Mancher lebt im hohen Alter nur mehr in seinen Erinnerungen, resigniert, wird depressiv oder bitter. Nicht so Fritz Stern. Bis in seine letzten Tage war er politisch wach und von scharfem Verstand, noch im vergangenen August nahm er sich Zeit für eine Summer School in seinem geliebten Engadin, wo wir eine Woche lang mit gescheiten jungen Leuten über die Gefahren des politischen Populismus diskutierten. Die Lage der Welt, die Krise des Westens, die Zukunft der Demokratie – das war, was ihn bewegte, gegen Ende seines Lebens vielleicht sogar mehr denn je.

Fritz Stern hat sich nie damit begnügt, als bloßer Fachhistoriker die Geschichte einer einmal gewählten Epoche möglichst minutiös zu ergründen. Seine Idee von historischem Verstehen reichte tiefer und weiter, und sein Begriff davon war ein eminent politischer. Denn der New Yorker Gelehrte glaubte an die Wirkmacht der geschichtlichen Persönlichkeit, ja an historische Größe. Dies nicht etwa, weil er eben doch ein altmodischer Vertreter seiner Zunft gewesen wäre – er war im Gegenteil methodisch reflektierter, als manche Jüngeren ihm unterstellten –, sondern weil er an die Menschen glaubte.

Das allerdings musste auch, wer wie Stern, 1926 in Breslau geboren und 1938 aus seiner Heimat vertrieben, bereits 1950 die psychische Kraft aufbrachte, ein erstes Mal wieder Deutschland zu bereisen. Die Nationalsozialisten hatten die seit Generationen assimilierten Medizinerdynastien der Briegers und Sterns, denen er entstammte, 1933 zu Juden gemacht. Der junge amerikanische Doktorand der Geschichte wollte begreifen, was damals mitten in Europa politisch und moralisch möglich geworden war. Er hoffte zu verstehen, wie "es" hatte geschehen können – der Begriff "Zivilisationsbruch" war noch nicht in der Welt, und noch niemand sagte Holocaust.

Wohl aber war in den fünfziger Jahren die Frage nach den Ursachen für das Scheitern der Weimarer Demokratie ein heißes Thema. In den USA wie in Europa, zumal natürlich in der frühen Bundesrepublik, arbeitete sich eine ganze Generation junger Historiker und Politikwissenschaftler daran empirisch ab. Manche gingen, um den Fluchtpunkt 1933 zu fokussieren, bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. So auch Fritz Stern in seiner 1953 an der Columbia University angenommenen Dissertation über Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck. The Politics of Cultural Despair, die Buchfassung dieser eindrücklichen Studie über drei Exponenten jenes völkisch-nationalen Irrationalismus, der gewiss nicht zwangsläufig, aber genauso wenig zufällig im "Dritten Reich" gemündet war, machte Stern 1961 schlagartig bekannt.

Zuvor schon hatte der aufstrebende Postdoc eine Sammlung klassischer Historikertexte herausgegeben, die ihrerseits bald zum Klassiker werden sollte: The Varieties of History. From Voltaire to the Present. Es war ihm, so sagte er, sein liebstes Buch. Es demonstrierte bereits Sterns große Gabe, seine Leser geradezu anzustecken mit seiner Begeisterung für Bewundernswertes und Vorbildhaftes – seien es Glanzstücke historischer Prosa oder Beispiele politischen Muts.

Als 1963 dann Sterns monografischer Erstling in seiner Muttersprache erschien, wussten seine westdeutschen Peers, mit wem sie es künftig zu tun haben würden, denn der Titel der Übersetzung war Programm: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Zusammen mit Kurt Sontheimers Freiburger Habilitationsschrift über Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik leistete Sterns Deutung des vornationalsozialistischen Intellektuellenversagens an Generationen von Studenten geistesgeschichtlichen Aufklärungsdienst.

In der Kontroverse um Fritz Fischers Griff nach der Weltmacht gehörte Fritz Stern 1963/64 zu den entschiedenen Unterstützern des vermeintlichen deutschen "Nestbeschmutzers", der, wäre es nach seinen nationalapologetischen Kollegen gegangen, in den USA nicht hätte reden sollen. Seit dieser Demonstration akademischer Diskursfreiheit wuchs dem immer noch jungen Universitätsprofessor die Rolle eines Dolmetschers in den deutsch-amerikanischen Wissenschaftsbeziehungen zu – und, was manche konventionelleren Geister durchaus zu stören schien, zusehends auch die eines politischen Interpreten. Das Ende der Adenauerzeit und der Aufbruch der SPD unter Willy Brandt beflügelten den amerikanischen (also linken) Liberalen, der im Herzinnersten zeitlebens ein Bewunderer der europäischen Arbeiterbewegung und ihrer großen Gestalten blieb.