Im Windschatten

Diese Literaturkritik beginnt in einer Umkleidekabine. Denn den Wahnwitz, die Größe dieses Buches begreift vollends nur, wer es nicht bloß liest, sondern es am eigenen Leib ausprobiert. Deshalb bin ich hier, im ersten Stock des Ferry-Dusika-Stadions, der Radsporthalle von Wien. In der Luft hängt der Geruch aus altem Turnbeutel, Schweißfüßen und scharfem Putzmittel. Neben mir zwängt sich Ilija Trojanow in sein Trikot und die Radlerhosen mit Sitzpolster. Der preisgekrönte Romancier (Der Weltensammler) möchte mit mir ein paar Runden auf der hölzernen Rennbahn drehen, damit ich buchstäblich erfahre, was ihn in den vergangenen vier Jahren umgetrieben hat: sich der Macht, Kraft, Lust, Vielfalt des Sports mit Haut und Haar hinzugeben.

Meine Olympiade heißt das literarische Endergebnis, das Buch, in dem Trojanow von seinem Versuch berichtet, alle Sportarten der Olympischen Sommerspiele selbst auszuprobieren und sich – zumindest virtuell – mit den Besten ihres Fachs zu messen. Mindestens halb so gut zu sein wie die Goldmedaillengewinner von London 2012 lautete das ehrgeizige Ziel. 80 Disziplinen hat der Schriftsteller trainiert, vom Stabhochsprung bis zum Tontaubenschießen, vom Hammerwerfen bis zum Badminton. Warum tut man sich so was an?

"Eigentlich war es mein Gegenprogramm zum Schreibmarathon, in dem ich für den Roman Macht und Widerstand steckte", erzählt Trojanow, während wir auf unseren Radfahrschuhen vorsichtig durch den Tunnel stöckeln, der uns ins Innere der Arena führt. Außerdem wollte er, passionierter Couch-Potato und TV-Sportler, das Gefühl dafür zurückgewinnen, was die Spitzenathleten eigentlich leisten, die in den Hochglanzbildern der Liveübertragungen aus London so scheinbar mühelos vorbeiflogen. "Ich hatte das Gefühl, beim Zuschauen das Wesentliche zu verpassen, alles wirkt zu einfach oder zu schwer." Trojanows bis dahin größte sportliche Leistung: Kenianischer Meister im Tennis – als Zehnjähriger. Nun, als Mann von 50 Jahren, die neue Herausforderung: Die Geschichte vor dem perfekten Wurf erzählen. Deshalb seine Devise: Vom Voyeur zum Akteur!

Anhand eines ausgetüftelten Vierjahresplans macht er sich auf den Weg: Boxen in New York, Ringen in Teheran, Judo in Tokio, Marathon in Griechenland, Segeln vor Sri Lanka. Klingt nach einer Weltreise mit Club Robinson, ergab sich aber so, weil sich die Kultur vieler Sportarten an ihrem Ursprungsort besser studieren lässt. Und weil diverse Stipendien und Gastdozentenaufträge den Autor eh um die Welt führten. "Es wurde eine Art Bildungsreise, vom Ich zum Selbst, bei der ich viel über mich erfahren habe, über das Allzumenschliche, über Subkulturen, soziale Strukturen, Traditionen, Sehnsüchte. Eine unglaubliche Bereicherung in Sachen Weltkenntnis und eine Intensivierung des Lebens." Unverzichtbare Reiseführer sind dabei die zahllosen Trainer, die ihn selbstlos in die Vielzahl der Disziplinen einweisen. Ihnen ist das Buch gewidmet, und einer von ihnen wartet jetzt auf uns: Roland Waffler.

Der Österreicher war selbst ein Weltklasse-Bahnfahrer, jetzt ist er Trainer des rot-weiß-roten Nachwuchses. Einer, der schlechte Luft ein- und Enthusiasmus ausatmet, wie Trojanow schreibt. Nun erklärt er mir – wie zuvor dem Autor – die Tücken des Radelns auf der Bahn. In den Kurven steil wie eine Bergwand, ragt das Oval rings um uns in die Höhe; zahllose Macken in den graubraun gescheckten Holzplanken, mit einer Art Kitt geflickt, künden von den Stürzen, die in diesem Sport unvermeidlich sind. Wie soll man diese Wand bloß entlangfahren können, noch dazu mit profillosen, superdünnen Reifen? Alles eine Frage des Tempos, sagt Roland. Und der inzwischen zum Bahnroutinier gereifte Trojanow assistiert: "Es ist erstaunlich, wie viel mehr die Menschen ihrer Intuition vertrauen als den Gesetzen der Naturwissenschaft."

Die Physik sagt: Ab Tempo 30 kann mir nichts mehr passieren. Das heißt: treten, treten, treten. Mein ultraleichtes Gefährt lässt mir auch keine Wahl: Bahnräder haben eine starre Nabe, das heißt, die Tretkurbeln drehen unerbittlich weiter, auch wenn ich aufhöre zu pedalieren. Wer das für nur einen Moment vergisst, wird quasi von der eigenen Kraft aus dem Sattel katapultiert. Dass das Rad keine Bremsen hat, macht es auch nicht eben leichter. Langsamer wird man nur, indem man sich dem unerbittlichen Pedaldruck entgegenstemmt. Vielleicht hat unser Fotograf ja doch recht mit seiner Warnung: Über den Lenker gekrümmt in die Steilwand hineinzustechen sei schlimmer, als vom Zehnmeterbrett zu springen.

Eleganz und Rasanz seien das Wesen des Bahnradfahrens, schreibt Trojanow. Das unterscheidet seine Olympiade von herkömmlichen Sportbüchern: Er schafft es, jede einzelne Sportart poetisch auf den Punkt zu bringen. "Beim Rudern hat man die Zukunft im Rücken. In keiner anderen Sportart hat man das Ziel nicht vor Augen. Kraftvolle Meditation. Trance durch Bewegung." Badminton: "Höchste Intensität, gnadenlose Choreografie. Ein Tanz ohne Partner, bei dem der Gegenspieler den Takt vorgibt. Besteht aus drei Elementen: Geschwindigkeit, Platzierung und Bauernschläue. Angewandter Machiavelli." Turmspringen? "Die Kunst des anmutigen Absturzes." Diskuswerfen? "Sinnbild einer Qualität, die wenigen Menschen eigen ist: schwere Aufgaben leichtfüßig zu bewältigen. Ein Bulldozer tanzt Ballett."

Gefallen an der Raserei

Immer wieder führt er vor, dass das Sprechen und Schreiben über Sport nicht zwangsläufig aus dem Gestammel der Athleten im Ziel oder der Reporter auf der Tribüne bestehen muss. Mit eleganter Beiläufigkeit reichern Ausflüge in Etymologie, Kulturgeschichte, Körperkunde, Physik, Ernährungslehre und Trainingsmethodik den Selbsterfahrungsbericht an. Er gehört ins Gepäck jedes Reporters, der demnächst zu den Spielen nach Rio fährt. Und in die Trainingstasche jedes Hobbysportlers, der sein Gehirn nicht an der Theke mit den Anabolika in Zahlung gegeben hat.

Der Zugang zu jedem Kapitel, jeder Sportart ist anders. Mal steht die persönliche Erfahrung am Anfang, mal ist es Qual, Versagen oder Glück, mal ist es die (Kultur-)Geschichte der Disziplin. Mühelos lernt man, was Hero und Leander mit dem Schwimmgenie Michael Phelps zu tun haben und welche Lektion Heimito von Doderer beim Bogenschießen für sein Schreiben gelernt hat. So ergibt sich ein Buch voller Rhythmuswechsel, auf und ab wogend wie ein Boxkampf oder eine Kür auf dem Trampolin, akzentuiert mit zahlreichen prägnanten Anekdoten. Etwa jener Geschichte vom Halbfinale der italienischen Meisterschaft der Bahnradsprinter 1968, als keiner der beiden Kontrahenten vorwegfahren und dem Gegner Windschatten geben will. Also balancieren beide so lange auf der Stelle, bis einer von ihnen entkräftet vom Rad fällt – nach mehr als einer Stunde!

Aber der Stehversuch ist für Fortgeschrittene; ich bin froh, dass ich nach etlichen zittrigen Runden langsam Gefallen an der Raserei finde. Und wenn mich Mut und Selbstvertrauen plötzlich verlassen, kann ich mich immer noch auf jenen hellblau lackierten Streifen retten, der die Bahn vom Innenraum trennt und kaum noch Gefälle aufweist. Wer ihn befährt, ist zwar offiziell aus dem Rennen, aber in Sicherheit und an einem schönen Ort: Im Jargon des Bahnradsports heißt die blaue Zone Côte d’Azur.

Für solche Details hat der Weltenbummler und -sammler Trojanow in besonderer Weise Auge und Ohr. Sie sind ihm Beleg für die These, dass die menschliche Fantasie "jede Sportart zu einem lebendigen Kunstwerk formt". Und wie Bücher, Filme, Bilder erzählt jeder Sport eine Geschichte über das Wesen des Menschen, über "seine Sinne und Sehnsüchte, seine Ambitionen und Illusionen". Es ist ein dialektischer Prozess der Selbsterkundung: "Mit der normierten, perfekt ausgeführten Bewegung vergewissert sich der Mensch seiner Freiheit." Dabei spielt es keine Rolle, ob man Hobbysportler oder Profi ist, das individuelle Glücksgefühl ist bei beiden gleich.

Obwohl Trojanow auszog, das Können der Besten zu würdigen, bleibt sein Verhältnis zum Leistungssport ambivalent. Nach vier Jahren Training bewundert er die Sportler noch mehr – "weil ich zum ersten Mal die Leistung wirklich einschätzen kann". Doch wie in seinen anderen Büchern ist auch der Sportler Trojanow Ideologiekritiker und beklagt, dass die totale "Durchökonomisierung den Sport seiner Poesie beraubt". Das Motto des Buches erteilt hemmungslosem Ehrgeiz eine Absage ("Wer dreimal hintereinander gewinnt, ist ein schlechter Mensch", ein Sprichwort der Lakota-Indianer). Mit der Fixierung auf Podestplätze und Medaillenspiegel hat Trojanow ebenso seine Probleme wie mit der grassierenden Fitnessmanie: "Das ist doch nur ein Spiegelbild des Selbstoptimierungswahns unserer neoliberalen Gesellschaft, von dem man sich doch gerade in der Frei zeit lösen sollte, statt sich genau wie am Arbeitsplatz kontrollieren, einschätzen und durchleuchten zu lassen."

Als er das sagt, sitzen wir bereits frisch geduscht beim Mittagessen. Jedes Mal, wenn ich etwas tiefer Luft hole, muss ich husten, so habe ich mich beim letzten Sprint und im Kampf gegen die Uhr verausgabt. Denn Ideologiekritik hin oder her: Wettkampf muss sein, "wozu sich quälen ohne Ziel?". Deshalb ja auch das virtuelle Kräftemessen mit den Olympiasiegern, auch wenn sich in vielen Disziplinen die Leistungen kaum vergleichen lassen. Wo es ging, hat Trojanow eine ausgeglichene Bilanz: In immerhin der Hälfte seiner Wettkämpfe war er halb so gut wie der Goldmedaillengewinner. Auf dem Radoval brauchte er für die klassische Distanz von 1.000 Metern gut anderthalb Minuten und damit 32 Sekunden länger als der Olympiasieger. Klingt wenig, für Trojanow ist es eine Welt: "Über eine halbe Minute – da kann man ja fast eine Revolution machen!"

Und ich? Etliche Runden hatte ich mich hinter Ilija eingefahren. Was für ein Symbolbild: der Autor mutig voraus, der Kritiker bequem im Windschatten. Doch dann galt es: vier Runden Vollgas, ganz allein. Schon in der dritten wollte ich absteigen und mich übergeben. Nach 1:24,60 Minuten, von Roland Waffler handgestoppt, bin ich im Ziel. Jetzt weiß ich wirklich, was es bedeutet, wenn Ilija Trojanow schreibt: "Sprint ist eine Ekstase, die von der eigenen Erschöpfung überholt wird."

Ilija Trojanow: Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen; Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016; 336 S., 22,– €, als E-Book 19,99 €