Die Welt dreht sich nicht um Österreich, und Österreich dreht sich nicht um das Amt des Bundespräsidenten. In den vergangenen Tagen konnte man leicht einen anderen Eindruck gewinnen. Offenbar ist wenig so sexy wie ein Österreich unter Faschismusverdacht, das internationale Medienecho auf die Wahlen zum Bundespräsidenten war gewaltig und sorgte dafür, dass sich das Land für ein paar Wochen etwas zu wichtig nahm. Die Wahl war spannend, das Ergebnis für Alexander Van der Bellen so knapp, wie es nur sein kann. Aber in die Geschichte wird der Urnengang nicht deswegen eingehen, sondern weil er für das endgültige Ende des alten Österreich steht – es ist aus, Schluss, vorbei.

Die Wahl bestätigt die Existenz eines neuen Österreich: wenig erwartbar und ziemlich bunt, das Gegenteil der Zweiten Republik und ihrer langweiligen Berechenbarkeit. SPÖ und ÖVP – um diese beiden drehte sich bisher nahezu alles, und das seit 1945. Das Land ist damit insgesamt gar nicht schlecht gefahren. Aber das ist vorüber. Demokratie ist auch die Auswechselbarkeit der Regierenden, und da das alte Österreich das nicht mehr gewährleisten konnte, schaffte sich die gesellschaftliche Dynamik neue Räume. Diese heißen zwar nur eingeschränkt FPÖ und Grüne; aber in Rot und Schwarz lässt sich dieses neue Österreich nicht mehr einteilen.

Die nicht mehr ganz so neuen Brüche, die Österreichs Gesellschaft und Politik durchziehen, traten am 22. Mai deutlich hervor. Neu ist nicht, dass die Politik nur noch kaum als Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat wahrgenommen wird. Es geht auch nicht darum, die politische Definitionsmacht der Kirche entweder zu festigen oder zu beseitigen. Ebenso ist es schon gar nicht von Bedeutung, dem "deutschen Charakter" Österreichs Rechnung zu tragen – das hätte man eigentlich auch schon länger wissen können. Aber dass die Abkehr von den alten Erklärungsmustern sich schon so verfestigt hat, das mag viele doch überrascht haben.

Der Klassenkampf, wie er vom (Austro-)Marxismus verstanden wurde, ist ein Ausstellungsstück im Museum der politischen Geschichte. Er liegt dort neben dem politischen Katholizismus, der einst für sich beansprucht hatte, dass die Lehre der katholischen Kirche die Leitlinien der Politik vorzugeben hätte. Doch die Gefechte von damals locken kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor.

Das heißt natürlich nicht, dass Österreich an einem "Ende der Geschichte" angekommen wäre. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzungen, die Gesellschaft und Geschichte heute und morgen vorantreiben, sind von einer Vielfältigkeit, die Spannung verspricht – eine Spannung, die weit über die hinausgeht, die das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen mit sich gebracht hat. Der Wettbewerb um Wählerstimmen hat die Bruchlinien verdeutlicht, die Österreich durchziehen und die Zukunft des Landes bestimmen werden:

Da ist einmal alles, was mit Europa zusammenhängt: Europa als Chiffre für den Abbau von Grenzen; Europa als Chance für die einen, als Bedrohung für die anderen.

Die zwei alten Lager sind tot. Aber stehen die Bruchlinien für neue Lagergrenzen?

Es ist auffallend, dass viele Nicht-Grüne, die im ersten Wahlgang für Irmgard Griss, Rudolf Hundstorfer oder Andreas Khol gestimmt hatten, ihre Entscheidung für Van der Bellen mit dessen proeuropäischer Haltung begründeten; vor allem auch mit ihrer Erwartung, dass ein Bundespräsident Hofer Österreich zu einem Störfaktor in der Europäischen Union machen würde. Eurooptimisten da – Europessimisten dort: Das ist einer der tiefen Gräben.

Ein anderer ist die nicht neue, aber noch mehr als sonst deutliche Rolle des Geschlechts: Hätten nur Männer gewählt, Hofer wäre der sichere Sieger gewesen. Doch die postmodernistisch Infizierten, also die Grünen und die Liberalen – die Kultur- und die Wirtschaftsliberalen: Sie ziehen vor allem weibliche Stimmen auf sich. Bei den Frauen war Van der Bellen der souveräne Wahlsieger.