Drei Wochen vor dem Auftakt der Europameisterschaft ist Frankreich endgültig im Katastrophenmodus angekommen. Nun hat auch noch das Innenministerium vor dem Besuch von "symbolträchtigen Veranstaltungen mit großer medialer Aufmerksamkeit" gewarnt. Ein Mann jedoch scheint von alldem ungerührt. Als wäre er der Kontrapunkt zu allen Ängsten und Sorgen in seinem Land, sitzt Didier Deschamps im Bauch des Rugby-Stadions von Biarritz und lächelt tiefenentspannt. Im weiß-blauen Polohemd der Nationalmannschaft wirkt er sommerlich-sportiv, auch sein Gesicht ist frisch gebräunt. Durch die geöffneten Fenster dringt der Duft von Jasmin, Ferienstimmung liegt in der Luft. Der Terror scheint weit weg.

Vom "Klima der Angst", das allerorts beschworen wird, ist hier im äußersten Südwesten zwischen Atlantik und Pyrenäen nichts zu spüren. Selbst der Polizeihubschrauber über dem Stadiondach kann daran nichts ändern. Und so spricht Didier Deschamps mitten hinein in die allgemeine Verunsicherung und den Lärm der Rotoren laut und deutlich ein Wort, das zum Mantra dieses Trainingslagers werden wird, le plaisir, auf Deutsch: Vergnügen.

Er wird es noch oft benutzen in der Vorbereitung auf den EM-Titel, wohin – daran lässt der Sélectionneur der Équipe de France keinen Zweifel – der Weg seiner Mannschaft führen soll. "Ich betrachte es als großes Glück, hier sein und dieses Turnier bestreiten zu dürfen", sagt Deschamps ohne Koketterie. Es ist ihm tatsächlich anzusehen, das Glück. Was macht es schon, dass das Mannschaftshotel hoch oben an der Felsküste des Golfs von Biskaya einem Hochsicherheitsgefängnis gleicht, ganze Straßen gesperrt sind und das Gelände weiträumig abgeriegelt wurde? Dass die Mannschaft zur Tarnung einen violetten Bus benutzt, weil die Sicherheitsbehörden den offiziellen blau-weiß-roten für zu riskant erachteten?

Wie zum Trotz sind in Biarritz alle Trainingseinheiten öffentlich. "Gerade jetzt brauchen wir den Kontakt zu unseren Fans. Es ist wichtig, ihre Unterstützung zu spüren", erklärt Deschamps die bemerkenswerte Öffnung. Selten haben sich Trainer und Team so gelassen und nahbar gezeigt. Noch am Morgen hat Frankreichs Nationalmannschaft mit einer Gruppe Kinder aus den Fußballschulen der Region trainiert. Es war ein Bild reinster Sorglosigkeit. Und eine Reminiszenz an Deschamps’ Kindheit im nahen Anglet. Dort, wo sein Elternhaus steht und eines der wenigen Fußballstadien der Gegend seinen Namen trägt.

Der Südwesten des Landes ist Rugby-Territorium. Hier hat Deschamps, der am harten Auslaut noch immer den Basken erkennen lässt, 15 Jahre lang gelebt, bevor er zu einer Karriere aufbrach, deren Höhepunkt der Weltmeistertitel im eigenen Land war. Dass Frankreich 18 Jahre später wieder als ein Favorit in ein Heimturnier gehen kann, verdankt es dem Gespür dieses zähen kleinen Mannes für einen sauberen und effizienten Fußball, für Gruppendynamik und Mannschaftsgeist. Mit der ihm eigenen leisen, aber konsequenten Art hat Deschamps die Mannschaft erneuert und diszipliniert. Die Affäre um Stürmerstar Karim Benzema, der nach wie vor in die Erpressung eines ehemaligen Nationalmannschaftskollegen verstrickt ist, ist in Biarritz längst kein Thema mehr. Zu vielversprechend ist das Potenzial des jungen Kaders, der in den beheizten Meerwasserbecken des Hotels Le Regina die Strapazen einer langen Saison zurücklassen soll.

"Es geht um Entspannung, nicht um Intensität", formuliert Deschamps das vorläufige Etappenziel. Erst nach dem Umzug in ihr Hauptquartier, das elitäre Leistungszentrum Clairefontaine im Pariser Süden, wird die Mannschaft komplett beisammen sein. Während also in Biarritz vorläufig im Schongang gebadet und trainiert wird, suchen die Ausrichterstädte der EM weiterhin Antworten auf drängende Fragen. Wie schnell eine Fanzone mit mehreren Tausend Zuschauern evakuiert werden kann, wurde in Lille geprobt. Pariser Polizisten übten, wie man die Bevölkerung für versteckte Sprengsätze sensibilisiert. Und in Saint-Étienne wurde simuliert, eine mit chemischen Kampfmitteln bestückte Drohne sei in das Stade Geoffroy-Guichard gestürzt. Kann ein Turnier, vor dem solche Fragen stehen, ein plaisir sein?

In Biarritz fand, wer wollte, erste Anhaltspunkte dafür: Die Tickets für die Einheiten waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft, im Stadion johlte das Publikum, als handele es sich um das Eröffnungsspiel. Sollte diese erste Bewährungsprobe für das Sicherheitskonzept ohne Zwischenfälle verlaufen, wäre das wohl ein erstes kleines Zeichen auf dem Weg zum Sommer mit plaisir – eines mit großer Symbolkraft. An der Begeisterung der Zuschauer wird es nicht scheitern.