philosophischen Ideenmärkte erobert hat"? Der mit rechtsnationalen und konservativen Publizistinnen und Publizisten befreundet ist, mit denen ich nicht einmal über das Wetter reden würde?

Ich prüfe auch mich: Bin ich am Ende der "Faschist" oder "Stalinist", weil ich in mir den Rigorismus verspüre, Dich aus meiner Welt zu verbannen? Oder habe ich am Ende Angst, Dir zu gleichen? Sollte mir ein so sanfter, im Grunde zutiefst humaner, freundlicher Mensch wie Du im gegnerischen Lager nicht willkommener sein als ein Charakterschwein in den eigenen Reihen? Es ist wohl so, dass man den mehr liebt, der auf derselben Seite der Barrikade steht.

Früher hast Du kleine philosophische Knallfrösche gezündet, jede Deiner Provokationen stammte aus dem Scherzartikelsortiment der Theorie. Jetzt aber bist Du von Benzinfässern umgeben und fackelst vielleicht nicht mehr lange. Von der Sinnstiftung zur Brandstiftung, von der Philosophie zur Ideologie ist es ein kürzerer Weg, als Du denkst. Der Philosoph Jacob Taubes warnte uns doch: Die Gedanken sind frei, aber nicht folgenlos.

Oft habe ich mich gefragt, ob es möglich wäre, all die Reizthemen, die uns entzweien, einfach zu umschiffen. Aber wir waren immer zwei Dampfboote in voller Fahrt auf Kollisionskurs. Ausweichen würde für uns Verrat bedeuten. Es würde nicht gehen. Soviel Arglosigkeit kann ich einfach nicht aufbringen.

Dein Andreas