Der Katholizismus ist wieder sichtbar, wo er lange unsichtbar war: In Leipzig hat er sich eine Kirche gebaut. Dort, wo die alten gottlosen Verhältnisse bezwungen wurden, mitten im Zentrum am Ring.

Die neue Propsteikirche ist unsere Zentralkirche geworden, unser Dom, sagt ihr Probst Gregor Giele, der an der Spitze einer fast täglich wachsenden Gemeinde steht: Wir sind zurückgekehrt an unseren angestammten Platz. St. Trinitatis ist ungefähr dort wieder entstanden, wo die erste Propsteikirche stand, die im Krieg zerstört und deren Ruine von den Kommunisten abgeräumt wurde. Danach betete man lange im Abseits der Stadt. Die neue Kirche ist die Rückkehr des Glaubens ins Leben, hat der Papst zu ihrer Weihe verkünden lassen.

Lange war der Katholizismus im Osten nicht mitten im Leben. Wir Katholiken in der DDR leben in einem "fremden Haus", rief der Meißener Bischof Otto Spülbeck dem Kölner Katholikentag 1956 zu. Dass sich dieser Katholizismus im dritten Jahrzehnt nach dem Mauerfall sein eigenes Haus baute, bedeutet mehr als das Ende der alten Diaspora. Es demonstriert ein neues Verständnis von Kirche und ihrer, seit 1990, zentralen Rolle im Osten.

In der DDR blieb die katholische Kirche auf Distanz. Überließ die Revolution großteils den Protestanten. Kurz vor Ende der DDR entschloss sich die Kirchenleitung zwar, sich an der "Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" zu beteiligen. Vor allem aber war die Friedliche Revolution die Geburtsstunde eines katholischen Laienbewusstseins. Viele katholische Laien schlossen sich der Bürgerbewegung an, nahmen an den Friedensgebeten teil – nicht ihre Priester. Im Unterschied zur evangelischen Seite.

Gerade deshalb waren es katholische Laien, die nach 1990 Macht bekamen: Die ersten Regierungschefs in den protestantischen Kernländern Thüringen und Sachsen waren katholisch; auch die Oberbürgermeister großer Städte wie Dresden, Chemnitz, Erfurt und Jena. Und viele Minister und Spitzenbeamte; nicht nur jene, die aus dem Westen kamen. Das katholische Übergewicht in der ersten Regierung Sachsens war so hoch, dass sich Kurt Biedenkopf eilends nach geeigneten Protestanten umsah. Als der Eichsfelder Katholik Dieter Althaus in Thüringen Kultusminister unter einem katholischen Premier werden sollte, hieß es: katholische Kaderpolitik. Die Vorstellung, das politische Engagement katholischer Laien in der Wendezeit sei "zentral und flächendeckend vom kirchlichen Amt organisiert" worden, löst bei Kennern, wie dem ersten sächsischen Wissenschaftsminister und späteren ZdK-Präsidenten Hans Joachim Meyer, aber nur Heiterkeit aus. Dafür waren die Kirchen am Ende der DDR viel zu schwach.

Wie man im tiefsten katholischen Eichsfeld über Nacht vom Lehrer zum Politiker wurde, hat der Heiligenstädter Schulrat und spätere Ministerpräsident Dieter Althaus in seinen Erinnerungen beschrieben. Viele solcher Quereinsteiger waren von katholischen Studentengemeinden geprägt. Dort, sagt der Ilmenauer Studentenpfarrer Gerhard Sammet, haben wir mit Studierenden Demokratie geübt. Dort haben wir sie vorbereitet, eines Tages Verantwortung zu übernehmen. Wie der einstige Erfurter Staatskanzleichef Klaus Zeh: In Dresden war er einst Sprecher der Studentengemeinde gewesen, 1990 wollte er für ein Jahr in die Politik gehen und blieb ein ganzes Berufsleben. Wir waren besser auf die Demokratie vorbereitet, als man es uns vielleicht zugetraut hat, sagt er, und sind pragmatischer gewesen.

Auch die Neue Propsteikirche ist aus einer Laienbewegung entstanden. Das neue Bürgertum, das sie trägt, hat sich am Tag ihrer Weihe versammelt. Hier ist es selbstverständlich geworden, seinen katholischen Glauben zu zeigen. Bisweilen ist es auch schick. Kirche ist kein Museum, sagt Probst Giele, der sich an manchen Wochenenden die Finger wund tauft: Wir sind ein Lebensentwurf. Die Probsteikirche ist sein Medium. Der Erfolg gibt ihm recht.