Eine Reise in den Iran führt mitten hinein in die kaputteste Beziehung der Weltpolitik. Und doch bewegt sich da etwas. Erstmals nach dem Atomdeal wurden ausländische Journalisten zum Gespräch eingeladen. Visa wurden nicht verschleppt, sondern erteilt, Termine eingehalten, Anrufe und E-Mails beantwortet. Mit einem Mal öffnen sich in Teheran die Türen der Mächtigen. Und sie haben Lust zu streiten.

Wo man sich bisher auf den Austausch wohlbekannter Vorwürfe beschränkte, scheint endlich eine echte Debatte möglich. In beinahe vierzig Jahren Sprachlosigkeit hat sich einiges aufgestaut. Wer den Mittleren Osten ruiniert hat, wer am Terrorismus und am Staatszerfall schuld ist, wer die schlimmeren Alliierten hat und wie es nun weitergehen soll nach dem Ende der Sanktionen – darüber kann man dieser Tage in den Räumlichkeiten der iranischen Elite erstaunlich offen streiten.

Zum Beispiel mit Keiwan Chosrawi. Er empfängt im fensterlosen Konferenzraum eines weiträumig abgesperrten Blocks mitten in Teheran. Wären da nicht die vielen Soldaten an den Schranken, käme man nicht darauf, dass dieser schmucklose Komplex das Zentrum der iranischen Macht beherbergt. Keine Handys, keine Computer, keine Fotos von den Gebäuden! Nebenan residiert der allmächtige Revolutionsführer Ajatollah Chamenei. Hier tagt der Oberste Nationale Sicherheitsrat (SNSC) der Islamischen Republik.

Chosrawi, ein Mittvierziger mit dem obligatorischen Dreitagebart der Regimetreuen, hat eine paradoxe Aufgabe: Als Sprecher des SNSC ist er das öffentliche Gesicht eines Zirkels, dessen Wesen die Geheimniskrämerei ist. Im Sicherheitsrat beraten die Spitzen der mächtigsten Institutionen im Land, Geheimdienste, Militär, Revolutionsgarden, Innen- und Außenministerium. Ihre Themen: Atomverhandlungen, Syrienkrieg, Sanktionen, Israel, Hisbollah, Stress mit den Saudis – in diesem Gebäude wird die Richtung festgelegt, auch wenn im Iran das letzte Wort der Geistliche Führer hat.

Der Sprecher sitzt angespannt und wie eingekeilt in seinem Sessel. In dem netten Herrn Chosrawi brodelt es, wie sich bald zeigt.

Höflich beantwortet er die erwartbaren kritischen Fragen über die Meinungsfreiheit im Land (7.000 Zeitungen!), über die eingeschränkte iranische Demokratie (Bei uns haben Wahlen Konsequenzen, anders als bei den Nachbarn!), über die Lage der Frauen (Unsere Frauen fahren Auto!). Dann platzt es aus ihm heraus. Wo euch doch so viel an den Frauenrechten liegt: Ein gewisses Königreich in unserer Region, wo Frauen nicht Auto fahren dürfen, ist euer Verbündeter. Dieses Regime unterstützt seit Jahren den Terrorismus hier in der Region und weltweit. Aber erst seitdem der Terror euch in Paris und Brüssel trifft, beginnt ihr zu kapieren.

Die neue Offenheit kommt nicht aus lauter gutem Willen. Die Regierung des moderaten Präsidenten Ruhani braucht vor den Wahlen im kommenden Jahr dringend wirtschaftliche Erfolge (und darum westliche Investitionen). Sie hat dem Volk einen Deal angeboten, der quer zu den alten Kampflinien zwischen Reformern und Konservativen liegt: Ihr verzichtet auf Grundsatzkritik am System, vergesst die Hoffnung auf Demokratisierung – wir bringen euch dafür den Wiederanschluss an die Welt und Wohlstand (und im Zuge dessen vielleicht auch ein bisschen weniger Gesinnungs- und Moraldiktatur). Damit dieser Deal aufgeht, öffnet sich der Iran jetzt. Es geht nicht um einen "Dialog der Zivilisationen", sondern um Interessen. Ebendarum könnte daraus etwas werden.

Mit keinem Land hatte der Westen länger Streit, und doch ist keines heute in der Region entscheidender als die Islamische Republik. Der einstige Paria-Staat ist die (wieder) kommende Regionalmacht, ohne die weder Syrien noch der Irak stabilisiert werden können. An die Stelle einer gut eingespielten Feindschaft tritt darum eine zaghafte Kooperation.

Sie ist beiden Seiten aus guten Gründen höchst suspekt. Eben noch war der Iran Teil der "Achse des Bösen"; der vorherige Präsident galt als "Irrer mit der Bombe"; seine Drohungen gegen Israel führten zur völligen Isolation; und wegen des Atomprogramms wäre beinahe ein weiterer Krieg im Mittleren Osten ausgebrochen. Westliche Sanktionen haben das Land an den Rand des Ruins gebracht. Kaum sind sie aufgehoben, jagen sich die Europäer bereits gegenseitig die lukrativen Verträge ab.