Wenn er sich dieser Tage mit Vertrauten bespricht, geht es oft um Rituale. Müssen Ministerratssitzungen wirklich so schematisch ablaufen, fragt Christian Kern dann seinen Stab. Und habe sich das so oft in Routine erstarrte Pressefoyer nach dem Ministerrat nicht längst überlebt?

Der neue Kanzler agiert vorerst eher ungewöhnlich: An die von Beratern vorbereiteten Redemanuskripte hält er sich nur über kurze Strecken. Gleich bei seiner ersten Erklärung vor dem Nationalrat extemporierte er kühn und stanzte freche Sätze: "Wer keine Visionen hat, braucht 2016 tatsächlich einen Arzt", paraphrasierte er Franz Vranitzkys berühmt gewordenen Rat aus den neunziger Jahren, wer Visionen habe, möge zum Doktor gehen, aber nicht in die Politik (tatsächlich hat Vranitzky das nie gesagt).

So leichtfüßig wie in der Morgenfrische des Neubeginns wird der neue Kanzler sein Amt in den kommenden Wochen und Monaten eher selten angehen können – auch wenn die Bundespräsidenten-Kür nach dem knappen Sieg Alexander Van der Bellens für Christian Kern noch glimpflich ausgegangen ist: Norbert Hofer hätte der Koalition das Regieren sicher mühsamer gemacht.

Nach diesen denkwürdigen Wahlen wendet sich die Aufmerksamkeit jetzt wieder dem wahren Zentrum österreichischer Politik zu, der Bundesregierung, in der – zumindest links der Mitte – kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist.

Kern wurde zwar von vielen Kommentatoren beinahe hymnisch aufgenommen und vom Koalitionspartner erleichtert begrüßt. Und doch gab es in den dramatischen Tagen um die Präsidenten-Stichwahl ein erstes Wetterleuchten am Horizont. In jenen beiden Bundesländern etwa, deren SPÖ-Vorsitzende den Übergang von Faymann und Kern orchestriert hatten, schnitt der blaue Kandidat vorzüglich ab: In der Steiermark wählten 56 Prozent Hofer, in Kärnten gar 58 Prozent. Nicht unbedingt ein Stärkesignal der örtlichen Sozialdemokratie, die aus ihrer Präferenz für Alexander Van der Bellen kein Hehl gemacht hatte. Praktisch alle alten Industriezentren des Landes – Knittelfeld, Fohnsdorf, Leoben, Bruck, Kapfenberg, Neunkirchen, Ternitz – wählten mehrheitlich den Blau-Mann. Für die SPÖ sind die von der Krise schwer verunsicherten Arbeiter schon lange nicht mehr zu begeistern.

Im Burgenland, wo der rote Landeshauptmann Hans Niessl überschlau die FPÖ imitierte, um dieser damit den Wind aus den Segeln zu nehmen, fuhr Kandidat Hofer mit 61 Prozent sein bestes Ergebnis ein. Krachender ist selten eine Strategie gescheitert.

Auf Christian Kern warten also auch in der SPÖ Aufgaben gröberer Natur. Dazu kommt die ideologische Kluft innerhalb der stärksten roten Landesorganisation, jener Wiens, wo sich die Außen- und Innenbezirke besonders in der Flüchtlingsfrage verständnislos gegenüberstehen. Dass die Vertreter der Innenbezirke beim Abservieren des Favoriten der Außenbezirke – Werner Faymanns nämlich – eine tragende Rolle spielten, hat die Stimmung auch nicht gehoben.

Quietschvergnügt saßen Faymann-Gegner wie die Stadträtinnen Renate Brauner und Sonja Wehsely sowie Klubobmann Andreas Schieder am Pfingstmontag beim Künstler-Happening für Alexander Van der Bellen im Wiener Konzerthaus. Aber am Wahlsonntag ergaben die Analysen, dass mindestens jeder vierte Hundstorfer-Wähler vom 24. April nun in der Stichwahl nicht für Van der Bellen, sondern für den freiheitlichen Kandidaten stimmte.

Es gibt in der SPÖ also noch Abwanderungspotenzial – und die FPÖ wird nach der verlorenen Präsidentenwahl den Druck gewiss weiter erhöhen.

Im November steht überdies der Programm-Parteitag der Sozialdemokraten an. Für den Entwurf des Grundsatzpapiers sind die beiden alten SPÖ-Recken Karl Blecha und Josef Cap verantwortlich. Die kritische Öffentlichkeit wird das Papier mit Sicherheit auf ideologische Wegmarken durchsuchen, die Christian Kern noch einbringen muss – von denen muss er seine Partei aber erst überzeugen.

Eine gewisse Atempause bekommt der neue Bundeskanzler durch den verständlichen Wunsch der Mehrheit in der ÖVP, jetzt einmal tiefen Frieden ausbrechen zu lassen: Würde gleich gewählt, wäre das ein Fiasko für die Volkspartei. Ihr drohte derzeit nicht nur eine erstarkte FPÖ, sondern auch die Kern-SPÖ, die mit einem Startbonus bei Wahlen rechnen könnte. Das Ergebnis der ÖVP läge dann mit einiger Sicherheit unter der 20-Prozent-Marke.