Es gibt tatsächlich Leute, die Pfeffer ablehnen. Nicht weil er zu scharf wäre oder nicht schmeckt, sondern aus Prinzip. Micha Schäfer gehört dazu. Schäfer ist Küchenchef eines der angesagtesten Berliner Szenerestaurants – und im Nobelhart & Schmutzig kommt nur auf den Tisch, was die Gärten, Wälder und Seen Brandenburgs hergeben. Schäfer kennt die Jäger in der Mark und die Fischer auf der Müritz, und wenn er im Wald unterwegs ist, dann hat er eine Tüte dabei, um Blätter und Blüten zu sammeln. "Brutal regional" nennt er diesen Ansatz, und weil der Pfeffer nun einmal nicht in Teltow, Strausberg oder Oranienburg wächst, müssen Schäfers Gäste darauf verzichten.

Es mag irgendwie unpassend wirken, sich in diesen Zeiten mit Küchengewürzen zu befassen, doch der Pfefferstreit wirft eine Frage auf, die den Kern vieler der Krisen berührt, die derzeit die Welt erschüttern. Denn wenn sich die Regierung in Berlin gezwungen sieht, einen Milchgipfel anzusetzen, weil die Preise ins Bodenlose fallen und den Bauern die Gewinne wegbrechen, dann geht es auch darum, wie viel regionale Eigenständigkeit wir uns in Zeiten globaler Märkte noch leisten können und wollen.

Micha Schäfer hat diese Frage für sich mit dem Vorrang des Regionalen beantwortet. Und er liegt voll im Trend. Nicht nur in Deutschland wächst der Anteil der nach ökologischen Kriterien genutzten Anbauflächen ständig. Inzwischen setzen 8,2 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe auf Bio – und viele auf regionale Vermarktungskanäle. Überall im Land schießen Wochenmärkte und Milchmanufakturen aus dem Boden. Immer mehr Menschen wollen nichts zu tun haben mit einer Landwirtschaft, die allein in Deutschland jährlich 45 Millionen männliche Küken tötet, weil sie keine Eier legen. Und die Obst aus Neuseeland heranschafft, als wüchsen hierzulande keine Äpfel. Wer im Nobelhart & Schmutzig essen will, der muss jedenfalls in der Regel schon Wochen im Voraus einen Tisch buchen.

Man kann das als Ausdruck einer Gegenbewegung zur Globalisierung mit immer mehr Zulauf verstehen. In einer zunehmend entgrenzten Wirtschaftswelt wächst die Sehnsucht nach regionalen Bezügen und Produkten. Und auch das ist Teil der Erklärung: Ein Landwirt ist in der Vorstellung vieler Menschen mehr als ein Lebensmittelproduzent. Er trägt zum Erhalt einer jahrhundertealten Kulturlandschaft bei und erfüllt damit eine gesellschaftliche Funktion – und sei es nur, weil er daran erinnert, dass die Milch nicht aus dem Pappkarton kommt.

Kaum eine Imagekampagne für die Landwirtschaft kommt deshalb ohne glückliche Kühe und idyllische Berglandschaften aus. In der Realität aber handelt es sich längst um eine globale Veranstaltung. Deutschland etwa nimmt beim internationalen Handel mit Nahrungsmitteln eine Spitzenposition ein – nur die USA und die Niederlande vermarkten einen größeren Anteil ihrer Agrarprodukte außerhalb der eigenen Grenzen. Die Verbraucher mögen glückliche Kühe schätzen, aber ebenso schätzen sie günstige Milch.

Und vielleicht muss man in diesen Tagen daran erinnern, was die Industrialisierung der Landwirtschaft auch ist: ein gewaltiger historischer Fortschritt. Vor 200 Jahren stellte der britische Nationalökonom Thomas Malthus seine berühmte These auf, wonach die Menschheit bis an das Ende ihrer Tage zu einem Leben in Armut verdammt sei, weil die Nahrungsmittelproduktion mit der Bevölkerungsentwicklung nicht Schritt halten könne.

Es kam anders. Die westliche Welt erlangte einen bis dato unvorstellbaren materiellen Reichtum – auch weil moderne Maschinen, neue Anbaumethoden und chemische Pflanzenschutzmittel die Effizienz der Landwirtschaft dramatisch steigerten: Im Jahr 1900 ernährte ein Bauer in Deutschland statistisch betrachtet 4 Personen, heute versorgt er 145 Menschen. Die Milchleistung einer Kuh hat sich im Schnitt verdreifacht, der Weizenertrag sogar vervierfacht.