Während die Vereinsbosse von Schalke 04 und dem FC Augsburg darum pokern, ob er nun drei oder fünf Millionen Euro Ablöse wert ist, sitzt Markus Weinzierl inmitten von Weinbergen und Apfelplantagen an einem See in Südtirol und wartet – auf den einen, erlösenden Anruf, den Startschuss in ein neues Leben. Es ist Donnerstag der vergangenen Woche.

Es gibt Menschen, bei denen wirkt sich der Marktwert auf den Geschmack aus, die Uhren werden größer, greller die Kleidung, schneller die Autos. Weinzierl ist zu Fuß unterwegs, er trägt Turnschuhe und kommt gerade aus dem Wald. "Heute gehen wir bogenschießen", hat er den Jungs versprochen, "egal, was kommt", und so spielt der Vater mit seinen Söhnen Max und Moritz an diesem Nachmittag Robin Hood, sie zielen auf Tiere aus Plastik in lebensgroßem 3-D-Format. Hier, nicht weit von Bozen entfernt, genießt er noch mal die volle Dröhnung altes Leben, er macht Urlaub mit den Kindern und seiner Frau Kerstin, einer Lehrerin. Sie wohnen mit Freunden im Haus am See, wie jedes Jahr nach dem Ende einer langen Saison.

Seine Freunde sagen, der Markus verfüge über "stoische Geduld". Er sei "ein echter Niederbayer". Dazu passt, dass er sechs Jahre beim SSV Jahn Regensburg durchhielt, zwei Saisons als Vize im Hintergrund, dann als Cheftrainer, er führte die Mannschaft in die zweite Liga. Damals sei er "ins kalte Wasser gesprungen, geschwommen und nicht untergegangen", erinnert er sich.

Mit 38 Jahren beschlich ihn zum ersten Mal das Gefühl, an die Grenzen des Möglichen in der Zusammenarbeit zu kommen. Der gebürtige Straubinger verließ Regensburg und wechselte zum FC Augsburg. Auch dort war das Wasser anfangs ziemlich kalt, nur neun Punkte erreichte die Mannschaft in der ersten Hinrunde, doch Weinzierl schwamm weiter ruhig seine Bahnen. Er schaffte den Klassenerhalt, beendete die darauffolgende Saison auf Platz acht und wurde von der Vereinigung der Vertragsfußballspieler noch vor Pep Guardiola zum besten Trainer des Jahres gewählt. Seit 108 Jahren gibt es den FC Augsburg, so erfolgreich wie unter seiner Führung waren sie noch nie.

"Nun ist es an der Zeit für den nächsten Schritt. Das ist doch verständlich, oder?", fragt Weinzierl und trinkt einen Schluck seines italienischen Cappuccinos. "Es wäre schön, wenn der Anruf endlich erfolgte", wenn sich Augsburg darauf einließe, ihn trotz seines Vertrages, der noch bis 2019 läuft, zum FC Schalke 04 ziehen zu lassen. "Es ist die richtige Entscheidung für beide Seiten", sagt Weinzierl. Die Augsburger Fans sehen das anders, werfen ihm Illoyalität vor, interpretieren sein Schweigen als Arroganz, das verletzt ihn. Auch deshalb hat er sich nun entschieden, zu reden. "Wir haben alles erreicht, was wir zusammen erreichen konnten. Jetzt muss einer mit neuen Ideen und neuen Visionen übernehmen." Weinzierl verfügt über das Talent, Grenzen zu erkennen, bevor sie sichtbar werden.

Was wird er tun, wenn die Ungewissheit endlich vorbei ist? Noch mal eine Woche durchatmen? Schließlich gönnten sich Guardiola oder Thomas Tuchel ein ganzes Jahr Auszeit. "Um Gottes willen, nein", sagt er, "dann fahre ich los und beginne zu arbeiten. Die Zeit drängt." Es brodelt in ihm.

Auf Schalke wissen sie nur zu gut, wie sich das anfühlt, wenn Emotionen überwältigen. Schalke ist nicht irgendein Vulkan, sondern der aktivste unter den deutschen Vereinen. Zündeln gehört hier zum Alltag – nicht erst seit dem letzten Spieltag, an dem André Breitenreiter verabschiedet wurde: Zwölf Trainer wurden in den vergangenen zehn Jahren verbrannt, darunter Namen wie Felix Magath, Roberto Di Matteo und Ralf Rangnick. Bevor auch nur einer von ihnen ankommen konnte, wurde er wieder ausgespuckt.

Kein Publikum kann einen Trainer so vor sich hertreiben wie die Fans von Schalke 04

Die letzte Meisterschaft der Schalker liegt 60 Jahre zurück, und gerade deshalb scheint die Sehnsucht der Fans unerschöpflich. Hier lebt die Romantik, die sich andere Vereine von Markenprofis in ihre Slogans schreiben lassen, um sich ihrer bewusst zu werden. Mit der Hand auf der Brust appellieren die Anhänger Schalkes vor jedem Heimspiel: "Blau und Weiß, verlass mich nicht." Es ist nicht der reine Erfolg, sondern das Gefühl, unabhängig von Herkunft oder Wohlstand eins zu sein, an das sie sich klammern. Das macht die Bindung so stark – und mächtig. Zur Wahrheit gehört aber auch: Kein Publikum in Deutschland kann die Stimmung im Verein und somit auch den Trainer so vor sich hertreiben wie die 140.000 Mitglieder von Schalke 04.

Momentan ist die ziemlich mau. Während Lokalrivale Borussia Dortmund mit dem mutigen, detailverrückten Trainer Thomas Tuchel die Saison hinter den Bayern auf Platz zwei beendet hat, dümpelt Schalke auf Platz fünf der Bedeutungslosigkeit entgegen. Es geht nun darum, endlich wieder wer zu sein. Und das soll dieser Mann mit den braunen Locken schaffen? Einer, der, wenn er die rechte Augenbraue spielerisch hochzieht, noch jünger wirkt, als er es mit seinen 41 Jahren ohnehin erst ist? Einer, der als Spieler nicht über die zweite Mannschaft von Bayern München, die Stuttgarter Kickers und Unterhaching hinausgekommen ist? Einer, der als Trainer bisher nur auf den kleinen Bühnen gespielt hat?