Wer das Parlament von Venezuela betritt, stößt gleich am Eingang auf die Provokation. Das Militär unterhält hier einen Wachposten, und hinter den Soldaten prangt ein Konterfei von Hugo Chávez. Der sozialistische comandante regierte das Land von 1999 bis zu seinem Tod im Jahr 2013, doch heute sind Chávez-Bilder hier im Parlamentsgebäude eigentlich verboten. Eine Gruppierung aus überwiegend bürgerlichen Parteien hatte zum Jahreswechsel die Wahlen gewonnen und eine Parlamentsmehrheit erlangt – sogleich verbannte sie die Bilder des linken Helden aus dem Hohen Haus. Aber niemand traut sich, das Verdikt gegen die Soldaten durchzusetzen. Auf Chávez lassen die Militärs nichts kommen. Er war einmal einer der Ihren.

Inzwischen geht die Furcht um, dass sich die Chávez-Treue der Armee nicht bloß auf Symbole beschränken könnte. "Ein Militärputsch liegt in der Luft", sagte der Oppositionsführer Henrique Capriles in der vergangenen Woche.

Der amtierende Staatschef Nicolás Maduro, von Chávez persönlich zum Nachfolger erkoren, ignoriert den Wahlsieg seiner Gegner weitgehend. Von Gesetz wegen darf er noch bis 2019 im Amt bleiben, und er regiert weiter wie bisher. Dazu bedient er sich chavistischer Richter und "Bürgerräte" sowie einer Serie von Ausnahmezuständen und Notstandsgesetzen, er droht außerdem mit Polizei und Militär. "Illegitim" hat er das gewählte Parlament schon genannt und "voller Faschisten". Es sei "nur noch eine Frage der Zeit, bis es verschwindet".

Unterdessen kollabiert die öffentliche Ordnung. Mehrmals am Tag fällt der Strom aus, Schmutzwasser fließt aus den Leitungen. Butter, Aspirin oder Toilettenpapier sind rar. Plünderer und Räuberbanden machen die Straßen unsicher. Für Maduro, in dessen Amtsperiode es zu alledem kommt, sind dies nur weitere Gründe, den Ausnahmezustand zu verlängern.

Chávez und sein Nachfolger Maduro hatten die einst sprudelnden Gewinne aus dem Ölexport großzügig verteilt, an die Armen sowie an die eigenen Leute; den wenigen Produktions- und Dienstleistungsbetrieben des Landes hatten sie indes mit überzogenen Aufsichtregimes und staatlich festgesetzten Preisen die Luft abgeschnürt. Viele Unternehmen machten daraufhin dicht, ihre Besitzer leben heute als Rentiers von Kapitalanlagen im Ausland. Nun besetzen Maduros Militärs und Bürgerwehren stillstehende Fabriken, räumen Lager mit Lebensmitteln leer und verteilen diese ans Volk. Was freilich die Engpässe auf Dauer nicht beheben kann.

Zur Ablenkung von der Lage im Inneren fantasiert Maduro im Fernsehen von angeblichen Invasionsplänen der USA und des Nachbarlands Kolumbien. Venezuelas Militär veranstaltet seit dem vergangenen Wochenende Manöver und besetzt strategische Punkte in Caracas.

Venezuela steht mit dieser bedrohlichen Entwicklung nicht allein. Nach Jahrzehnten der friedlichen, demokratischen Entwicklung ist zur Jahresmitte 2016 von Staatsstreichen in gleich zwei Schlüsselländern Lateinamerikas die Rede. Brasilien erlebt gerade eine weitere Woche mit Massendemonstrationen. Rechtsgerichtete Parteien mit wenig Respekt für die Verfassung hatten dort die Regierung gestürzt; am Montag geriet der Inhalt von Gesprächen zwischen einigen der Drahtzieher der Aktion in die Presse: Demzufolge sollte mit dem Sturz die Strafverfolgung korrupter Politiker in Brasília unterbunden werden, und "die Generäle" seien mit allem einverstanden. Ohne Wählermandat baut die neue Regierung bereits rabiat die Sozialsysteme, den Schutz von Minderheiten, die Kulturförderung und den Umweltschutz ab. Dieser "Staatsstreich", so nennt es die geschasste Präsidentin Dilma Rousseff, kommt von rechts. In Venezuela hingegen droht Putschgefahr von links. Ein doppelter Rückfall in dunkle Zeiten lateinamerikanischer Politik. Was sind die Ursachen?

In Brasilien wie in Venezuela ist ein Projekt an seine Grenzen gestoßen. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hatte erstklassige Bedingungen für eine Politik des sozialen Ausgleichs geboten, die in Lateinamerika mit seinen krassen Gräben zwischen Reich und Arm längst überfällig war. In Venezuela wurde diese Politik radikal und in Brasilien gemäßigt ausgeführt. Die Weltwirtschaft lief damals rund, die Rohstoffexporteure Venezuela (Öl) und Brasilien (Erze, Soja) erlebten einen Boom. Man konnte umverteilen, ohne die angestammten Eliten zu verschrecken. Heute hingegen müssen wegen der Wirtschaftskrise harte Entscheidungen getroffen werden, und die Mitglieder der Eliten – Landbesitzer, Kapitaleigner, gut verdienende Freiberufler in den Städten – finden: Sie sind auch mal wieder dran.

Zugleich schließen sich Ärmere den Bürgerlichen an. Manche sind enttäuscht davon, dass das linke Projekt wegen der Wirtschaftskrise nicht mehr recht vorankommt. Andere haben bescheidenen Wohlstand erlangt und wollen nicht, dass Neue von unten nachrücken. Wieder andere blicken kopfschüttelnd auf das ökonomische Durcheinander, das die Linken angerichtet haben: Kompetente Wirtschaftspolitiker waren sie weder in Venezuela noch in Brasilien. Da entstanden aufgeblähte, ineffiziente Staatsapparate. Es blühen Pöstchenwirtschaft, Überregulierung und Korruption. In Brasilien verkamen Staatskonzerne zu Selbstbedienungsläden von Politikern aller Parteien. Für Venezuela kursieren Schätzungen, nach denen Politiker, Militärs und Beamte über ein Jahrzehnt stolze 350 Milliarden Dollar entwendet haben sollen.

Jetzt aber steht Nicolás Maduro mit dem Rücken zur Wand. Ölverkäufe bringen seiner Regierung wegen der niedrigen Weltmarktpreise nichts mehr ein. Die Staatspleite droht. Die Oppositionsmehrheit im Abgeordnetenhaus betreibt ein Misstrauensvotum gegen den Präsidenten, und auch international ist Maduro zunehmend isoliert. Politiker der Nachbarländer gehen demonstrativ auf Abstand.

Fragt sich nur, ob Maduro das Risiko einer Flucht nach vorn eingehen will. Würden die Militärs ihm wirklich folgen? Kurz vor seiner Niederlage bei den Parlamentswahlen im Dezember hatte der Staatschef offen mit einer Militärdiktatur gedroht. Dann trat am Wahlabend überraschend der Chef der Streitkräfte im Fernsehen auf und erklärte, bevor Maduro etwas anderes sagen konnte: Man werde die Wahlen akzeptieren. Das wurde als Zeichen dafür gewertet, dass die Militärs dem Chávez-Nachfolger nicht blind gehorchen würden. Anders als Chávez war Maduro selbst kein Soldat. Venezuelas Militär hat auch keine Geschichte als Unterdrücker des eigenen Volkes. Allerdings haben Chávez und Maduro konsequent alle Spitzenposten im Militär mit fanatischen Parteigängern besetzt. Zur ideologischen Unterstützung holten sie sogar Kader aus Russland in die Armee. Linientreue Offiziere erhielten Regierungspöstchen und materielle Vorteile. Und die Rekruten leisten heute keinen Eid auf die Verfassung mehr, sondern auf die Revolution, den Chavismo.

Henrique Capriles, der Oppositionsführer, will es in diesen Tagen offenbar wissen. Er will Maduros Drohungen als Bluff entlarven und forderte seine Landsleute dazu auf, die Regeln des Ausnahmezustands zu ignorieren. Zugleich schickte er eine Botschaft an das Militär: "Ihr müsst euch entscheiden. Steht ihr auf der Seite der Verfassung – oder auf der Seite Maduros?"

Mitarbeit: Oscar Schlenker