Was ist Wasser?, fragte der Schriftsteller David Foster Wallace in einer berühmten Rede, die er vor Collegeabsolventen hielt. Er nahm darin die Perspektive des Fischs ein: Wasser ist für den Fisch, was ihn so selbstverständlich umgibt, dass er es nicht mehr wahrnimmt, und doch alles ermöglicht, was er tut. Für mich ist Wasser der Frieden, in dem ich lebe, die Abwesenheit von staatlicher Willkür, die mein Leben ruinieren würde, die Abwesenheit von Krieg und Entwürdigung. In diesem nährstoffreichen Wasser konnte meine Einstellung zum Leben gedeihen: Sie beinhaltet die ausführliche, streckenweise konstruktive Beschäftigung mit dem eigenen Innenleben, die Verbesserung dieses Innenlebens, außerdem verästelte Konsum- und Kulturbedürfnisse, eine gewisse Coolness auch im Angesicht dramatischer Ereignisse sowie die Annahme, dass das Leben Möglichkeiten bereithält.

Das soll nicht etwa herablassend mir selbst gegenüber klingen oder denen gegenüber, die leben wie ich. Warum sollten wir uns auch nicht über Carsharing-Angebote, Kaffeespezialitäten und Theaterinszenierungen den Kopf zerbrechen, wenn das Schicksal nun mal diese Freuden für uns vorgesehen hat und uns mit Schlimmem weitgehend verschont?

Ich weiß, dass es selbst in einem wohlhabenden Sozialstaat schon immer echte Sorgen gab und diese Gesellschaft Menschen ausschließt. Wer in Berlin lebt, kommt nicht umhin, die Armut zu sehen, die milden und die krassen Formen. Aber jetzt hat sich etwas verändert.

Die Politik ist groß und massiv geworden. In Syrien löscht Assad sein Volk aus. Der Konflikt ist mittlerweile ein Stellvertreterkrieg der Großmächte. Terror droht. Deutschland hat eine Million neue Bürger aus dem Nahen Osten. In Wien gewann die FPÖ bei der Bundespräsidentenwahl mit fremdenfeindlichen Versprechen die Hälfte der Stimmen.

Ohne zu fragen, hat das Weltgeschehen sich in das Leben hier, in mein Leben gedrängt und verlangt jetzt Mitspracherecht. Ich kann für mich anhand dreier Ereignisse den Lauf der Veränderung genau nachzeichnen.

Ein Abendessen in Slowenien

Im vergangenen Herbst bin ich nach Slowenien gereist, an die kroatische Grenze im Süden. Ungarn hatte gerade seinen Zaun gebaut, jetzt stapelten sich die Flüchtlinge, aus Griechenland kommend, im Grenzort Rigonce. Die Slowenen gaben sich über ihre Ankunft überrascht. Weil sie alle ordnungsgemäß als EU-Einreisende registrieren wollten, aber keine Unterbringungsmöglichkeiten organisiert hatten, mussten die Menschen bei Kälte im Schlamm schlafen.

Ich parkte das Mietauto am Rand von Rigonce. Es ist ein ordentliches Dorf mit Primelrabatten und dottergelben Fassaden. Die Sonne schien, die Flüchtlinge saßen vor einem der provisorischen Lager im Gras und warteten auf etwas. Die Szenerie hätte beinahe friedlich gewirkt, wäre es nicht so kalt gewesen und wären die Kinder umhergerannt, statt apathisch auf im nassen Gras ausgebreiteten Jacken zu liegen. Ich kam mit einer der Frauen ins Gespräch. Sie hatte auf die Flucht ihre kleine Damenhandtasche mitgenommen, die mir eher für laue Nächte in Damaskus geeignet schien als für einen slowenischen Acker. Ihre Augen waren perfekt geschminkt. Ihr Problem war, dass sie – hochschwanger – schon seit einigen Stunden auf die Toilette musste. Nur gab es hier keine Toiletten. Man hatte sie angewiesen, auf der Wiese zu warten, bis sie in das Aufnahmelager durfte. Hinter der Absperrung stand eine Reihe von Dixi-Klos für diejenigen, die es schon ins Lager geschafft hatten.

"Ist sicher kein Problem", sagte ich zu der Frau, "die lassen Sie bestimmt durch." Wir standen auf und gingen Richtung Lagereingang. Ein berittener Polizist hielt dort die Stellung.

"Sie möchte gern kurz die Toilette benutzen", sagte ich und deutete auf die junge Frau.

"No", sagte der Polizist.

"Aber ..."

"No."

"Aber Sie sehen doch, dass sie schwanger ist."

Er riss am Zügel, sodass sein Pferd den Kopf hochwarf und wir zurückwichen.

"Schwanger sind die hier alle", sagte der Polizist.

Was bedeutet Europa? Kontinent des Friedens und des Christentums? Werte- und Handelsgemeinschaft? Darauf gibt es sicher viele komplizierte und interessante Antworten, aber eine scheint mir auf der Hand zu liegen: In Europa hilft man schwangeren Frauen. Ich denke an die Plaketten im Bus, die mit Piktogrammen darauf hinweisen, dass man für Schwangere aufstehen möge. Jedes Kind lernt bei uns, dass eine Schwangere besonderen Schutz verdient.