Der Tag, an dem das Leben von Christoph Klein kollabiert, ist ein Freitag. Am 22. April 2016 springt ihm von Plakaten an Kiosken und Zeitungsständern eine Zeile entgegen, an die er sich mit Grausen erinnert: "Schlimmer Verdacht, Direktor Haunersches Kinderspital, Arzt ohne Grenzen".

"Das war in ganz München plakatiert", sagt Klein und knetet seine Hände, als könne er es noch immer nicht fassen. Eine solche "Form der Niedertracht", sagt er mit mühsam kontrollierter Stimme, sei in seinem Leben "bislang so nicht aufgetaucht". An jenem Tag erscheint im Magazin der Süddeutschen Zeitung ein langer Artikel, in dem der Autor schwere Vorwürfe gegen Christoph Klein erhebt: Aus übersteigertem Ehrgeiz habe er neun Kinder einer experimentellen Gentherapie unterzogen, die bei acht von ihnen zu einer Leukämie und bei dreien zum Tod geführt habe. Im "Grenzbereich medizinischer Ethik" habe er gehandelt, Experten und Fachkollegen seien über den Vorgang entsetzt.

"Wir waren uns immer der Risiken bewusst. Und trotzdem muss man als Arzt manchmal auch in Kenntnis von Risiken Entscheidungen treffen. Wir hatten damals, 2007, 2008, aber auch schon die Erfahrung mit den beiden ersten Kindern gemacht – zwei Jungs, denen es viel besser ging, deren Krankheit mit einem sehr schonenden Verfahren quasi verschwunden war. Das war sehr schön und auch sehr überraschend für alle Beteiligten, und zu der Zeit sah noch alles nach einer Erfolgsgeschichte aus."

Zuvor war der Alltag seiner kleinen Patienten noch von einer Krankheit bestimmt gewesen, die so selten ist, dass die meisten Ärzte Schwierigkeiten haben, sie überhaupt zu erkennen. Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) heißt das Leiden, das die Kinder mit inneren Blutungen und wiederkehrenden, schweren Infektionen quält. Es bringt ihr Immunsystem so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sich Leukämien und Lymphomerkrankungen entwickeln.

Früher starben WAS-Patienten in ihren ersten Jahren. Heute lässt sich ihre Lebenserwartung mit Medikamenten verlängern. Eine Heilung ist aber nur durch Stammzelltransplantation möglich: Dabei eliminieren Ärzte durch eine hoch dosierte Chemotherapie die defekten Blutstammzellen und ersetzen diese durch gesunde Stammzellen eines Spenders – in der Hoffnung, das Immunsystem neu zu starten. Aber könnte man das Übel nicht direkt an der Wurzel bekämpfen? Das defekte WAS-Gen reparieren und den Körper so von sich aus zur Bildung gesunder Blutstammzellen bringen? Es brauchte weder Chemotherapie noch Stammzelltransplantation, auch die Gefahr einer Abstoßung fremder Spenderzellen wäre gebannt. Ein Segen für die Patienten – wenn es denn klappt.

Christoph Klein wagte das Experiment. Schließlich verzeichneten um die Jahrtausendwende Forscher in Paris, London und Mailand erste Erfolge mit Gentherapien. Es war eine aufregende Pionierzeit, und Klein war ganz vorn mit dabei.

Im Oktober 2006 behandelt er, damals noch Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover, erstmals einen an WAS erkrankten Jungen gentherapeutisch. Bald folgt der zweite Patient. Im Oktober 2008 – eineinhalb Jahre lang hat Klein den Ausgang beobachtet – meldet er erste Erfolge. Erst dann behandelt er insgesamt noch acht weitere WAS-Patienten. Bei einem Jungen schlägt die Gentherapie nicht an, letztendlich geht es also um neun Patienten.

Erst nach mehr als zwei Jahren zeigen sich fatale Nebenwirkungen der Therapie. Ein Kind nach dem anderen entwickelt eine Leukämie. Die Ärzte kämpfen mit Chemotherapien und Stammzelltransplantationen um das Leben ihrer Patienten.

"Als die ersten Leukämiefälle auftraten, haben wir sofort Maßnahmen ergriffen: Wir haben mit der ersten Leukämiediagnose keine weiteren Kinder mehr gentherapeutisch behandelt, außerdem haben wir engmaschigere Kontrolluntersuchungen durchgeführt."