Eine Preisverleihung steht diesen Donnerstag an, und die Preisverleiher rühren mächtig die Trommel: Die Sache auf Kampnagel soll ganz groß werden, mit Übertragung in Radio und Fernsehen, alles wichtig, wichtig und NDR-prominent, moderiert von einem tollen Sänger und einem Sänger mit Tolle, Gregory Porter und Götz Alsmann.

Es geht um den Echo Jazz. In 21 Kategorien wird er vergeben, sodass man sich die Namen all der Preisträger auf Anhieb gar nicht wird merken können. Dafür prangt nachher ein Sticker auf ihren Platten, und Konzertankündigungen erwähnen das von der Musikbranche inszenierte Selbstlob, als wäre es eine Iso-Zertifizierung nach der Jazznorm 9001 oder ein Gütesiegel von Stiftung Warentest, Hörbarkeit: "sehr gut".

Springen die Jazzfreunde darauf an? Applaudieren sie lieber einem von der Industrie hochgejazzten Musiker als einem, der einfach so für sie spielt? Trotten sie, nachdem man ihnen dieses Jahr das Elbjazz-Festival weggenommen hat, schäfchendoof zur Fernsehgala? Das Ticket kostet 49 Euro, unseren monatlichen Rundfunkbeitrag nicht eingerechnet.

Ein öffentliches Echo auf den seit dem Jahr 2010 vergebenen Echo Jazz gibt es kaum. Auch kein kritisches. Der Echo scheint dem Publikum und der freien Presse in gewisser Weise egal zu sein. Schulterzuckend nimmt man ihn hin, und nur die Sensibelsten unter den Zeitgenossen hoffen von Jahr zu Jahr, dass die Preisverleihung weniger peinlich vonstattengehen möge als beim letzten Mal.

Jazzmusiker freuen sich natürlich, wenn sie unter den Gewinnern sind. Sie bekommen zwar kein Preisgeld, und manch einer erzählt, dass er die Gala-Tickets für seine Familie selbst bezahlen musste. Aber es ist doch eine kleine Anerkennung für eine hingebungsvolle Arbeit, die nach ihrem Gefühl mehr Beachtung finden könnte.

Ein Gefühl übrigens, das viele Hörer teilen: Die geben einen erklecklichen Teil ihrer im Angestelltenalltag sauer verdienten Euro für Platten und Konzerte aus, und wer lobt sie dafür? Dies vielleicht als Anregung für die Preisverleiher, Kategorie 22.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 23 vom 25. Mai 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es könnte nun eine Musikerschelte folgen. Denn werden die eigentlich genug kritisiert? Erwähnt noch irgendeine Zeitung, vom Radio nicht zu reden, wie unzureichend die letzte Platte, der letzte Auftritt wieder war?

Das Konzert von Pantha du Prince in der Laeiszhalle neulich zum Beispiel: ein komplett misslungener Hype, der sich aus dem Club in einen dafür ungeeigneten E-Musik-Saal verirrt hat. Das Publikum steht wie festgenagelt zwischen den Sitzreihen, kein Raum zum Tanzen. Was soll das? Elbphilharmonie goes Berghain?

Aber Pantha du Prince ist kein Jazz, und jetzt ist es auch genug des Zürnens, zurück zum Echo. Zwei in Hamburg lebende Musiker zählen zu den Preisträgern des in Hamburg vergebenen Preises. Wie wär’s mit einem Hausbesuch?

Benny Greb, der Schlagzeuger, weilt nicht daheim in Lurup, sondern geht frühmorgens in Abbotsford bei Vancouver in Kanada ans Telefon, zwischen zwei Master-Sessions mit je 25 Drummern, die sich von ihm etwas abschauen wollen.

"Ein schöner Tag heute", sagt er, "und gestern war ich zum ersten Mal fischen."

Greb, 35, ist ein umgänglicher Mann, der zu leben und zu lehren versteht. Seine Workshops gibt er auf der ganzen Welt, meist sind sie ausgebucht. Im März war er in New York, im August geht es nach Singapur. Männer sitzen da tagelang im Kreis, trommeln, fragen, erzählen sich was, machen sich Notizen, essen zusammen.

Ähnliche Camps gebe es auch bei Gitarristen und Bassisten, erzählt Greb, aber nicht in diesem Umfang. Als Schlagzeuger gehöre man eben einer besonderen Gattung an, "man muss sich das Instrument erkämpfen, schon bei den Eltern".Und später dann seien die Trommler "die mit dem großen Auto, die den Probenraum haben".

Moving Parts heißt seine Band mit Chris Montague an der Gitarre und Kit Downes an den Tasten. Auf der bei Herzog Records in Ottensen erschienenen Platte spielen sie einen zeitlosen, kunsthandwerklichen Jazzrock. Das dem Album beigegebene Konzertfoto, das auf der MS Stubnitz beim Elbjazz-Festival entstand, zeigt ihr Publikum: zu 95 Prozent Männer, so wie auch 95 Prozent aller Schlagzeuger Männer sind.

Musik für echte Kerle.

Ein echter Kerl ist auch der Wilhelmsburger Giovanni Weiss, der mit 35 seinen zweiten Echo erhält. Der Gitarrist ist anzutreffen im zum Tonstudio umgebauten Keller eines unscheinbaren Barmbeker Mehrfamilienhauses. Oben ruhiges Wohnen, unten Jazz im Gestus von Django Reinhardt.

"Wir sind eigentlich Schrotthändler", sagt Weiss, der von sich nur im Plural spricht, denn die Familie ist groß, 600 seien sie in Wilhelmsburg. "Wir fahren durch die Stadt und gucken, wo was liegt. Dann handeln wir einen Preis aus, laden das auf und fahren zum Großhändler. Das läuft immer. Mal mehr, mal weniger, meistens weniger."

Inzwischen läuft die Musik sehr gut, Django Deluxe heißt sein Trio, das aus drei Weiss besteht – Giovanni, Robert und Jeffrey. Mit der NDR Bigband haben sie das bei MPS erschienene Album Driving eingespielt, das den Gypsy Swing in die Gegenwart holt.

"Vom Sofa in Mutters Stube sind wir direkt auf die Bühne drauf und haben einen Echo gewonnen." So packt er seine Karriere in einen Satz.

Seine im März geborenen Zwillinge heißen Miles und Davis, nach dem Trompeter auf jener alten Kassette, die er als Junge immer wieder gehört hat und die er, wenn sie mal nicht mehr ging, "mit Nagellack geflickt" hat. Seine Auftritte heute können bis zu sechs Stunden dauern, während durstige Familienmitglieder die Bar leeren.

That’s Jazz!