"Für mich gehört das Kreuz ins Kanzleramt. Gott und Freiheit sind kein Widerspruch" – Seite 1

DIE ZEIT: Frau Grütters, wie oft kommt im Arbeitsalltag einer Staatsministerin Religion vor?

Monika Grütters: Täglich. Darum muss ich mich nicht künstlich bemühen. Und deshalb passt es auch, wenn in meinem Büro das Kreuz hängt. (zeigt auf ein massives Eisengusskreuz neben der Tür)

ZEIT: Wollen Sie damit sagen: Das Christentum gehört ins Kanzleramt?

Grütters: Für mich gehört das Kreuz ins Kanzleramt, denn das Christentum gehört zu unserer Kultur. Und mir persönlich ist es wichtig. Das Kreuz, das Sie hier sehen, stammt von dem Bildhauer Markus Daum und ist die kleinere Ausgabe des großen Kreuzes im Fraktionssitzungssaal der CDU/CSU.

ZEIT:Angela Merkel ist evangelisch, Sie sind katholisch. Wer ist frommer?

Grütters: Das weiß allein der liebe Gott, und das ist auch gut so. Aber es verbindet uns mehr als uns trennt. Auf jeden Fall machen wir beide Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Und es kann sogar vorkommen, dass im Kanzleramt Kirchenlieder gesungen werden, bei der Weihnachtsfeier oder wenn Chöre zu Besuch kommen.

ZEIT: Reden politisch aktive Christdemokraten oft über den Glauben?

Grütters: Nein, kaum. Es gibt aber beispielsweise Einkehrtage im Benediktiner-Kloster Maria Laach in der Eifel, wo sich Katholiken aller Parteien zu Exerzitien treffen. Übrigens haben sämtliche Minister des aktuellen Kabinetts beim Amtseid die Schwurformel benutzt: "So wahr mir Gott helfe." Auch die Muslimin Aydan Özoğuz.

ZEIT: Fanden Sie das nicht irritierend?

Grütters: Nein, es ist wohltuend, einen gläubigen Menschen als Kollegin zu haben.

ZEIT: Sie stammen aus dem katholischen Münster. Wie geht es Ihnen in Berlin, wo es weniger als dreißig Prozent Christen gibt?

Grütters: In Berlin braucht man als Katholikin zuweilen Bekennermut. Wie es im Petrus-Wort heißt: "Steht jedem Rede und Antwort, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt!" Ich sage gern, was mein Glaube mir bedeutet, nämlich inneren Halt, Orientierung und Zuversicht. Und Kirchen sind wie Wegmarken unserer Kultur, sie prägen unsere Identität. Als ich in Berlin erstmals fürs Abgeordnetenhaus kandidierte, riet man mir, den Hinweis auf mein Katholischsein im Flyer lieber wegzulassen, weil ich damit in Berlin angeblich mehr Menschen irritiere als gewinne. Es hat mir aber nicht geschadet, diesen Rat zu ignorieren. Man muss meinen Standpunkt ja nicht teilen, aber auch in Berlin sind Politiker mit echten Überzeugungen glaubwürdiger.

ZEIT: Warum soll Gott für moderne Politiker relevant sein, die doch der Freiheit verpflichtet sind?

Grütters: Gott, Modernität und Freiheit sind ja kein Widerspruch. Unser Grundgesetz fußt auf einem christlichen Menschenbild, das die Würde und die Freiheit des Einzelnen absolut setzt. Religiöse Grundierungen sind in unserer Verfassung also durchaus zu finden. Dennoch haben manche Mitbürger jetzt Angst vor dem Islam; sie sind sich ihrer eigenen Wurzeln offenbar nicht mehr sicher.

ZEIT: Das hieße: Wer nicht glaubt, ist auch nicht tolerant? Wie erklären Sie diese provokante These einem Atheisten?

Grütters: Der zur Freiheit befreite Mensch ist ein christliches Ideal, das von der Gottesebenbildlichkeit herrührt. Und unser Begriff von Würde ist ohne die Nächstenliebe undenkbar. Sie sehen: Aufklärung und Rechtsstaat fußen auf ebendiesen christlich-abendländischen Werten. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um das anzuerkennen. Aber mir persönlich hilft mein Glaube auch in manchen ethischen Debatten der Gegenwart.

ZEIT: Darf ein Politiker, der für Menschen entscheidet, die keine Christen sind, in der Politik christliche Argumente vorbringen?

Grütters: Ja! Nur müssen wir unterscheiden: In der Religion geht es um Wahrheiten, in der Politik werden Mehrheiten verhandelt. Die Wähler dürfen und können von mir erwarten, dass ich auch mein Gewissen befrage, bevor ich einer Sache zustimme. Ich persönlich war etwa in der Sterbehilfe-Debatte dafür, Schmerzen besser zu lindern, aber nicht beim Sterben aktiv nachzuhelfen. Ich komme aus einem Arzthaushalt, daher weiß ich: Es würde viele Ärzte und gläubige Christen überfordern, den Tötungswillen eines Patienten auszuführen. Wir dürfen das Tötungsverbot nicht leichtfertig zur Disposition zu stellen. Es waren ja auch deutsche Christen, die sich in der Nazizeit in ihrer Euthanasie-Aktion die Entscheidung über – wie sie es nannten – "lebenswertes und lebensunwertes Leben" anmaßten.

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ZEIT: Und was ist mit Schwerstkranken, die sterben wollen? Haben sie kein Recht auf Hilfe?

Grütters: Doch. Aber Töten ist in meinen Augen keine Hilfe. So verständlich das Motiv, einen kranken Menschen von seinen Qualen erlösen zu wollen, im Einzelfall sein mag, so unerträglich sind die Folgen: Wo es die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe gibt, entsteht auch die Erwartung, sie in Anspruch zu nehmen, um anderen nicht zur Last zu fallen. Das verändert familiäre Beziehungen, das hat Folgen für die Bereitschaft zur Solidarität mit Schwachen und Kranken, das bleibt nicht ohne Wirkung auf das Wertegefüge einer Gesellschaft.

ZEIT: Wurden Sie für Ihren christlichen Bekennermut schon einmal angegriffen?

Grütters: Ja, es gab Irritationen, auch heftige Auseinandersetzungen. Aber das belebt. Ich begegne ja vielen Künstlern, und da wird um Glaube und Kirche besonders heftig gerungen. Es sind gerade diese zwei Milieus, Kirche und Kunst, die letzte Antworten suchen auf die großen Sinnfragen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die Künste ursprünglich "Mägde der Kirche" waren. Erst allmählich emanzipierten sie sich von ihren kirchlichen Auftraggebern. Es zeugte von großer Souveränität, dass Papst Benedikt ganz neu die Frage stellte: Braucht die Kirche heute die Künste? Seine Antwort: Ja, die Kirche braucht die Künste mehr als sie uns.

ZEIT: Diese Woche ist in Leipzig Katholikentag. Sie treten dort zweimal auf. Welches Thema finden Sie besonders brisant?

Grütters: Die Ökumene. Im Ministerium beschäftigt uns zum Beispiel das Reformationsjubiläum 2017 schon lange, wir haben sieben Jahre lang je fünf Millionen Euro für die begleitenden kulturellen Projekte gegeben. Ich wünsche mir, dass jetzt das Trennende in den Hintergrund tritt. Bei den Sakramenten gibt es eine große Sehnsucht der Laien nach gemeinsamen Ausdrucksformen etwa für Taufe und Beichte.

ZEIT: Die katholische Kirche will offiziell noch immer kein gemeinsames Abendmahl mit den Protestanten. Was machen Sie, wenn Sie in einen Abendmahlsgottesdienst des evangelischen Ratsvorsitzenden hineingeraten?

Grütters: Ich würde beim Abendmahl nach vorn gehen.

ZEIT: Warum?

Grütters: Wenn eine konkrete Situation zur aktiven Gemeinsamkeit einlädt, hat das für mich Vorrang vorm Trennenden der reinen Lehre. Zumindest im Einzelfall. Als katholische Stimme war ich zum Beispiel im Kuratorium der evangelischen Kultur-Stiftung St. Matthäus, mit Bischof Wolfgang Huber an der Spitze. Auch dort habe ich es so gehalten – trotz gelegentlicher Kritik eines unserer Bischöfe.

ZEIT: Bitten Ihre Minister-Kollegen Sie manchmal um Ratschläge in Sachen Religion?

Grütters: Nein! Um Gottes willen: Im Kabinett gibt es überzeugende Vertreter des evangelischen und katholischen Glaubens. Jeder für sich bezieht Stellung, auch in kirchlichen Funktionen: Ich bin zum Beispiel im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

ZEIT: Hat Angela Merkel bei den Flüchtlingen zu sehr als Pfarrerstochter und zu wenig als Politikerin agiert – und zu viel Barmherzigkeit gezeigt?

Grütters: Ich verteidige ihre Flüchtlingspolitik aus tiefstem Herzen und aus Überzeugung. Sie hat angesichts einer humanitären Katastrophe die europäischen Menschenrechtsstandards einmal mehr zum Leitbild ihrer Politik gemacht – das ist auch Ausdruck von Barmherzigkeit. Selbst wenn die Mühen der Integration erst noch auf uns zukommen: schlimmer, als daran zu scheitern, wäre, es gar nicht versucht zu haben.

ZEIT: Mittlerweile ist heftiger Streit entbrannt über die Zahl der Flüchtlinge und auch über ihren Glauben: ob sie Religionskonflikte, vor denen sie geflohen sind, nach Europa tragen. Die AfD behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Grütters: Wir leben aus der jüdisch-christlichen Tradition. Und auch die Muslime gehören zu Deutschland. Aber eine Staatsreligion wird es für sie ebenso wenig geben wie für die Christen. In Deutschland ist jeder willkommen, der sich im Rahmen unserer rechtsstaatlichen Ordnung bewegt. Unsere Verfassung ermöglicht Pluralität und Vielfalt. In Deutschland gibt es Religionsfreiheit, das heißt, jeder kann seine Religion frei wählen. Aber es gibt eine zunehmende Angst vor "dem Islam", vor dem Fremden – die müssen wir ernst nehmen.

ZEIT: Würden Sie dem Beispiel jener schwedischen Pfarrerin folgen, die in der Kirche das Kreuz abhängt, damit muslimische Flüchtlinge sich willkommen fühlen?

Grütters: Nein, das hat etwas von Selbstaufgabe. In vorauseilendem Gehorsam das Kreuz abzuhängen wird von Nichtchristen selber mit Kopfschütteln quittiert. Nicht zuletzt Muslime haben weniger Respekt vor einer Gesellschaft, die ihre religiösen Prägungen verneint. Die Frage ist, warum wir uns so schwertun mit anderen Kulturen und Religionen, weshalb wir lieber die Kritik beleidigter Christen als die Kritik beleidigter Muslime riskieren? Mir fehlt hier ein gesundes Selbstvertrauen.

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ZEIT: Würden Sie ein Kopftuch aufsetzen, wo es erwünscht ist?

Grütters: Ungern. Ich empfinde das als Einschränkung meiner Freiheit.

ZEIT: Ist das Kopftuch in der Schule akzeptabel?

Grütters: Wenn wir tatsächlich weltanschauliche Neutralität wollen, dann gehört das Kopftuch bei Staatsbediensteten nicht in die Schule.

ZEIT: Kreuz in der Schule ja, aber Kopftuch nein?

Grütters: Das Kreuz in der Schule oder im Gerichtssaal steht heute nicht für die Vorherrschaft einer Religion. Bei uns gilt die allseits akzeptierte Trennung von Kirche und Staat. Und doch steht das Kreuz hier für ein Bekenntnis zu einer ganz bestimmten Wertegrundlage.

ZEIT: Die Kanzlerin hat sich in den letzten Jahren klar positioniert, wenn es um Meinungsfreiheit ging: Es darf keinen verschärften Blasphemie-Paragrafen geben. Im Fall Böhmermann war sie weniger klar. Ist sein Schmähgedicht noch Teil der Meinungsfreiheit?

Grütters: Das müssen nun die Gerichte entscheiden. Politiker wie Angela Merkel und Wolfgang Schäuble werden im Ausland übrigens auch oft grauenvoll dargestellt – und ignorieren das.

ZEIT: War es nötig, dass die Kanzlerin auf politischer Ebene Böhmermann kritisiert?

Grütters: Sie hat das Ihrige dazu gesagt und sich in einem Punkt öffentlich korrigiert. Der Vatikan hatte übrigens vor Jahren die Satirezeitschrift Titanic verklagt, es war während der VatiLeaks-Skandale, und die Spötter zeigten Papst Benedikt mit befleckter Soutane. Dazu die Zeile: "Undichte Stelle gefunden". Der Vatikan ließ sich auf Gespräche ein und zog schließlich seinen Antrag auf einstweilige Verfügung zurück.

ZEIT: Hand aufs Herz, Frau Kulturstaatsministerin: Mögen Sie blasphemische Kunst?

Grütters: Welcher Gläubige mag schon "blasphemische Kunst"? Wenn Martin Kippenberger einen gekreuzigten Frosch zeigt, ist das sicher große Kunst und doch auch eine Zumutung. Aber Kunst darf und muss zuweilen Zumutung sein, sonst werden wir als Gesellschaft träge, starr, saturiert.

ZEIT: Haben Sie sich Böhmermanns Schmähgedicht ganz angehört?

Grütters: Das blieb uns ja allen nicht erspart. Es ist richtig und nur zu verständlich, sich an Erdoğan zu reiben, unsere Haltung zu ihm immer wieder kritisch zu überdenken und inakzeptable Vorkommnisse in der Türkei deutlich zu kritisieren. Anderseits brauchen wir die Zusammenarbeit mit der Türkei, auch zur Verbesserung der humanitären Lage der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak.

ZEIT: Wann ärgern Sie sich über Religion?

Grütters: Wenn mir Männer aus unterschiedlichen religiösen Gründen nicht die Hand geben.

ZEIT: Wie reagieren Sie?

Grütters: Ich halte mich dann zurück, denn ich kann dem anderen die Geste des Respekts ja nicht aufdrängen. Aber bei passender Gelegenheit frage ich, warum man das tut.

ZEIT: Und, bekommen Sie dann eine Antwort?

Grütters: Ja, richtig überzeugt hat mich aber noch keine.

ZEIT: Welche ist Ihre Gemeindekirche in Berlin?

Grütters: Mich begeistert die Franziskanerkirche St. Ludwig in Wilmersdorf. Ich mag den "Gottesdienst für Ausgeschlafene", sonntags 12 Uhr. Wer nicht pünktlich ist, muss stehen, so voll ist es da. Pater Josef, ein charismatischer Seelsorger, zieht uns alle an. Die Kirche atmet franziskanischen Geist, die Theologie der Einfachheit – und das ist wohltuend in dieser Zeit und dieser Stadt.

ZEIT: Wann haben Sie sich zuletzt über Ihre katholische Kirche geärgert?

Grütters: Über meine Kirche ärgere ich mich öfter, wenn ich mit Würdenträgern zusammenkomme, die sich zu hartnäckig an überkommene Formen und Regeln halten. Ich wünsche mir mehr Offenheit und Einsicht von Teilen der Amtskirche. Übrigens nehme ich viele hohe Amtsträger ganz anders wahr als die meist sehr überzeugenden Ordensleute und die Priester in den Gemeinden.

ZEIT: Was ist für Sie Abendland – und würden Sie den Begriff vermeiden, weil Pegida in benutzt hat?

Grütters: Nein. Ich muss es wiederholen: Keine Selbstaufgabe bitte! Für mich ist "Abendland" ein topographischer und historisch-gesellschaftlicher Begriff, aber auch Heimat. Wenn ich irgendwo auf der Welt in eine Kirche gehe und es riecht nach Stein, Wachs, Weihrauch, dann habe ich das Gefühl, daheim zu sein. Diese innere Heimat ist für mich nicht nur eine katholische, sie erstreckt sich auch auf die Frauenkirche in Dresden, auf Martin Luther, auf das gesamte Christentum.

ZEIT: Was mögen Sie an Luther?

Grütters: Als er sich auf dem Wormser Reichstag 1521 dem Diktat von Kaiser und Papst widersetzte, berief er sich auf die Heilige Schrift und sein Gewissen. Er setzte der weltlichen und geistlichen Macht Grenzen. Er betonte die Gewissensfreiheit, die Urteilskraft sowie die Eigenverantwortung.

ZEIT: Vor dem Katholikentag gab es Streit, ob die AfD dort auftreten darf. Viele fanden: Mit Rechten redet man nicht. Was finden Sie?

Grütters: Problematisches Gedankengut muss man als solches entlarven, im Gespräch und auch auf offener Bühne. Auf dem Katholikentag wird es darum gehen, zu zeigen, dass eine Gesellschaft, die sich ihrer Wurzeln und ihrer Identität sicher ist, auch dem Anderen, dem Fremden Raum geben kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Genau deshalb sollten wir mit der AfD reden und mit ihr streiten, wo immer es sein muss. Die Jesus-Ethik, der Gewaltverzicht, die Nächstenliebe, die unbedingte Würde jedes einzelnen Menschen – das ist für mich ein sehr starker Kompass.

Vom 25. bis 29. Mai findet in Leipzig der 100. Deutsche Katholikentag statt. Er steht unter dem biblischen Motto: "Seht, da ist der Mensch!" Als Grußwort sagte der Regierungssprecher Steffen Seibert: "Ecce homo ist für mich die immerwährende Aufforderung an uns Christen, den Anderen als einen Nächsten zu sehen." Lesen Sie mehr zum Thema in der ZEIT-Beilage Christ & Welt.