Außergewöhnliche Spannung lag am Sonntagabend über dem Wiener Burgtheater. Das hatte mehrere Gründe. Erstens: Die Präsidentschaftswahl war noch immer nicht entschieden, der ultrakonservative FPÖ-Mann Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen von den Grünen standen sich auf zwei jeweils 50 Prozent hohen Wählerstimmsäulen baff gegenüber und warteten auf die Auswertung der per Brief eingegangenen Voten. Die österreichische Präsidentenwahl, man weiß es, gilt als europäische Stimmungs-, Richtungs-, Schicksalswahl, das Land befand sich also in einem Zustand der völligen Betäubung, ungefähr wie eine Schiffschaukelbesatzung, die auf dem Scheitelpunkt der Schaukelreise mitsamt ihrem Vehikel in Erstarrung versetzt wird. Was tat die österreichische Elite, um sich abzulenken? Sie ging ins Theater. Es war die Wiener Premiere von Carlo Goldonis Diener zweier Herren in der Regie von Christian Stückl (in Deutschland war die Inszenierung schon bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen zu sehen). Auch der neue Kanzler, Christian Kern, und der abgesetzte Kulturminister, Josef Ostermayer, waren anwesend, denn das Burgtheater ist in Zeiten politischer Ratlosigkeit für die Österreicher der letzte Ort der Einkehr und Besinnung.

Zweiter Grund für die Erregung in der Burg: Peter Simonischek! Der Schauspieler stand auf der Bühne, obwohl er eigentlich nach Cannes gehört hätte. Simonischek sandte während des Spiels wohl ab und zu einen Gedanken an die Côte d’Azur. Er war dort in engster Wahl für einen großen Preis, der genau jetzt, da er im Diener zweier Herren den Pantalone darzustellen hatte, bei den Filmfestspielen vergeben wurde. Er spielte ja die Titelrolle in Toni Erdmann, Maren Ades deutschem Wettbewerbsfilm, der von der Kritik und dem Festivalpublikum gleichermaßen gepriesen, ja ins Herz geschlossen worden war. Toni Erdmann galt als aussichtsreicher Kandidat für die Goldene Palme, und Simonischek selbst war für den Darstellerpreis im Gespräch. Aber er konnte nicht nach Cannes reisen, denn es war ja Premiere in Wien. Simonischek fand dennoch einen genialen Weg, sowohl den Pantalone als auch den Toni Erdmann auf der Bühne erscheinen zu lassen und also in gewisser Weise gleichzeitig in Wien und in Cannes zu sein.

In Toni Erdmann spielt Simonischek den einsamen älteren Musiklehrer Winfried, der seiner zum Ersticken ehrgeizigen Manager-Tochter das Leben schwer macht und zugleich rettet, indem er sie mit aller Penetranz aus ihrer Karriere-Bahn wirft. Winfried verwandelt sich mit einfachsten Theatermitteln – einer Perücke und einem monströsen falschen Gebiss – in einen alten Faun, nämlich in Toni Erdmann, und dieser Toni tut all das, was in der fugenlos perfekten Welt seiner Tochter verboten ist und allenfalls in Übersprungshandlungen peinlich zutage tritt. Er lässt sich gehen, er ist hässlich, und vor allem: Er ist, unter seiner Maske, der einzige unverstellte Mensch unter lauter Lebensleistungsrobotern.

Die Kauleiste verzaubert den ganzen Mann

Wichtigstes, unvergessliches Requisit der Verwandlung ist die künstliche Kauleiste, die Winfried sich auf die eigenen Oberzähne setzt: ein Set riesiger, perspektivisch gespreizter Primatenhauer. Das Ding verzaubert den ganzen Mann; er klemmt sich ein Lächeln ins Gesicht, das sein schwermütiges Wesen wie mit einem Clownsstemmeisen aufbricht.

Je größer Tonis Unglück ist, desto zauberischer strahlt sein Lächeln; es schwebt schier körperlos über den Szenen – wie das Grinsen der Cheshire Cat aus Alice im Wunderland.

Und was tut Simonischek nun in Wien, im Diener zweier Herren? Er spielt den Pantalone mit exakt den falschen Zähnen, die er in Toni Erdmann benutzt. Es grüßt mit einem breiten Grinsen der Wiener Pantalone den Toni in Cannes.