Oktober 2015. Eine Frau packt ein Kind, schüttelt es, drückt es zu Boden, schlägt ihm mit der Faust auf den Kopf. Sie tut das öffentlich, in einer videoüberwachten S-Bahn, vor den Augen ihres männlichen Begleiters und mindestens einer Zeugin, die ein Handyvideo von der Frau macht. Doch erst vergangene Woche, fast sieben Monate nach der Tat, veröffentlicht die Bundespolizei ein Fahndungsfoto der Frau im S-Bahn-Waggon, einen Tag später stellt sich diese der Polizei.

Es kommt heraus: Die Frau ist die Großmutter des Mädchens. Sie war vom Jugendamt als Pflegemutter eingesetzt, weil die Mutter sich offenbar nicht um die Sechsjährige kümmern konnte. Inzwischen hat das Jugendamt das Mädchen aus der Familie geholt. Es drängen sich Fragen auf: Wenn die Frau ihr Enkelkind in der Öffentlichkeit so behandelt hat, was musste das Mädchen zu Hause erleiden? Und hat das Amt sorgfältig genug geprüft, zu wem es das kleine Mädchen in Pflege gibt?

Das Bezirksamt Eimsbüttel verweist auf den Datenschutz. Man prüfe noch, sagt Holger Requardt, Leiter des Fachamts Jugend- und Familienhilfe, nach bisherigem Kenntnisstand ergebe sich aber ein anderes Bild als bisher in der Öffentlichkeit bekannt. Details nennt das Amt bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht.

Eindeutige Antworten gibt es dagegen auf die Frage, warum es mehr als ein halbes Jahr gedauert hat, bis das Bild aus der S-Bahn an die Öffentlichkeit kam. Laut Staatsanwaltschaft hat eine Zeugin am 25. Oktober vergangenen Jahres bei der Polizei Strafanzeige gegen eine Frau gestellt, die ein Kind in der S3 Richtung Pinneberg "gepackt", "geschüttelt" und "zu Boden gedrückt" habe. Der Anzeigentext sei "zu vage" gewesen, er habe keine Basis für die Annahme einer erheblichen Körperverletzung geliefert, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach. "Es ist nicht mal die Rede von Verletzungshandlungen gewesen", so Frombach, "die Misshandlung Schutzbefohlener stand nicht im Raum."

Es folgten unglückliche Zufälle: Die Bundespolizei forderte bei der Bundesbahn das Video der Überwachungskamera aus der S-Bahn an und bekam es auch übermittelt – allerdings aus dem falschen Waggon. Als der Irrtum auffiel, war das Beweismaterial aus dem richtigen Waggon bereits gelöscht. Die Aufnahmen werden nur drei Tage gespeichert.

Die Ermittlungen stockten. Die Zeugin, die Anzeige erstattet hatte, sagte ihren Vernehmungstermin zweimal wegen Krankheit ab. Erst Mitte März 2016, fünf Monate nach der Tat, schlossen die Beamten schließlich die Vernehmung der Zeugin ab. Sie wiederholte die belastende Aussage, schilderte die Tat nun aber brisanter: Die Frau habe das Kind nicht nur gepackt, geschüttelt und zu Boden gedrückt, erzählt sie nun, sondern mehrmals mit der Faust den Kopf des Mädchens geschlagen.

"Die Schläge waren uns vorher nicht bekannt", sagt Frombach. Die neuen Erkenntnisse führten dazu, dass die Staatsanwaltschaft die Zeugin Ende März noch einmal befragen ließ. In dieser Vernehmung lieferte die Zeugin den Ermittlern ein Handyvideo. Es zeige nicht die Tat, betont die Staatsanwaltschaft, aber die Frau ist darin zu sehen. Mit dem Bild aus dem Video regte die Staatsanwaltschaft eine Öffentlichkeitsfahndung an. Die muss vom Amtsgericht genehmigt werden, weil sie nur genutzt werden darf, wenn andere Fahndungsmaßnahmen aussichtslos sind. Die Genehmigung erteilte das Gericht Ende April.

Am 17. Mai veröffentlichte die Polizei schließlich das Bild aus dem Handyvideo. Dann ging alles ganz schnell. Einen Tag später stellte sich die gesuchte Frau bei der Polizei in Stellingen. Einen weiteren Tag später, am 19. Mai, lag die vollständige Akte bei der Staatsanwaltschaft. Die ermittelt nun wegen Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Geprüft wird auch, ob es seit der Tat im Oktober 2015 weitere Misshandlungen gegeben hat.