Unser Überfluss ist eure Armut! – Seite 1

"Generation Selbstmitleid" hat der Kollege und Babyboomer Stefan Willeke in der vorigen ZEIT mit Häme die vermeintlich wehleidigen Jüngeren getauft. Ich als viel Älterer kann mit meinen 71 Jahren nur konstatieren: Von Selbstmitleid kann keine Rede sein. Denn viele aus den Generationen nach uns klagen aus gutem Grund. Was wir beide, Stefan Willeke und ich, hatten – davon können sie nicht mal träumen. So falsch, wie Willeke behauptet, lag Alard von Kittlitz also nicht, als er den Babyboomern vorwarf, sie würden sich um die Belange ihrer Nachkommen nicht scheren.

Alltagsbeispiel aus meinem wohligen Pensionärsdasein: Wenn ich in meinem recht exklusiven Fitness- und Wellness-Club mit anderen gut situierten Rentnern plaudere, erzählen wir uns gerne, wie froh wir sind, dass unser Berufsleben zumindest weitestgehend hinter uns liegt. "In meinem Unternehmen", so der Tenor, "weht heute ein schärferer Wind. Da wird rationalisiert und ausgequetscht bis zum Gehtnichtmehr." Der Leiter einer großen Einzelhandels-Filiale berichtet, zu seinen Zeiten sei es noch regelrecht familiär zugegangen. Heute engagiere die Konzernleitung ominöse Berater, die die Angestellten mit immer neuen Anweisungen terrorisierten. Die Rendite müsse auf Teufel komm raus nach oben gepusht werden. Keine Schuldzuweisungen. Nur die Feststellung, dass es früher nicht so gnadenlos zuging.

Ich war viele Jahre Reporter beim NDR. Manchmal darf ich für den Sender noch Filme machen. Dabei habe ich das Glück, mit jungen und extrem begabten Menschen zusammenzuarbeiten. Wenn ich denen wie Opa aus meiner "guten alten Zeit" beim Rundfunk erzähle, kommen sie aus dem Staunen nicht heraus, und hinterher wundere ich mich immer wieder, dass sie weiter mit mir arbeiten wollen. Muss ich, der allein qua Gnade der früheren Geburt Privilegierte, ihnen nicht regelrecht unsympathisch sein?

Ich weiß, dass es problematisch ist, wenn ich von mir auf andere schließe. Ich weiß auch, dass eindeutige Verschlechterungen in meinem Beruf, dem Journalismus, nicht eins zu eins auf die gesamte Arbeitswelt übertragen werden können. Aber ein öffentlich-rechtlicher Sender mit über 3.500 Beschäftigten liegt gewiss nicht allzu weit neben der allgemeinen Entwicklung, er kann als Indikator gelten.

Ich bin dem NDR bis an mein Lebensende dankbar für das, was ich jahrzehntelang für das Fernsehen machen und erleben durfte. Allerdings hätte ich unter den Bedingungen, denen die Jungen heute ausgesetzt sind, eine solche Karriere nie geschafft, ja nicht einmal anfangen können.

Denn die Grundvoraussetzung für ein Volontariat heute scheint ein abgeschlossenes Studium zu sein, und dann gleich auch noch eine profunde Berufserfahrung, die man sich gefälligst irgendwie nebenher angeeignet hat. Als ich hingegen vor Jahrzehnten bei der seriösen Deutschen Presse-Agentur anfing, hatte ich lediglich eine unrühmliche "Karriere" als chronischer Studienabbrecher hinter mir – und besaß keinerlei Berufserfahrung. Trotzdem bekam ich eine Volontärsstelle, damals automatisch der Einstieg in eine lebenslange Festanstellung. Am Ende meiner Ausbildung durfte ich mir eine Redakteursstelle an einem von drei dpa-Standorten aussuchen. Natürlich unbefristet, aber über so eine Selbstverständlichkeit redete man gar nicht.

Mehr noch: Als meine Generation jung war, boten sich über die Jahre immer neue attraktive Chancen. Gefiel es mir im alten Job nicht mehr, konnte ich jederzeit gehen. Jedes Angebot war besser dotiert als der Vertrag, den man bis dahin hatte. "Aufstiegsperspektiven reichen Ihnen nicht? Bei uns kriegen Sie das Doppelte!" Für meine Generation hieß es: Was kostet die Welt? Und sie durfte was kosten. Natürlich flogen wir auf längeren Dienstreisen Business, wie auch der Ingenieur von Siemens neben oder der Monteur von Thyssen zwei Reihen vor mir. Natürlich war man bei den Spesenabrechnungen nicht so pingelig. Es floss Champagner, wo es heute nur noch Wasser gibt.

Inzwischen herrscht überall eiserner Sparzwang, Stellen werden abgebaut. Wer auf einer sitzt, krallt sich fest, solange er kann. Meine Generation war unabhängig und frei. Wir konnten uns bedenkenlos, kritisch und auch aggressiv mit unseren Vorgesetzten fetzen. Heute ist das, vorsichtig formuliert, nicht mehr so. Klar doch, wer sich von einer Vertragsverlängerung zur nächsten hangeln muss, ist auf Goodwill von oben angewiesen.

Unstreitig: Die Mittel sind heute knapper als früher. Aber musste der Wandel zu ungesicherten Arbeitsverhältnissen so radikal sein – ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen System mit seinen steuerähnlichen, unvergleichlich sicheren Einnahmen? Hätte man nicht manche Millionen woanders einsparen können, zum Beispiel beim Eurovision Song Contest, der alljährlich Unsummen verschlingt, bevor man hoffnungsvollen Nachwuchs so hoffnungslos stellt? Und dann reden Vorgesetzte, allesamt unbefristet fest angestellt, die Situation mitunter auch noch schön: Allzu große Sicherheit mache die jungen Untergebenen ja doch nur träge und faul. Da möchte man kontern: Dann macht doch schleunigst Platz, denn nach dieser Logik seid ihr die Faulsten!

Profis im bedenkenlosen Konsumieren

Manchmal wird das viele schöne Wetter auch lästig. © Michael Steele/​Getty Images

Noch so ein Scheinargument: Die jungen Leute seien heute gar nicht mehr so versessen auf Sicherheit. Sie seien halt flexibel, wollten es oft nicht anders. Ich, der spießige Alte, dächte viel zu stark in überkommenen Schemata. Ich unterhalte mich immer wieder mit jungen Kolleginnen und Kollegen. Viele haben Angst vor der Zukunft. Großartige journalistische Könner verlassen das anspruchsvolle NDR-Volontariat – eine verbindliche und dauerhafte Festanstellung aber liegt in unerreichbarer Ferne.

Stattdessen lediglich befristete Rahmenverträge, also die Genehmigung für ein- oder zweijährige freie Mitarbeit – ohne Garantie auf Verlängerung, ohne jene umfassende soziale Absicherung, wie sie für uns damals selbstverständlich war. Unsicherheit als Normalität.

Eine ausgewiesen fähige Kollegin brachte es in vier Jahren auf neun Verträge. Sie gab beim NDR auf. Wie auch ein anderer brillanter Kollege, Autor eines Filmes, der auf Festivals Furore machte. Er war es leid, dass ihm nach vier Verträgen in vier Jahren immer noch keine langfristige Perspektive geboten wurde. Beide Vollakademiker, beide besser qualifiziert, als ich es je war.

Wäre es mir damals so gegangen wie vielen Jungen heute, ich hätte wahrscheinlich nicht den Mut zu Kindern gehabt, zu einer auf Jahrzehnte angelegten Hausfinanzierung. Manchmal frage ich mich, wie Gesellschaft auf Dauer funktionieren und sich reproduzieren soll, wenn nachfolgenden Generationen jene Planungssicherheit verweigert wird, die für uns so selbstverständlich war. Ich kenne genügend junge Menschen, die gerne Kinder hätten, sich aber nicht trauen. Ich fände es unverschämt, lieber Kollege Willeke, würde ich aus meiner sicheren Warte denen vorhalten: "Eure Bilanz beim Kinderkriegen ist trostlos."

In meiner Generation können sich viele an ihren großzügigen Renten und Pensionen erfreuen. Diejenigen aber, die 30 oder 40 Jahre jünger sind, wissen genau, dass Altersarmut immer wahrscheinlicher wird, weil die Renten keinesfalls mehr sicher sind. Konzepte der privaten Vorsorge haben sich allzu oft als Rohrkrepierer erwiesen. Mit welcher Berechtigung wollen wir den Jungen Spießertum oder gar "chronische Hypochondrie" vorhalten? Wie könnten wir es ihnen verübeln, wenn sie sich darüber ärgern, dass wir Alten auf unsere satten Renten jetzt noch mal einen Aufschlag bekommen, während sie später leer ausgehen?

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich bereits vor Jahrzehnten einen Film für das Magazin Panorama drehte, der die schon damals üppigen Renten zum Thema hatte. Diejenigen, die wir in einem teuren Senioren-Luxusresort kritisch angingen, konnten für sich immerhin ins Feld führen, sie hätten Deutschland nach dem Krieg aufgebaut. Deshalb stehe ihnen ihr Wohlstand zu. Geschenkt! Doch weder ich noch der Kollege Willeke können das für uns in Anspruch nehmen. Wir sind auf vielfältige Weise bloße Nutznießer dessen, was unsere Vorfahren geleistet haben.

Wir sind Schmarotzer oder, so hat es der Fernsehjournalist Sven Kuntze in seinem lesenswerten Buch formuliert: Wir sind "die schamlose Generation". Wir haben nicht gesät, aber wir fahren für uns eine satte Ernte ein. Unseren Nachfahren hinterlassen wir globale und nationale Trümmerlandschaften: einen weitgehend ökologisch zerstörten und von Kriegen überzogenen Planeten, ein Sozialsystem, das aus der Balance geraten ist. Wir pumpen Blasen auf, bis sie platzen und nichts mehr übrig bleibt. Wer hat den Ausbau der Atomenergie forciert, deren Müll die nachfolgenden Generationen auf Jahrhunderte bedrohen wird? Welche Altersgruppe fährt bevorzugt jene Dickschiffe der automobilen Oberklasse, die verboten werden müssten, wenn wir die Klimaerwärmung stoppen wollen?

Aufgewachsen im legendären Wirtschaftswunder, als es immer nur aufwärtsging, wurden wir Profis im bedenkenlosen Konsumieren: Autos, Reisen, Häuser. Wir haben mit unserer Nachfrage Haus- und Grundstückspreise und damit auch die Mieten so exorbitant in die Höhe getrieben, dass die Jüngeren heute oft nicht mehr mithalten können. Denen redet Stefan Willeke die Wohnungsnot mit dem Hinweis aus, sie könnten doch – bitte schön – ein billiges "Quartier in der grauen Vorstadt akzeptieren". Wer als Jüngerer so unverschämt ist und auch für sich die Teilhabe am urbanen Leben in angesagten Vierteln reklamiert, ist eben selber schuld.

Natürlich wurde uns Älteren nicht alles in den Schoß gelegt. Gewiss mussten auch wir uns durchsetzen, durchschlagen, durchbeißen. Da will ich dem Kollegen Willeke nicht widersprechen. Nur hatten wir im Westen Deutschlands eben auch allerbeste Chancen, zu gewinnen.

Wie selbstverständlich genossen wir die von Ludwig Erhard postulierte soziale Marktwirtschaft, die das Soziale tatsächlich ernst nahm. Wir lebten in der überschaubaren Bipolarität des Kalten Krieges und hatten Politiker, bei denen wir – zu Recht oder zu Unrecht – das Gefühl hatten, sie hätten die Lage weitgehend im Griff. Heute bestimmt Unübersichtlichkeit das Lebensgefühl, Hilflosigkeit. Wer glaubt denn noch daran, dass all unseren Krisen mit den Mitteln von Demokratie und Parteipolitik beizukommen wäre? Das rücksichtslose Renditedenken in einer globalisierten Wirtschaft lässt unsere Gesellschaft auseinanderbrechen. Nie schien ein Kampf dagegen aussichtsloser.

Wir Alten können uns auf das zurückziehen, was wir uns gesichert haben. Wenn die Jungen resignieren, dürfen wir sie nicht tadeln. Wir haben sie entmutigt.

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