An diesem Tag zeigt Dirk Polchow seinen Schatz. Polchow steht in seinem Konferenzsaal in einem Reinbeker Gewerbegebiet, vor ihm liegt ein alter Aktenordner, darin vergilbte Durchschläge, handschriftliche Notizen, Kaufverträge, Zahlen und Kürzel. Dokumente aus einer Zeit, als Informationen nur in Köpfen und Ordnern waren, nicht im Internet.

Entsprechend wertvoll sind sie. Tausende Kilometer entfernt, in Karadsch im Iran, wartet man gerade darauf, was Polchow in seinem Ordner nachlesen kann: wie man eine jahrzehntealte Maschine repariert, die dort dringend gebraucht wird. Und sie warten dort umso dringlicher, seit die EU und die USA im Januar nach fast zehn Jahren die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran ausgesetzt haben.

Polchow, hellblaues Hemd, ruhige Stimme, ist Gründer und Geschäftsführer von Interspare. Sein Geschäftsmodell nutzt einen tragischen Aspekt des "Made in Germany": Deutsche Maschinen sind für die Ewigkeit gebaut. So robust, dass Kunden nie wieder neue kaufen müssen. Viele große Hersteller gingen vor Jahren pleite. Doch ihre Maschinen arbeiten weiter. Überall auf der Welt stehen heute noch die sogenannten Spannrahmen, meterlange Anlagen, Kästen aus grünem oder blauem Blech, die die Stoffe nach dem Färben veredeln, damit sie zu Kleidern, Bettwäsche, Teppichen oder Vorhängen werden können.

Ab und zu gehen die Maschinen aber doch kaputt – dann brauchen sie Ersatzteile. Das ist Polchows Geschäft. Er handelt nicht nur mit Ersatzteilen, sondern kann auch die technischen Informationen, alten Kundendateien oder Lochkartensätze dazu liefern. All das ist heute nirgends mehr zu bekommen.

Die deutschen Textilmaschinen sind Nomaden der Globalisierung. Sie ziehen durch die Welt, den geringsten Lohnkosten hinterher. Ein Spannrahmen, der einst in Deutschland produzierte, wandert weiter in die Türkei, nach Indonesien, steht schließlich in Vietnam, Bangladesch.

Oder im Iran.

Interspare ist eine von unzähligen Firmen in und um Hamburg, die nach dem Ende der Sanktionen gegen den Iran auf einen großen Boom hoffen. Deutschland ist traditionell der größte westliche Handelspartner des Irans. Besonders Hamburg hat seit Generationen enge Beziehungen zu dem Land. Einst importierte der Iran über Hamburg Gerste, Dünge- und Futtermittel und Maschinen. Aus dem Iran kamen vor allem Obst, Gemüse, Garne und verschiedenste Gewebe in den Hamburger Hafen.

2014 verkauften deutsche Firmen Waren für 2,38 Milliarden Euro in den Iran. Im Vergleich zu den Jahren vor den Sanktionen ist das wenig. Aber nicht mehr lange: Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag zufolge könnte Deutschland seine Ausfuhren innerhalb von vier Jahren auf zehn Milliarden Euro vervierfachen.

Auch der Hamburger Außenhandel mit dem Iran hatte viele Jahre gelitten, betrug zuletzt nur rund 214 Millionen Euro. Jetzt läuft das Geschäft an. Das sieht man auch im Hafen. Seit einigen Wochen fährt die Staatsreederei des Irans wieder regelmäßig Hamburg an. Alle vierzehn Tage sollen künftig Schiffe in Hamburg Ladung löschen und laden. Nach einem Jahrzehnt westlichen Boykotts ist der Iran ausgehungert, braucht neue Maschinen und Know-how.

Wie das der Firma Interspare. In Karadsch sind die Informationen aus Polchows altem Ordner gerade Gold wert. Die iranische Firma Payabaf stellt dort Vorhänge her. Torben Bräuner, einer von Polchows 56 Mitarbeitern, steht nun vor eine dieser alten deutschen Maschinen. Bräuner stammt aus Hamburg und hat gerade seine Lehre als Außenhandelskaufmann bei Interspare beendet. Nun betreut er die Geschäfte im Iran.

Er beugt sich unter das Gerät, sucht die Kennplakette mit der entscheidenden Nummer. Mit ihr kann Polchow in Reinbek nachschauen, welche Ersatzteile passen. Ob sie vorrätig sind. Ob sie nachgebaut werden müssen. Bräuner fotografiert die Plakette mit dem Smartphone, schickt die Bilder direkt zu Interspare.

Bislang betreut die Firma 268 Firmen und rund 1000 Textilmaschinen im Iran. Bald sollen es mehr sein. Viel mehr.

Die Besitzer der Textilfirmen haben während des Embargos nichts investiert, jetzt stehen ihnen die großen Märkte in den Nachbarländern offen. Die iranische Regierung hat allein der Textilindustrie 450 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt, um Jobs im Land zu schaffen. Die Firmen müssen also neue Maschinen kaufen und die alten länger laufen lassen. Für Interspare heißt das: Aufträge.